Ein Eisweg aus dem Gejammer

Autorin: Ronja Vattes - rovline
Gleitend durch den Winterwald: Skateline Albula in Graubünden

Gleitend durch den Winterwald: Skateline Albula in Graubünden

Wie hatte er das Gejammer doch satt. Die ewigen Klagen, dass die Loipe unfahrbar sei. Zu hart, zu vereist. Überhaupt so düster! Doch wenn er ehrlich war: Die Leute hatten Recht. Das wurmte ihn umso mehr. Aber was konnte er, was konnten die Einwohner des kleinen Dorfes Surava in Graubünden denn dafür, dass jeden Winter die Sonne sich zwei lange Monate nicht auf der Loipe blicken ließ? Zu tief der Taleinschnitt, zu hoch die umgebenden Berge. Doch weil Giorgio Bossi ein Mann der Tat ist, keimte in ihm schon bald ein verwegener Gedanke: Wenn die Loipe schon ständig stellenweise spiegelglatt war, warum sie dann nicht gleich ganz vereisen? Und darauf Schlittschuh fahren, statt sich Jahr für Jahr beim Skilanglauf zu ärgern?

Diese Gedanken sind eine halbe Ewigkeit her und Bossi, inzwischen 70 Jahre alt, hat bewiesen, was sich erreichen lässt, wenn alle mit anpacken. Anfang des neuen Jahrtausends gründete er einen Verein, begeisterte mit seiner verrückten Idee und seiner Leidenschaft Freunde, Nachbarn und selbst den Tourismusverband. Im Herbst 2002 hatte er alles zusammen: Genügend Helfer, einen Traktor mit Anhänger, eine kleine Schneekanone, eine Art Rüttler zum Planieren und sämtliche Genehmigungen, derer es bedurfte, um einen drei Kilometer langen Wanderweg entlang des Flusses Albula zu vereisen – und damit die erste Skateline dieser Art in Europa zu verwirklichen.

Wie bremst man denn hier – so ohne Bande?

Wie bremst man denn hier – so ohne Bande?

Und so stehen wir nun auf unseren Leihschlittschuhen, gut behelmt und dick eingemummelt, mitten im Wald – und können unser Glück kaum fassen. Während daheim in Südbaden Schlittschuh laufen bedeutet, auf teils winzigen Eisbahnen stundenlang bei dichtem Gedränge wie in einem Hamsterrad Runde um Runde zu drehen, ist das hier das genaue Gegenteil. Die Luft kristallklar. Die Bäume dick verschneit, das Rauschen der Albula und die kalte Wintersonne, die irgendwo hinter den Bergen versinkt und den Himmel in ein pastellenes Farbbad taucht. Wir schlittern los. Ein wenig zaghaft zunächst. Die Kinder rudern mit den Armen, versuchen das Gleichgewicht zu halten, verunsichert vom Natureis mit seinen Hubbeln, den Biegungen des Weges – und dem leichten Gefälle. „Maaammaa, wie bremst man denn hier – so ohne Bande??“, ruft der Sohn noch und landet im Schnee am Rand.

Wir haben die Eisbahn fast für uns alleine und genießen diese Freiheit jeden Moment. Das Kratzen der Kufen, dies mühelose Gleiten, die Stille des weißen Waldes, in dem es immer dunkler wird. Irgendwo zeichnen sich die Berge und hell erleuchtet Burg Belfort zwischen den Bäumen ab …

Der Schnellste, ein Profi-Eishockeyspieler aus der Umgebung, schafft die drei Kilometer in sechs Minuten, hatte Bossi erzählt. Wir brauchen wesentlich länger – und am Ende war es immer noch viel zu kurz.

Wer hat’s erfunden? Der Präsident der Skateline Albula – Giorgio Bossi. Bilder: Anselm Bußhoff

Wer hat’s erfunden? Der Präsident der Skateline Albula – Giorgio Bossi. Bilder: Anselm Bußhoff

SKATELINE ALBULA
Die drei Kilometer lange Skateline Albula, bei der man auf einem vereisten Wanderweg Schlittschuh fahren kann, liegt nur wenige Kilometer von Bergün entfernt zwischen Surava und Alvaneu Bad.
Infos: http://www.skateline.ch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s