Liebelei im Süßen Löchle

Autorin: Ronja Vattes - rovline
Heimliche Treffen im Hinterstübchen: Der Charme der 1920er Jahre ist erhalten geblieben. Bilder: Anselm Bußhoff

Heimliche Treffen im Hinterstübchen: Der Charme der 1920er Jahre ist erhalten geblieben. Bilder: Anselm Bußhoff

Wenn es sprechen könnte, es hätte so viel zu erzählen, von ersten schüchternen Blicken im Halbdunkel, ausgetauscht über dampfenden Kaffeetassen. Von zögernden zarten Berührungen, heimlich unter dem Tisch. Dem heftigen Klopfen des Herzens – war es der Kaffee oder doch eher das Kribbeln im Bauch? Es könnte erzählen vom letzten Kuss einer verflossenen Liebe, stummen Tränen, die auf silberne Kaffeelöffel tropften.

Doch es schweigt, behält seine Geheimnisse für sich. Keine neugierigen Blicke dringen durch das winzige Schaufenster bis hinein in die versteckte Stube, wo Kuchen wie aus Großmutters Zeit, Kaffee und heiße Schokolade gereicht werden. Früher nannten manche Besucher es auch „Café Heimlich“, sie sagten „Was hier drinnen passiert, geht draußen niemand was an“.

Wer heute durch die Lahrer Altstadt schlendert, das historische Rathaus besichtigt und über den Urteilsplatz in Richtung Henkerhiisli geht, der wird das kleine Café kaum bemerken. Nur ein schmales Stück Fassade, zwei Tischle vor der Tür und das Schild „Conditorei-Café Süßes Löchle – Café Hildebrand“ weisen Kennern den Weg. Ein klingendes Glöckchen kündigt den eintretenden Besucher an, damit läutet es gleichwohl eine andere Zeit ein. Computerkassen? Autos? Internet?

Einkaufsstress? Wer den Vorraum betritt, vergisst, in welcher Zeit er eigentlich lebt. Gemächlichkeit, Ruhe machen sich breit. Ein altes Kuchikänschterli zeigt Kaffeesorten, Schokoladen, Pralinen. Auf der Theke gibt es Wurst- und Käseschnittchen, die Kuchen werden auf Platten mit Spitzenpapier präsentiert. Dort steht auch das sicher schönste Stück dieses alten Cafés: eine silbern, dunkel glänzende Registrierkasse mit Handkurbel von 1910, die reichlich verziert um „Ihre Zahlung“ bittet und bei Erhalt dankend klingelt.

„Ihre Zahlung“: Registrierkasse von 1910 im Süßen Löchle

„Ihre Zahlung“: Registrierkasse von 1910 im Süßen Löchle

1898 wurde das Café vom Konditoren Eugen Hildebrand eröffnet. 1921 baute sein Sohn Karl es um, noch heute ist das Ambiente und der unverwechselbare Charme des Art-Deco-Stils der 20er Jahre erhalten. „Wer wissen will, wie vor dem Zweiten Weltkrieg die badische Kaffeehauskultur war, der sieht es hier“, sagt der Lahrer Stadthistoriker Thorsten Mietzner. Er ist Vorsitzender der gemeinnützigen Aktiengesellschaft des Süßen Löchles. Denn 2003 drohte dem schmucken Café das Aus. Die damalige Besitzerin konnte das Gebäude nicht mehr halten, zwangsversteigert sollte es werden. Damit hätte dem Haus der Abriss oder die völlige Umgestaltung und Umnutzung gedroht. „Denn Geschichte allein reicht nicht aus, um hier ein Café wirtschaftlich rentabel betreiben zu können“, erklärt Thorsten Mietzner. Damals ging ein Aufschrei durch Lahr. Freunde, Liebhaber, Nostalgiker und Menschen, deren Lebensgeschichte mit diesem Traditionscafé verknüpft war, wollten nur eins: seine Rettung.

