Ein Gewinnspiel geht baden

Autor: Anselm Bußhoff - offpulse

Dass Journalismus und dessen Vermarktung mitunter ein mühsames Geschäft sein kann, muss auch die zuletzt recht rege Presse AG des Emmendinger Goethe-Gymnasiums (GGE) erfahren. Da platzt die Veröffentlichung von Interviews, weil sie nur schleppend oder zu spät autorisiert werden. Oder die launig geschriebene Episode aus dem Schulalltag stößt unvermittelt auf Kritik und lautstarken Nachhall, da sich irgendwer am Wegesrand plötzlich überfahren fühlt. Um die Lesergemeinde ihres Presseblogs zu erweitern, hatten sich die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft jüngst ein Gewinnspiel ausgedacht – und dafür schon den Veranstalter des „I EM Music“-Openairs, Karo-Events, und mit den Emmendinger Stadtwerken den Betreiber des Freibads ins Boot geholt. Doch alles Rudern half nichts. Rechtliche Bedenken(träger) ließen das Projekt nun vorerst kentern. Nach den Pfingstferien sollen alle wieder an Bord geholt und ein neuer Versuch gewagt werden. Wer sich bis dahin – auch ohne Aussicht auf eine Prämie – über das Schulleben am GGE informieren will, dem sei die Seite https://pressebloggge.wordpress.com/ empfohlen. Lesen soll ja immer ein Gewinn sein.

Nicht immer stellt sich der Schulalltag am Goethe-Gymnasium Emmendingen so entspannt dar. Die Presse AG ist aber bemüht. Bild: Gerhard Walser

Eltville schickt Patrick Kunkel in eine dritte Amtszeit

Autor: Anselm Bußhoff - offpulse

Glänzender Verkäufer des Rheingaus, der Stadt Eltville und seiner selbst: Bürgermeister Patrick Kunkel – Bild: Anselm Bußhoff

Patrick Kunkel bleibt weitere sechs Jahre Bürgermeister der hessischen 18 000-Einwohner-Stadt Eltville. Bei einer Wahlbeteiligung von 49,0 Prozent, entfielen 66,0 Prozent der abgegebenen Stimmen auf den 53-jährigen Amtsinhaber. Die Herausforderer brachten es auf 24,2 (Rainer Scholl) und 9,8 Prozent (Klaus Opitz). Insgesamt waren 13 871 Bürgerinnen und Bürger stimmberechtigt.

Auch wenn ein Ampelbündnis aus SPD, Grünen und FDP angekündigt hat, künftig im Stadtparlament eng kooperieren zu wollen, dürfte die Wiederwahl für Kunkel kein Sprung ins kalte Wasser werden. Zum einen sind die Becken im Freibad Eltville stets gut temperiert und zum anderen lenkt der Christdemokrat seit nunmehr zwölf Jahren in unterschiedlichen Konstellationen die Geschicke der ältesten und größten Stadt des Rheingaus. Aus dem einst ambitionierten Rennradfahrer ist in dieser Zeit ein passionierter Langstreckenschwimmer geworden.

EHER WEIN- DENN PECHSTEIN IN DEN GENEN
Als Lance Armstrong um die Jahrtausendwende alljährlich über Frankreichs Gipfel von Sieg zu Sieg strampelt, galt es noch was, am Ende dieser (Tor-)Tour in Paris oben auf dem Siegertreppchen zu stehen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) macht denn im April 2005 publik, ein Tour-de-France-Sieg sei auch der Lebenstraum des Freizeitradlers Patrick Kunkel. Eher nicht mit den Genen einer Claudia Pechstein gesegnet, hat der damals 40-jährige Kleinverleger und Comic-Autor aber erkannt, dass Riesling eher das falsche Elixier ist, um im Sp(r)itzensport vorne mitzumischen. So sucht er sein Glück jenseits des sportlichen Terrains.

Nachdem es ihm 2004 gelungen war, die Spitze der örtlichen CDU zu erklimmen, drehen sich die Träume nun um Erfolge, die eher mit einem Schoppen am Weinstand in Einklang zu bringen sind. Anfang April 2006 ist’s soweit: Patrick Kunkel wird in einer Stichwahl (zweiter Wahlgang) mit 54 Prozent der abgegebenen Stimmen zum Bürgermeister seiner Geburtsstadt Eltville gewählt. Sechs Jahre später machen die Bürger und Bürgerinnen der größten Stadt des Rheingaus gleich im ersten Anlauf alles klar. Mit 64,8 Prozent schicken sie ihn in die zweite Amtszeit.

WECHSEL VOM RENNRAD AUFS E-BIKE?
Nun schenkten die Wählerinnen und Wähler ihrem Bürgermeister ein weiteres Mal das Vertrauen. Vor seiner Wiederwahl sah sich Kunkel allerdings mit gleich zwei Herausforderern konfrontiert. Neben dem eher am rechten Rand rudernden 75-jährigen Fraktionschef der Bürgerbewegung für Eltville (FEB), Klaus Opitz, ging der Liberale Rainer Scholl (57) als gemeinsamer Kandidaten von SPD, Grünen und FDP ins Rennen. Unter dem Motto „bunt statt schwarz“ sollte der seit einem Vierteljahrhundert für die FDP im Eltviller Stadtparlament sitzende Historiker und Verwaltungswirt dem Amtsinhaber den Chefsessel im Rathaus streitig machen. Erfolglos, wie sich jetzt herausstellte.

