Rodelglück mit Alpenblick

Autorin: Ronja Vattes - rovline
Winterstimmung in Bergün - Bild: Anselm Bußhoff

Winterstimmung in Bergün – Bild: Anselm Bußhoff

Manchmal sind es nur Bruchteile von Sekunden, in denen eine Erinnerung durch unsere Gedanken weht. Ausgelöst von den Takten einer längst vergessen geglaubten Melodie. Oder von einem Duft, der uns an einen wichtigen Moment unseres Lebens, an eine schmerzliche Liebe, an eine brenzlige Situation oder an pures Glück erinnert. Und manchmal erleben wir Dinge, von denen wir ahnen, sie haben das Zeug dazu, sich in unsere Gedanken, in unsere Erinnerung und in unser Herz einzugraben.

Dies ist ein solcher Moment. Und es wird nicht der einzige in diesen sieben Tagen bleiben. Ein Moment, in dem ein lang gehegter und eigentlich banaler Wunsch endlich doch noch in Erfüllung geht: Es schneit.

Schneeweiss, Honigsüss

Ganz in Weiß: Das Graubündner Bergdorf Bergdorf hat sich seine Ursprünglichkeit großteils bewahrt. Bild: Anselm Bußhoff

Ganz in Weiß: Das Graubündner Bergdorf Bergün hat sich seine Ursprünglichkeit großteils bewahrt. Bild: Anselm Bußhoff

In dicken, schweren Flocken fällt das Weiß spätabends wie eine Erlösung vom Himmel. Der Oktober war vergangen, der November zog ins Land, Dezember kam, unser allererster Winterurlaub als Familie nahte. Aber Südbaden und selbst die Schweiz warteten vergeblich auf kälteres, niederschlagsreicheres Wetter. Doch jetzt Anfang Januar, am Abend unserer Ankunft im schweizerischen Bergün, nimmt das viel zu warme, grau-braune Winterelend endlich ein Ende.

Wir stehen inmitten der nachtkalten, klaren Gebirgsluft und sehen den Flocken zu bei ihrem himmlischen Tanz. Wie sie sich ballerinenhaft sanft und fast ein wenig wählerisch auf Wiesen, Tannen und Felsen legen, dem Kirchturm nach einer Weile schüchtern eine weiße Mütze aufsetzen und alles so still und feierlich wird. Eigentlich sollten wir unsere Koffer auspacken, kochen, die Ferienwohnung, die Betten richten – aber dieser Moment im Januar fühlt sich so weihnachtlich an, wie es nicht einmal der 24. Dezember vermochte.

Es hat geschneit: Winterglück statt grau-braunes Elend - Bild: Anselm Bußhoff

Es hat geschneit: Winterglück statt grau-braunes Elend – Bild: Anselm Bußhoff

In dicken Klamotten stapfen wir durch das Graubündner Bergdorf, das dem Massentourismus noch immer trotzt und sich seine Ursprünglichkeit bewahrt hat. Beim schon dunklen Café Preisig steigt uns der verführerische Duft nach Butter, Nüssen und Honig in die Nase: Urlaub! Graubündner Nusstorte! Wie haben wir sie vermisst! Bei jedem Schritt hinterlassen wir Spuren im frischen Weiß. Warmes Licht dringt aus den kleinen Holzfenstern der geduckten, kunstvoll verzierten Häuser, verleiht dem Schnee ein zartes Funkeln. Wir sind hin- und hergerissen zwischen alles fotografieren, festhalten, archivieren wollen – und einfach nur genießen. Selbst für die sonst so schneeverwöhnten Einwohner scheint dieser Abend etwas Besonderes zu sein. Mitten im Dunkel der Nacht stehen sie plaudernd in Grüppchen beisammen, auf Schaufeln und Besen gestützt. Es riecht nach Kaminfeuer und Speck.

Unsere drei Kinder interessiert das Dorf wenig. Sie haben die Schlitten und Bobs im Hof unserer Ferienanalage entdeckt und sausen kurze Zeit später ein ums andere Mal im lichten Schneedunkel den kleinen Hügel hinterm Haus hinunter. Erst kurz vor Mitternacht fallen wir alle in den ersten tiefen Winterschlaf unseres Urlaubs.

Den Wind in der Nase
Kein Wecker hat uns geweckt und doch sind die Kinder mit einem Schlag glockenwach, stürzen ans Fenster, reißen es auf, um zu gucken: Ist der Schnee denn noch da? Wie eine Keule schlägt uns eisige Luft entgegen. Die Kinder zittern vor Kälte – und Aufregung: Der Schnee ist noch da! Den gestrigen Abend, wir haben ihn nicht nur geträumt. Die drei springen jubelnd in ihre Klamotten und sind bald darauf ungefrühstückt und lärmend nach draußen verschwunden. Es ist, als hätten sie Sorge, der weiße Zauber könnte in wenigen Stunden verschwunden sein.