Doch bis dahin war es ein schwieriger Weg. In einer groß angelegten Rettungsaktion gelang es den Anhängern Uwe Baumann und Dieter Böhnert genügend Mitstreiter zu finden, um das Café kaufen und weiterbetreiben zu können in Form einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft. Das Haus mitsamt seinem Innenleben, seinem Interieur wurde unter Denkmalschutz gestellt – eine wohl einmalige Aktion.

Auch wenn die finanzielle Basis des Süßen Löchles bis zum Verkauf im Januar 2017 schwierig bleibt, so hat sich der Einsatz dennoch gelohnt – ein Haus voll Geschichte und voller Geschichten konnte erhalten werden. So zeigt das Gebäude an sich eine typische kleinstädtische Lebensform des 19. Jahrhunderts: Vorn, zur Straße hin, die Verkaufsfläche, mit dem angrenzenden Hinterstübchen, in dem sich der Gastraum mit den rund 30 Sitzplätzen befindet. Dahinter verbirgt sich ein kleiner Innenhof, wo die Toiletten noch Abort heißen, und ein Hinterhaus, in dem sich eine Wohnung und ein Handwerksbetrieb befinden, in diesem Fall eine alte Backstube. Der dort eingemauerte Backofen stammt aus der Zeit der Jahrhundertwende und auch die Backutensilien sind wahre Schätze: gusseiserne Osterhasen- und Nikolausformen, alte Lebensmittelfarbdöschen, eine mit Lederkeilriemen arbeitende Rührmaschine und ein wasserbetriebener Kühltisch.

Alte Pracht: Backstubenmuseum im Café Süßes Löchle in Lahr

Alte Pracht: Backstubenmuseum
im Café Süßes Löchle in Lahr

Auf der Arbeitsfläche steht ein wuchtiges, altes Telefon und eine alte, mit einer Handkurbel zu bedienende Gutsele-Maschine erinnert an einen historischen Moment. „Die Bonbonmaschine wurde zum letzten Mal am 20. Juli 1944 benutzt, am Tag des Hitler-Attentats“, erzählt Stadthistoriker Mietzner. Danach wurde der Zucker rationiert – und „ohne Zucker keine Bonbons“. Später, als es wieder Zucker gab, wurde die kleine Backstube vom Fortschritt eingeholt: „Industriell gefertigte Bonbons waren dann einfach billiger.“

Doch auch nach dem Zweiten Weltkrieg, bis in die 1980er Jahre, wurde hier in der Backstube noch gearbeitet. Dann wurde von einem Tag auf den anderen der Schlüssel genommen und abgeschlossen. „Als wir das Café samt Hinterhaus und Backstube 2005 übernahmen, haben wir noch Mehl und Hefe gefunden.“

Heute gibt es hier außer gutem Kaffee und Kuchen auch herzhafte Kleinigkeiten. Doch selbst dieses Angebot ist von der Geschichte bestimmt: Da das Innenleben unter Denkmalschutz steht, können weder große Kühlschränke noch eine moderne Küche eingebaut werden.

Die Gäste stört das nicht. Es sind die liebevollen, nostalgischen Details, derentwegen sie kommen: die roten Sitzbänke, Märchenfensterbilder und Samtvorhänge. Eintauchen in eine andere Zeit, innehalten, ungesehen, unentdeckt im Hier und Jetzt.

Süßes Löchle –
Café Hildebrand in Lahr

Das „Süße Löchle“ ist in Lahr am Urteilsplatz, Friedrichstraße 14, zu finden.

Ende Januar 2017 kaufte das Lahrer Ehepaar Adelheid und Roland Wagner das Süße Löchle und hat dessen Bestand und Sanierung garantiert. Die Aktiengesellschaft, der letztlich die Erhaltung des Traditionscafé zu verdanken ist, hat mit dem Verkaufsbentscheidung ihre Auflösung beschlossen. http://mehr.bz/bof7990

 

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