Ob zur Feier der Wiederwahl am Weinstand von Eltville die Heizpilze angeworfen werden, war nicht zu erfahren. Das ein oder andere Glas Riesling dürfte aber auf jeden Fall geleert werden. Ein Tweet dieser Woche lässt den Schluss zu, dass ausreichend Vorrat des Rheingauer Rebensafts gebunkert wurde. Eventuell nicht zum letzten Mal. Die derzeit geltende hessische Gemeindeordnung erlaubt es Patrick Kunkel, zumindest in einem Punkt mit dem gefallenen Radsportidol gleich zu ziehen. Da Hessen 2015 die Altersbeschränkung für Bürgermeister(kandidaten) abgeschafft hat, könnte er im Alter von 77 Jahren seinen siebten Wahlsieg erringen. Ihm dürften diese Erfolge im Nachhinein allerdings nicht aberkannt werden. Zwar putscht Kunkel gerne mal Weindebatten mit seinem Faible für Riesling auf, im Rheingau ist diese Weinsorte aber eher Kulturgut denn verbotene Substanz. Für den Weg vom Rathaus zum idyllisch am Rhein gelegenen Weinstand würde der Freizeitradler mit zunehmender Amtszeit wohl zu einem anderen Hilfsmittel greifen: dem E-Bike. Entsprechende Zapfsäulen sind für die dritte Amtsperiode versprochen.

Infografik: eltville.de

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Ein Turnbeutel auf Abwegen?

Autor: Anselm Bußhoff - offpulse

Turnbeutel am Texaspass – Bild: Anselm Bußhoff

Für Gesprächsstoff sorgte in den Tagen vor dem Urnengang die Bürgermeisterwahl im hessischen Eltville. Nachdem etlichen Bürgerinnen und Bürger die Briefwahlunterlagen nicht zugegangen waren, hatte die Kommune zunächst bei der Post öffentlich eine zügigere Zustellung angemahnt. Am Wochenende sorgte dann ein Tweet des gegen zwei Herausforderer um seine Wiederwahl kämpfenden Amtsinhabers Patrick Kunkel für Aufregung. Nach zwölf Jahren als Bürgermeister der ältesten und größten Stadt des Rheingaus war der CDU-Mann mit Infomaterial, Bierdeckeln, Saatkugeln, Kartenspielen und Turnbeuteln in den Kampf um die Wiederwahl gezogen. Bilder des Sportsacks mit dem Aufdruck „#Wir sind Eltville – Patrick Kunkel, Ihr Bürgermeister“ tauchten daraufhin in den vergangenen Wochen vor allem auf Twitter immer wieder auf: Ob an der Zugspitze, am Texaspass des Kaiserstuhls, in Berlin, Biblis oder Meerbusch, der Stoffbeutel war plötzlich überall präsent, auch auf der Besuchertribüne des Bundestages – und im Bundesrat.

Kunkel selbst machte über seinem Twitteraccount publik, wie Hessens Europaministerin Lucia Puttrich und Innenminister Peter Beuth den Turnsack von der Bundesratsbank aus in die Kamera hielten. Das Foto mit den beiden CDU-Vorturnern rief umgehend die Opposition im hessischen Landtag auf die Matte. „Das ist krass“, twitterte die Fraktionsvorsitzende der Linken, Janine Wissler, und schwang sich zum Vorwurf auf, die „Vermischung von Staat und Partei, dürfte gegen die Hausordnung des Bundesrates verstoßen“. Hilfestellung leistete der SPD-Landtagsabgeordnete Marius Weiß: „Die CDU wischt wirklich jede Grenze zwischen Staat und Partei einfach weg.“ Auf der Hausordnung turnt er aber nicht herum. Diese untersagt zwar ausdrücklich das Zeigen von Informationsmaterial sowie das Entfalten von Spruchbändern. Keine Regeln gibt’s bislang hingegen fürs Mitbringen und Zurschaustellen von für die politische Wortakrobatik zweifellos entbehrlicher Sportutensilien.

Am Vorabend der Bürgermeisterwahl in Eltville: Ein Turnbeutel wird Thema der Hessenschau. Screenshot: hessenschau.de

Fast wie einst bei Tante Gerda

Autorin: Ronja Vattes - rovline

Solheim Pensjonat, Røros – Bild: Ronja Vattes

Ein Schritt durch die Türe – und plötzlich riecht es nach Tante Gerda und Onkel Willi, nach Bohnerwachs und alten Teppichen, nach Blumenkohl und Zimmerpflanzen. Höchst ungewöhnlich und sonderbar eigentümlich für ein Hotel. Doch genau so soll es sein im Solheim Pensjonat in Røros, eine Zeitreise zurück in die Epoche der Nierentische, Häkeldeckchen, Transistorradios und Bettvorleger. Wer Luxus und Komfort erwartet, wird enttäuscht sein. Wer ungewöhnlich und vor allem halbwegs günstig im durchaus teuren Norwegen übernachten will, findet bei Johanna Henriksson und ihren Mitstreiterinnen eine stilechte Retro-Bleibe. Fünf Frauen ohne glattgeschniegelte Geschäftstüchtigkeitsroutine aber mit Herz und Elan kümmern sich um die Gäste. Voller Enthusiasmus haben sie Mobiliar, Bilder, Bettwäsche und Geschirr aus vergangenen Tagen zusammengetragen. „Die Leute sollen sich wohlfühlen wie einst bei Oma auf dem Sofa“, sagt Henriksson und setzt uns freundlich erst einen Teller dampfende Blumenkohlsuppe, dann ein Stück Waldbeerkuchen mit Sahne und ein Kännchen Kaffee vor. Als wir satt im Ohrensessel versinken, fühlen wir uns wesentlich besser als einst bei Tante Gerda – die konnte nämlich längst nicht so gut kochen.