Tagelang könnte das für sie so weitergehen. Schlitten fahren, Schneeballschlacht, Schneeburgen bauen – und jeden Abend ins Hallenbad unseres Feriendorfs. Während wir Eltern eher die kristallreine, schneetrunkene Bergluft am liebsten in Marmeladengläser füllen und mit nach Hause nehmen würden, ist es der Geruch nach warmem Wasser und Chlor, der die Kinder magisch anzieht.

Mit der Rhätischen Bahn geht's von Bergün zum Start der Schlittelbahn in Preda.

Mit der Rhätischen Bahn geht’s von Bergün zum Start der Schlittelbahn in Preda.

Wir aber werden ungeduldig, wollen endlich die Schlittelbahn testen, von der wir schon so viel gehört und gelesen haben. So leihen wir uns tags darauf ein paar Rodel und Helme, steigen in Bergün in den knallroten Zug, zuckeln Kurve um Kurve den Berg hinauf bis nach Preda. Dort ist der Startpunkt der Schlittelbahn, die bei ausreichend Schnee auf der gesperrten Albulapassstraße sechs kurvenreiche Kilometer wieder hinunter nach Bergün führt und dabei 400 Höhenmeter überwindet.

Seit 1969 wird die Strecke kommerziell genutzt und ist in ihrer Art wohl einzigartig: Nicht nur die Tatsache, dass die Rhätische Bahn, deren spektakulärer Streckenverlauf zum Unesco-Welterbe gehört, als Transportmittel für Schlittler und Schlitten dient. Auch die imposanten, alten Viadukte entlang der Abfahrt sind etwas Besonderes. Mit etwas Glück kreuzen über einem die roten Waggons des Bernina-Expresses, während man selbst gerade durch die Bogen der riesigen Steinbrücken düst.

Die Regeln fürs Schlitteln sind deutlich formuliert: Gefahren werden darf nur auf Rodeln; Plastikbobs und andere Gefährte sind nicht erlaubt. Zu gefährlich, zu schlecht lenkbar, heißt es. Außerdem würden die Plastikrutscher mit ihren Handbremsen die Piste ruinieren. So bleibt Urlaubern meist nur, einen Holzrodel zu leihen – denn wer schleppt schon für mehrere Personen sperrige Schlitten samt Gepäck im Auto mit?

Preda ist erreicht: Ein kurzer Fußmarsch und dann geht's ab. Bild: Anselm Bußhoff

Preda ist erreicht: Ein kurzer Fußmarsch und dann geht’s ab. Bild: Anselm Bußhoff

Wer bei einem der beiden Rodelverleihe vor Ort aufläuft, hat die Wahl zwischen Einer- oder Zweierrodeln. Mutige wagen sich gleich auf Rennrodeln bergab. Ein Helm ist zwar nicht vorgeschrieben, wird aber dringend nicht nur Kindern empfohlen, ebenso wie eine Skibrille. Wer bislang auf starren Holzmodellen wie dem Davoser Schlitten heimatliche Hügel hinabfuhr, wird erstaunt sein, wie anders und schnittig das Fahrverhalten der Rodel ist.

Das bekommen auch wir zu spüren, als wir nach gut einer Viertelstunde Fahrtzeit in Preda aus dem Zug steigen. Nach ein bisschen Gemaule seitens der Kinder, weil wir noch ein paar hundert Meter bis zum Start laufen müssen, sitzen wir auf, fahren los – es wird nicht das letzte Mal sein.

Der Hauch des Abenteuers

Nachdem wir als Familie in den vergangenen Tagen einige Abfahrten gemacht haben, will ich es nun endlich laufen lassen und das Flutlicht-Schlitteln probieren – ohne Pausen, ohne Warten, ohne Gezanke. Das Thermometer zeigt minus elf Grad, als ich gegen 20 Uhr aus dem Zug steige. Außer mir sind nur wenige unterwegs zur Schlittelbahn. Die Nacht ist sternenklar und doch mondlos. Vereinzelt sind die Flutlichtinseln zu sehen, hineingetupft in den verschneiten, dunklen Wald. „Die Bahn ist heute im oberen Abschnitt vereist“, hatte mich Gerhard Wildoner vom Rodelverleih Club 99 gewarnt.

Auf Schlitteltour die Albulapaastraße hinunter - Bild: Ronja Vattes

Auf Schlitteltour die Albulapaastraße hinunter – Bild: Ronja Vattes

Wie Recht er hat, merke ich schon wenige Meter nach dem Start. Der Rodel nimmt rasch an Fahrt auf, mehr als mir lieb ist. Ich stemme die Schuhsohlen auf den Boden, um zu bremsen – doch nichts passiert. Die obere Schicht Pulverschnee wirbelt auf, aber die Schuhe schmirgeln ohne jedweden Halt übers Eis. Die Kurve wird enger, die Fahrt droht außer Kontrolle zu geraten. Reichlich uncool steuere ich auf den Rand der Bahn zu, versenke das rechte Bein wie einen Anker im Tiefschnee und bringe so, etwas hasenfüßig, die steilste Passage hinter mich.