Entdeckte Kepler am Himmel über Emmendingen seine Berufung?

Autor: Anselm Bußhoff - offpulse

Ging der kleine Kepler im Haus an der Ecke Westend/Lammstraße (Mitte) zur Schule, während sein Vater das „Lamm“ (rechts) bewirtschaftete? Repro: Anselm Bußhoff

Als die Badische Zeitung vor Jahren Kandidaten zur Wahl des „bedeutendsten Emmendingers“ vorstellte, schien es kurze Zeit so, als habe sie einen Zeitgenossen des Stadtgründers, Markgraf Jacob III., vergessen. Am Himmel über dem damals noch unbedeutenden Marktflecken Emmendingen könnte es gewesen sein, an dem ihm 1577 die Mutter einen ersten Kometen und später der Vater eine Mondfinsternis zeigte. Diese Beobachtungen sollen ihn tief beeindruckt und seinen Lebensweg geprägt haben. In der Astronomie hat sein Name heute noch Weltruf: Johannes Kepler (1571 – 1630).

Der Tipp war von Ulrich Niemann gekommen. Im Nachdruck des 1910 erstmals erschienenen Buches „Der Schwarzwald“ war der Altoberbürgermeister darauf gestoßen. Autor Wilhelm Jensen schreibt über Emmendingen: „Nachdem Markgraf Karl II. 1556 in seinen Landen die Reformation eingeführt hatte, bekannte sein Sohn Jakob III. sich wieder zum Katholizismus und ließ in Emmendingen 1590 das ,Colloquium Emmendingense‘ kirchengeschichtlichen Andenkens abhalten. Der große Astronom Johann Kepler besuchte um ein Jahrzehnt früher hier die Lateinschule (…)“

Die Neugier war geweckt. Die Redaktion suchte nach Spuren Johannes Keplers und fand sie – vor allem in Leonberg. Dorthin, erzählt der schwäbische Stadtgeschichtler Peter Höfer, kehrte Keplers Mutter Katharina zusammen mit ihren Kindern nach einem vermeintlichen Aufenthalt in Emmendingen zurück. Ihr Mann Heinrich blieb. Der Abenteurer, der lange Jahre als Söldner – zeitweise gemeinsam mit seiner Frau – durch Europa gezogen war, hatte mit einer Bürgschaft das Familienvermögen verspielt und versuchte sich nun als Wirt.

Den Namen des Gasthauses, das Heinrich Kepler fortan ohne familiäre Unterstützung führte, vermochte Höfer auf Anhieb nicht zu nennen. Doch was lag näher als das „Lamm“? Schließlich befand sich die Lateinschule in früher Zeit genau gegenüber – im Gebäude Ecke Westend und Lammstraße. Heute werden hier eZigaretten verkauft.

Musste der junge Kepler also einfach nur über die Straße, um Mathe und Latein zu büffeln? Je intensiver sich die Redaktion mit dieser Frage und dem Leben der Keplers beschäftigte, desto brüchiger wurde das Fundament, auf das die Veröffentlichung gestellt werden sollte.

Die Lateinschule in Emmendingen? Sie wurde erst im Jahre 1667 gegründet. Um 1580 konnte daher weder Johannes Kepler in Emmendingen die Schulbank gedrückt noch sein Vater das „Lamm“ gepachtet haben. Denn dieses erhielt erst 1736 das Wirtsrecht. Beides ist auf Infoschildern an den Fassaden in Westend und Lammstraße für jedermann nachzulesen. Die Anfänge der Lateinschule sind zudem in der Geschichte des Goethe-Gymnasiums niedergeschrieben – verfasst von Hans-Jürgen Günther. Der latein- und geschichtskundige Studiendirektor i.R. bestätigt jedoch zumindest eine Verbindung zwischen Johannes Kepler und Emmendingen: Johannes Pistorius!

Als Ratgeber Jacobs III. war der Jurist, Arzt und spätere Priester wohl nicht ganz unbeteiligt daran, dass Emmendingens Stadtgründer 1590 ins Markgrafenschloss zum Religionsgespräch einlud und kurz darauf zum katholischen Glauben übertrat. Ein Schritt, den der Markgraf nur wenige Tage überleben sollte. Nach dessen Ermordung verschlug es Pistorius als kaiserlichen Rat und Beichtvater von Kaiser Rudolf II. nach Prag. Dort arbeitete auch Johannes Kepler, der 1601 zum Hofastronomen und -mathematiker berufen wurde. Der naturwissenschaftlich gebildete Pistorius verfolgte Keplers Arbeit mit großem Interesse und machte sich für ihn stark, als es Ärger ums Gehalt gab. Dieses ging nicht nur recht unregelmäßig ein, sondern fiel zunächst auch weit niedriger aus als zugesagt.

Sein Versprechen eingelöst hat indes Leonbergs Heimatforscher Peter Höfer. Schriftlich lieferte er den Namen jener Lokalität nach, die Keplers Vater 1580 gepachtet hatte: „Gasthaus zur Sonne“! Dessen Standort könnte schon in den Gesprächen zwischen Pistorius und Johannes Kepler für Irritationen gesorgt haben. Formulierte doch Johannes Pistorius in Emmendingen Stadtrechte mit, die der Ort, in dem Heinrich Kepler sein Wirtshaus betrieb, bis heute nicht besitzt: Ellmendingen.

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Nix wie raus und rein in den See

Autorin: Ronja Vattes - rovline

Im Sommer Badesee, im Winter Wasserlieferant für die Schneekanonen: der Högsee über Serfaus – Foto: Anselm Bußhoff

Sommerrodelbahn und Hochseilrutsche, Erlebniswege mit allem möglichen Tri-tra-trulla-la, Kinderanimation von früh bis spät. Ja, all das könnten wir nutzen dort oben im Dörferverbund Serfaus-Fiss-Ladis. Denn was im Winter als Skizirkus bekannt ist, wurde inzwischen auch in der Sommeredition verwirklicht. Es gibt Familien, die deshalb Jahr für Jahr kommen: weil so viel geboten ist. Weil die Kinder in altersgerechten Betreuungsgruppen am täglich wechselnden Outdoor- und Spaßprogramm teilnehmen und die Eltern einfach mal entspannen können. Unseres ist das nicht. Wir wollen Natur, Ruhe, Berge. Ziemlich unbedarft waren wir in dem durch und durch professionalisierten Bergdorf in Tirol gelandet – haben zuerst sehr gefremdelt und es dennoch irgendwann genossen. Kinderprogramm? Hatte keiner Lust zu. Aber mit der dorfeigenen U-Bahn durch den Berg zuckeln: klasse. Mit den vielen kostenfreien Bergbahnen ins alpine Gelände hinaufschweben und den Massen entfliehen: perfekt. Und ein bisschen weiter laufen als die Bequemen, um vom anderen Ende des Högsees den Trubel aus der Ferne zu betrachten, die Ruhe, das klare Wasser und das Panorama zu genießen: einfach wunderbar.

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Gänsehaut in Trondheim

Autorin: Ronja Vattes - rovline
Eine riesige Kirchen zu Ehren eines Wikingerkönigs: Über dem Grab des Heiligen Olav wurde der Nidaros-Dom in Trondheim erbaut. Bild: Ronja Vattes

Eine riesige Kirchen zu Ehren eines Wikingerkönigs: Über dem Grab des Heiligen Olav wurde der Nidaros-Dom in Trondheim erbaut. Bild: Ronja Vattes

Sie ist nahe ans Wasser gebaut – und dennoch von fröhlicher Natur: die Stadt Trondheim in Mittelnorwegen bezaubert Besucher schon auf den ersten Blick mit ihrer teils erhabenen Lage am Meer und den bunten Holzhäusern im Bakklandet-Viertel, wo sich Cafés, kleine Kunsthandwerksläden und Modeboutiquen aneinander reihen. Im Sommer tanzt dort das pralle Leben. Die vielen Studenten und Familien haben ihren Anteil daran. Munter klingelnd beherrschen dann Radfahrer das Straßenbild. Liegestühle mit Blick aufs Wasser säumen die Cafés und Kneipen.

Selbst im Winter trotzen die Norweger tapfer den eisigen Temperaturen. Am alten Hafen wird bei Minusgraden abends draußen auf der Terrasse gegessen, so entspannt gelacht und geplaudert, als ob der Norweger an sich aus einem anderen Holze wär. Getreu dem Motto: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Einstellung. Okay, zugegeben, ein bisschen nachhelfen tun sie doch, mit dem ein oder anderen Heizpilz. Doch nicht einmal die würden uns süddeutschen, vom milden Klima verwöhnten Frostbeulen heute helfen.

So stapfen wir bibbernd weiter, am Kai entlang mit seinen alten Speicherhäusern, weiter über die historische Altstadtbrücke, die 1681 gebaut wurde und deren hölzerner Torbogen „Lykkens Portal“ – Glücksportal – genannt wird.

Unser Ziel ist ein anderes: der Nidaros-Dom. Um diesen Prachtbau und seine Geschichte faszinierend zu finden, muss man mit Religion nicht zwangsläufig etwas anfangen können. Der Gänsehautfaktor stellt sich auch so ein: Als der von vielen verehrte Wikingerkönig Olav Haraldsson in einer Schlacht 1031 ums Leben kam und angeblich exakt ein Jahr und fünf Tage später selig gesprochen wurde, kamen immer mehr Pilger zu seinem Grab in das dereinst dünn besiedelte Nidaros. Deshalb begann man 1070 eine Kirche zu bauen – genau über dem Grab des heiligen Olavs. Erst 1300 erlangte der Bau seine volle Pracht. Allein im Mittelalter wurden dort sieben Könige gekrönt und zehn begraben. Immer wieder musste der Dom erweitert und verändert werden.