„Im oberen Abschnitt schafft man, wenn’s gut läuft, 60 bis 70 Stundenkilometer“, hatte Wildoner erzählt. Wie sich das anfühlt, mag ich mir in diesem Moment nicht vorstellen. „Wer schnell fahren will, muss aber gut bremsen können“, hatte Wildoner noch schmunzelnd hinzugefügt. Genau da liegt mein Problem. Vielleicht hätte ich doch eine der mit Spikes besetzten Rodelsohlen leihen sollen!, schießt es mir durch den Kopf. Ich bin froh, als die Strecke besser und weniger kurvig wird, und ich es laufen lassen kann.

Wer schnell fahren will, muss gut bremsen können.

Wer schnell fahren will, muss gut bremsen können.

Kaum wird das Tempo höher, benimmt sich mein Rodel wie ein buckelndes Jungpferd, springt über Hubbel, bockt, reagiert auf jede kleinste, eher versehentliche Gewichtsverlagerung. Der Schnee unter den Kufen knarzt, grunzt, säuselt und zischt. Die Augen beginnen trotz Brille vom Fahrtwind zu tränen. Harschiger Schnee stäubt auf, vernebelt mir immer wieder die Sicht. Angestrengt starre ich in die etwas dunkleren Passagen der Abfahrt, versuche im Schummerhell frühzeitig zu erkennen, wo die Strecke wohl weitergeht. Die Tannen stehen stumm und ungerührt am Wegesrand.

Irgendwann, nach gut der Hälfte des Weges, fühle ich mich sicherer, lege mich flacher auf den Rodel, beginne das Tempo zu genießen. Das Hirn lässt langsam das Denken sein und der Körper beginnt zu verstehen: Gewicht nach rechts, um nach links zu fahren. Gewicht nach links, um nach rechts zu fahren. War es nicht so? War doch so, oder? Egal. Einfach dem Rodel wie einem alten Gaul vertrauen, er kennt den Weg. Genuss stellt sich ein. Der Berg funkelt und glitzert, das Herz hüpft – es riecht nach Schnee.

IMG_2222BERGÜN/SCHWEIZ
Anfahrt: Wer rechtzeitig im Internet über die Deutsche Bahn bucht, fährt von Freiburg bis Bergün hin und zurück für 58 Euro (Zugbindung, 2. Klasse), Dauer: etwa fünf Stunden. Per Auto von Freiburg über Basel, Zürich, Chur nach Bergün in etwa 3,5 Stunden.
Unterkunft: Die Schweizer Reisekasse Reka ist eine Non-Profit-Organisation und unterhält 13 familienfreundliche Feriendörfer mit Kinderbetreuung und Schwimmbad in der Schweiz – auch in Bergün, direkt am historischen Ortskern gelegen (www.reka.ch).
Leihschlitten: http://www.club-99.com

Schlittelbahn Preda-Bergün:
Länge: 6 Kilometer, 400 Höhenmeter; Mo 9.30-17 Uhr, Di-So 9.30-23.30 Uhr – gilt als längste beleuchtete Schlittelbahn Europas; Anfahrt mit der Rhätischen Bahn; http://mehr.bz/schlitteln

Schlittelbahn Darlux-Bergün:
Länge: 4,5 Kilometer, 500 Höhenmeter; täglich 9-16.15 Uhr; Anfahrt mit Sessellift

Unbedingt probieren:
– Skateline Albula: Die drei Kilometer lange Skateline Albula, bei der man auf einem vereisten Wanderweg Schlittschuh fahren kann, liegt nur wenige Kilometer von Bergün entfernt zwischen Surava und Alvaneu Bad.
Infos: http://www.skateline.ch
– Engadiner/Graubündner Nusstorte: Conditorei Café Preisig in Bergün
– Bahnmuseum Albula: Interaktives, kindgerechtes und spannendes Museum, direkt am Bahnhof Bergün gelegen, http://www.bahnmuseum-albula.ch
Kontakt: Bergün Filisur Tourismus,
0041/81/4071152, info@berguen-filisur.ch; http://www.berguen-filisur.ch;
Allgemein: http://www.myswitzerland.com

Weitere Texte in diesem Blog über Bergün, Graubünden und die Rhätische Bahn:
Salü Palü! http://wp.me/p388fz-p7
Fehlt Wetter-Apps das Gespür für Schnee? http://wp.me/p388fz-Ez

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