Wer heute durch das riesige Gotteshaus schlendert, entdeckt stumme Zeugen dieser Entwicklungen: romanische und gotische Elemente, Hölzernes und Steinernes sowie königliche Gebeine in der Krypta. In der Kirche selbst wird das Alte Testament in Blautönen inszeniert, das Neue Testament in warmen Rottönen. 9600 elektrisch gesteuerte Orgelpfeifen sowie eine weitere barocke und mit Muskelkraft betriebene Orgel sorgen für einen unglaublichen Klang. Beim Barockfestival lebt in Trondheim die Tradition alter Musik wieder auf. Und beim Saint Olavs Festival 2015 war die ganze Stadt Tag und Nacht auf den Beinen, um bei den Konzerten dabei zu sein. Der heilige Olav soll viele Wunder vollbracht haben. Das kann man glauben oder nicht – aber für den durchgefrorenen Stadtrundgänger erweist sich der Schutz der Kirche als echter Segen.

Liebelei im Süßen Löchle

Autorin: Ronja Vattes - rovline
Heimliche Treffen im Hinterstübchen: Der Charme der 1920er Jahre ist erhalten geblieben. Bilder: Anselm Bußhoff

Heimliche Treffen im Hinterstübchen: Der Charme der 1920er Jahre ist erhalten geblieben. Bilder: Anselm Bußhoff

Wenn es sprechen könnte, es hätte so viel zu erzählen, von ersten schüchternen Blicken im Halbdunkel, ausgetauscht über dampfenden Kaffeetassen. Von zögernden zarten Berührungen, heimlich unter dem Tisch. Dem heftigen Klopfen des Herzens – war es der Kaffee oder doch eher das Kribbeln im Bauch? Es könnte erzählen vom letzten Kuss einer verflossenen Liebe, stummen Tränen, die auf silberne Kaffeelöffel tropften.

Doch es schweigt, behält seine Geheimnisse für sich. Keine neugierigen Blicke dringen durch das winzige Schaufenster bis hinein in die versteckte Stube, wo Kuchen wie aus Großmutters Zeit, Kaffee und heiße Schokolade gereicht werden. Früher nannten manche Besucher es auch „Café Heimlich“, sie sagten „Was hier drinnen passiert, geht draußen niemand was an“.

Wer heute durch die Lahrer Altstadt schlendert, das historische Rathaus besichtigt und über den Urteilsplatz in Richtung Henkerhiisli geht, der wird das kleine Café kaum bemerken. Nur ein schmales Stück Fassade, zwei Tischle vor der Tür und das Schild „Conditorei-Café Süßes Löchle – Café Hildebrand“ weisen Kennern den Weg. Ein klingendes Glöckchen kündigt den eintretenden Besucher an, damit läutet es gleichwohl eine andere Zeit ein. Computerkassen? Autos? Internet?

Einkaufsstress? Wer den Vorraum betritt, vergisst, in welcher Zeit er eigentlich lebt. Gemächlichkeit, Ruhe machen sich breit. Ein altes Kuchikänschterli zeigt Kaffeesorten, Schokoladen, Pralinen. Auf der Theke gibt es Wurst- und Käseschnittchen, die Kuchen werden auf Platten mit Spitzenpapier präsentiert. Dort steht auch das sicher schönste Stück dieses alten Cafés: eine silbern, dunkel glänzende Registrierkasse mit Handkurbel von 1910, die reichlich verziert um „Ihre Zahlung“ bittet und bei Erhalt dankend klingelt.

„Ihre Zahlung“: Registrierkasse von 1910 im Süßen Löchle

„Ihre Zahlung“: Registrierkasse von 1910 im Süßen Löchle

1898 wurde das Café vom Konditoren Eugen Hildebrand eröffnet. 1921 baute sein Sohn Karl es um, noch heute ist das Ambiente und der unverwechselbare Charme des Art-Deco-Stils der 20er Jahre erhalten. „Wer wissen will, wie vor dem Zweiten Weltkrieg die badische Kaffeehauskultur war, der sieht es hier“, sagt der Lahrer Stadthistoriker Thorsten Mietzner. Er ist Vorsitzender der gemeinnützigen Aktiengesellschaft des Süßen Löchles. Denn 2003 drohte dem schmucken Café das Aus. Die damalige Besitzerin konnte das Gebäude nicht mehr halten, zwangsversteigert sollte es werden. Damit hätte dem Haus der Abriss oder die völlige Umgestaltung und Umnutzung gedroht. „Denn Geschichte allein reicht nicht aus, um hier ein Café wirtschaftlich rentabel betreiben zu können“, erklärt Thorsten Mietzner. Damals ging ein Aufschrei durch Lahr. Freunde, Liebhaber, Nostalgiker und Menschen, deren Lebensgeschichte mit diesem Traditionscafé verknüpft war, wollten nur eins: seine Rettung.

Doch bis dahin war es ein schwieriger Weg. In einer groß angelegten Rettungsaktion gelang es den Anhängern Uwe Baumann und Dieter Böhnert genügend Mitstreiter zu finden, um das Café kaufen und weiterbetreiben zu können in Form einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft. Das Haus mitsamt seinem Innenleben, seinem Interieur wurde unter Denkmalschutz gestellt – eine wohl einmalige Aktion.

Auch wenn die finanzielle Basis des Süßen Löchles bis zum Verkauf im Januar 2017 schwierig bleibt, so hat sich der Einsatz dennoch gelohnt – ein Haus voll Geschichte und voller Geschichten konnte erhalten werden. So zeigt das Gebäude an sich eine typische kleinstädtische Lebensform des 19. Jahrhunderts: Vorn, zur Straße hin, die Verkaufsfläche, mit dem angrenzenden Hinterstübchen, in dem sich der Gastraum mit den rund 30 Sitzplätzen befindet. Dahinter verbirgt sich ein kleiner Innenhof, wo die Toiletten noch Abort heißen, und ein Hinterhaus, in dem sich eine Wohnung und ein Handwerksbetrieb befinden, in diesem Fall eine alte Backstube. Der dort eingemauerte Backofen stammt aus der Zeit der Jahrhundertwende und auch die Backutensilien sind wahre Schätze: gusseiserne Osterhasen- und Nikolausformen, alte Lebensmittelfarbdöschen, eine mit Lederkeilriemen arbeitende Rührmaschine und ein wasserbetriebener Kühltisch.

Alte Pracht: Backstubenmuseum im Café Süßes Löchle in Lahr

Alte Pracht: Backstubenmuseum
im Café Süßes Löchle in Lahr

Auf der Arbeitsfläche steht ein wuchtiges, altes Telefon und eine alte, mit einer Handkurbel zu bedienende Gutsele-Maschine erinnert an einen historischen Moment. „Die Bonbonmaschine wurde zum letzten Mal am 20. Juli 1944 benutzt, am Tag des Hitler-Attentats“, erzählt Stadthistoriker Mietzner. Danach wurde der Zucker rationiert – und „ohne Zucker keine Bonbons“. Später, als es wieder Zucker gab, wurde die kleine Backstube vom Fortschritt eingeholt: „Industriell gefertigte Bonbons waren dann einfach billiger.“

Doch auch nach dem Zweiten Weltkrieg, bis in die 1980er Jahre, wurde hier in der Backstube noch gearbeitet. Dann wurde von einem Tag auf den anderen der Schlüssel genommen und abgeschlossen. „Als wir das Café samt Hinterhaus und Backstube 2005 übernahmen, haben wir noch Mehl und Hefe gefunden.“

Heute gibt es hier außer gutem Kaffee und Kuchen auch herzhafte Kleinigkeiten. Doch selbst dieses Angebot ist von der Geschichte bestimmt: Da das Innenleben unter Denkmalschutz steht, können weder große Kühlschränke noch eine moderne Küche eingebaut werden.

Die Gäste stört das nicht. Es sind die liebevollen, nostalgischen Details, derentwegen sie kommen: die roten Sitzbänke, Märchenfensterbilder und Samtvorhänge. Eintauchen in eine andere Zeit, innehalten, ungesehen, unentdeckt im Hier und Jetzt.

Süßes Löchle –
Café Hildebrand in Lahr

Das „Süße Löchle“ ist in Lahr am Urteilsplatz, Friedrichstraße 14, zu finden.

Ende Januar 2017 kaufte das Lahrer Ehepaar Adelheid und Roland Wagner das Süße Löchle und hat dessen Bestand und Sanierung garantiert. Die Aktiengesellschaft, der letztlich die Erhaltung des Traditionscafé zu verdanken ist, hat mit dem Verkaufsbentscheidung ihre Auflösung beschlossen. http://mehr.bz/bof7990

 

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Im Bann der blauen Stunde

Autorin: Ronja Vattes - rovline
Im Zwielicht der blauen Stunde: Eingekuschelt unter Rentierfellen geht es auf historische Schlittenfahrt durch die weiße Stille rund um Røros in Ostnorwegen. Bild: Ronja Vattes

Im Zwielicht der blauen Stunde: Eingekuschelt unter Rentierfellen geht es auf historische Schlittenfahrt durch die weiße Stille rund um Røros in Ostnorwegen. Bilder: Ronja Vattes

Mit einem Mal geht alles ganz schnell. Die weiße Landschaft zischt mit betörender Eintönigkeit an uns vorbei, der Motor röhrt, die klammen Hände klammern sich an die Griffe, die vom Wind tränenden Augen sind nur einen winzigen Moment abgelenkt durch das Glitzern des Eises, von der Unwirklichkeit dieser Landschaft – schon trägt es uns aus der Spur. Das Ungetüm buckelt über die harsche Piste, schnellt über eine Bodenwelle und – kracks! – eine kleine Birke muss ihr karges Leben lassen. Abrasiert von einem Schneemobil, irgendwo in der Einsamkeit Ostnorwegens. Das Gefährt bremst abrupt ab, der Totmannknopf, eine Sicherung, bewahrt uns vor Schlimmerem – und die anderen Birken auch.

Was für ein Kontrast! Der Wind peitscht über die Hochebene, rupft ruppig an uns, als wolle er uns hinfortzerren. War es wirklich erst gestern, als wir in Schichten von Winterklamotten verpackt, begraben unter dicken Rentierfellen in einem großen, historischen Pferdeschlitten lagen und gemütlich durch ein wahres Winterwunderland geschaukelt wurden? Betört vom Bann der blauen Stunde – jenem zauberhaften Zwielicht zwischen Tag und Nacht? Im Fackelschein und glöckchenbimmelnd ging es durch ein Städtchen namens Røros, dessen Geschichte mehr als 333 Jahre vom Abbau des Kupfererzes geprägt wurde und das mit seinen historischen bunten Holzhäuschen und dick verschneiten Sträßchen ein bisschen so aussieht, wie man sich das weihnachtliche Bullerbü aus den Kinderromanen Astrid Lindgrens eben so vorstellt.

Zwischen dem schnuckeligen Røros und unserer Schneemobiltour liegen auf der Landkarte nur wenige Kilometer – und doch scheinen es Welten zu sein, die die beiden Orte trennen.

Mobilität in Norwegen: Auf Schneemobilen durch die weiße Einsamkeit ...

Mobilität in Norwegen: Auf Schneemobilen durch die weiße Einsamkeit …

Mein Blick geht fragend über die Schulter zur Mitfahrerin – Daumen hoch –, auch ihr ist bei dem unfreiwilligen Abstecher in die Birke nichts passiert. Der kleine dürre Baum hatte nur wenig Widerstand geleistet gegen die mehr als 200 Kilo schwere Maschine. Zu karg sind die Böden dort oben, zu widrig Wetter und Wind und zu gefräßig die umherstreifenden Tiere, um die Birken zu stattlichen Bäumen heranwachsen zu lassen.

Der Rausch der Geschwindigkeit hatte mir wohl kurzzeitig die Sinne vernebelt, hatte mich unaufmerksam gemacht. Vielleicht aber war es auch dieses seltsam schwebende Gefühl, das uns hinfortgetragen hat. Schwebend, weil in Norwegens Winter der Himmel mit der Erde zu verschmelzen scheint. Vereint zu einem diffusen Weiß-Grau, das sich über die tief verschneite und vom Wind glattgeschliffene Hochebene zieht, keinen Anfang und kein Ende zu kennen scheint und sich am Horizont in der Unendlichkeit verliert. Ein schimmerndes Weiß-Grau, das uns jeglichen Zeitgefühls beraubt.

Und dessen Kälte uns unaufhaltsam in die Knochen kriecht. Nachdem wir das Schneemobil aus dem Tiefschnee wieder zurück auf die Strecke bugsiert haben, fahren wir weiter durch die weiße Weite, etwas vorsichtiger dieses Mal. Die Sonne müht sich, das Grau zu durchbrechen, gleißendes Nichts hüllt uns ein. Bald schon treffen wir auf den Rest unserer Reisegruppe und erreichen gemeinsam eine kleine graue Hütte, hingetupft in die weiße Einsamkeit. Sie gehört unserem Guide Stein Kverneng, einem kernig-kompakten Norweger, der des winters geführte Skilanglauf- und Schneemobiltouren sowie des sommers Wanderungen anbietet.

... auf dem Tretschlitten durch die Stadt ...

… auf dem Tretschlitten durch die Stadt …

Unten im pittoresken Røros wird viel getan, um nicht nur das Antlitz des alten Bergbaustädtchens, sondern auch seine Geschichte und seine Traditionen mit Ortsführungen, historischen Schlittenfahrten und Besuchen auf der Rentierfarm des indigenen Volkes der Samen zu bewahren. Als uns Stein Kverneng aber in seine Hütte führt, haben wir das Gefühl, einen sehr privaten Teil seines Lebens zu betreten. Kein gestyltes Ambiente, es sieht aus, als ob er erst vorgestern selbst noch hier geschlafen hätte. Während wir unsere vor Kälte roten Nasen dankbar über dampfenden Bechern wärmen und der Wind um die Hütte heult, beginnt der 41-Jährige zu erzählen.

Vom Leben wie es früher war. Von seinem Großvater, der die Hütte einst baute. Wie sie damals dessen Zuflucht wurde, als seine Frau bei der Geburt des achten Kindes starb und er die Kleinen alleine durchbringen musste. „Diese Hütte ist sein Vermächtnis“, sagt Stein, streicht sich mit der Hand bedächtig über die Glatze und blickt aus dem Fenster. Selbst in den hellen Tagen des Sommers könne es passieren, erzählt er weiter, dass an der Hütte über Tage, ja Wochen hinweg keine Menschenseele vorbeikomme, obwohl es zahlreiche Wanderwege. Wer dort oben übernachtet, muss die Einsamkeit schon mögen – und sich selbst am besten auch.

Manchmal organisiert Stein auf Anfrage für Paare ein schlichtes, rustikales aber romantisches Wochenende. Wie Stein so auf dem alten Sofa in der winzigen Hütte sitzt und erzählt, da mag man ihm gerne glauben, dass es ihm wirklich darum geht: Es soll für die Paare ein echtes Erlebnis werden – kein Event. Kein durchkommerzialisiertes Wellness-Wohlfühl-Tralala der gekauften Emotionen, sondern ein Wochenende, das in Erinnerung bleibt, weil es vom Naturerleben, vom Glück der Einfachheit lebt. Und vielleicht ist es das, was typisch ist für Norwegen.

... , oder mit dem Rentier vor dem Schlitten eine Runde drehen.

… , oder mit dem
Rentier vor dem Schlitten eine Runde drehen.

Wir müssen an Røros denken, wo alles so unfassbar hübsch ist, dass es fast schon weh tut. Wie die bunten Holzhäuser sich am Hügel eng aneinander schmiegen, die Dächer teils grasbewachsen. Hinter den Sprossenfenstern brennen warme Lichter, klecksen helle Inseln in die Dunkelheit. Røros ist seit 2013 mit dem Gütesiegel Nachhaltiger Tourismus zertifiziert und die Besitzer der Läden haben sich auf ihre Wurzeln besonnen und bieten Regionales. Rentiersalami und Käse, gestrickte Norwegerpullis, Outdoormode namhafter norwegischer Hersteller, Wolldecken mit skandinavischen Mustern, Süßes, Handgetöpfertes oder Lederwaren. Wer die für den kleinen Ort riesige, achteckige Kirche mit ihrer Königsloge sowie das Bergbaumuseum besichtigt, über die Kunst Per Lysgaards gestaunt hat und eine Pause braucht, der wärmt sich in der Kaffeestugga. Oder trinkt eines der regionalen Biere.

Selbst ein Zahnarztbesuch verliert wohl etwas von seinem Schrecken, wenn die Leidgeplagten in solch einem putzigen Häuschen behandelt werden. „Ich glaube, die Norweger müssen es sich in den Häusern so hübsch und gemütlich machen, weil das Wetter so rau ist und die Winter so dunkel sind“, mutmaßte eine Mitreisenden bei unserem Rundgang durch die nur 5500 Einwohner große Bergbausiedlung.

Und doch hatte die Kuscheligkeit von Røros nichts von miefig, eng oder beklemmend. Der Umgangston ist freundlich, die Leute wirken entspannt. Kinder in Restaurants sind kein geduldetes Übel, sondern wie selbstverständlich bei allem dabei. Der Weg zum Einkaufen oder zur Schule wird auf einfachen, aber höchst vergnüglich zu fahrenden Tretschlitten zurückgelegt. Und selbst im Straßenverkehr geht es derart gelassen zu, dass man es als Deutscher kaum fassen kann. Sind die etwa immer so? Vermutlich. Wozu auch aufregen? Es ist doch überall soviel Platz für alle da.

In der Hütte oben am Berg drängt Stein nun langsam zum Aufbruch. Als wir später am Tag bei minus sechs Grad auf einem anderen Teil der Hochebene die bunten Schirme der Snowkiter im Wind über den Himmel jagen sehen, müssen wir an das denken, was Stein zum Schluss in der Hütte sagte: „Wenn ich hierherkomme, fühle ich, wie alle Last und alle Sorgen von meinen Schultern fallen – hier bin ich frei.“

Norwegen

RØROS/NORWEGEN
Røros ist ein vom Bergbau geprägtes Städtchen mit 5500 Einwohnern, das auf 630 Metern Höhe in der Region Trøndelag in Mittelnorwegen liegt, nahe der Grenze zu Schweden. Seit 1980 ist es Unesco-Weltkulturerbe, denn es gilt als eine der ältesten noch erhaltenen Holzhausstädte Europas.
Anreise: Per Flugzeug von Frankfurt nach Trondheim und weiter mit dem Zug in rund zwei Stunden nach Røros.
Klima: Rau mit langen, kalten, schneereichen Wintern und kurzen Sommern.
Währung: 1 Euro entspricht rund 9 Norwegischen Kronen.
Unterkunft: Nostalgisch eingerichtet im Stil der 50er und relativ günstig: http://www.solheimpensjonat.no;
Historisch und sehr schön gelegen: http://www.vertshusetroros.no
Outdooraktivitäten: Schneemobiltour http://mehr.bz/snowmobi
Rentierfarm: http://www.rorosrein.no
Historische Pferdeschlittenfahrt: http://mehr.bz/histpferd
Huskytour: http://www.varghiet.com
Internet: http://www.visitnorway.de, de.trondelag.com sowie http://www.roros.no
Fotoalbum: http://mehr.bz/roros

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Der Romantik geht der Ofen aus

Autorin: Ronja Vattes - rovline

img_0083Mein Gott, wie spießig! So dachte ich damals, Ende der 1990er Jahre, beim Anblick der Pseudo-Kaminfeuer bei einer Studienreise durch England. Nie, absolut überhaupt nie, niemals würde mir so was Hässliches je in die Hütte kommen. Wenn Feuer, dann richtiges. Jahrzehnte später haben sich im Freundeskreis längst die meisten einen Schwedenofen (wie im Urlaub!), einen Kachelofen (voll retro!) oder gar einen Pizza-Flammkuchen-Brotback-kompatiblen-Indoor-Steinofen (so praktisch!) angeschafft. Verdammt gemütlich das Ganze. Die andere Hälfte des Freundeskreises hat flackernde LED-Kunstkerzen auf dem Adventskranz, die bei Bedarf ferngesteuert, dimmbar oder sogar ausblasbar sind. Romantik geht irgendwie anders, denken wir so im Stillen und zünden daheim wieder unsere echten Kerzen an. Doch seit dem Lesen eines Artikels sind wir uns nicht mehr so sicher: Sollen wir weiter neidisch sein auf die Ofen-Besitzer und die Stirn runzeln über die LED-Kunstkerzen – oder eher anders herum? Denn fast 30 Prozent des alarmierend hohen Feinstaubgehalts werden in Stuttgart angeblich von privaten Kaminfeuern in die Luft gepustet. Ein weiterer Artikel meldet, dass die CO2-Emissionen sowohl beim Verbrennen als auch bei der Produktion von Kerzen beträchtlich sind. Besser kein Feuer, keine Kerzen mehr am Baum? Irgendwie ist selbst Weihnachten verdammt kompliziert geworden.