Im Bann der blauen Stunde

Autorin: Ronja Vattes - rovline
Im Zwielicht der blauen Stunde: Eingekuschelt unter Rentierfellen geht es auf historische Schlittenfahrt durch die weiße Stille rund um Røros in Ostnorwegen. Bild: Ronja Vattes

Im Zwielicht der blauen Stunde: Eingekuschelt unter Rentierfellen geht es auf historische Schlittenfahrt durch die weiße Stille rund um Røros in Ostnorwegen. Bilder: Ronja Vattes

Mit einem Mal geht alles ganz schnell. Die weiße Landschaft zischt mit betörender Eintönigkeit an uns vorbei, der Motor röhrt, die klammen Hände klammern sich an die Griffe, die vom Wind tränenden Augen sind nur einen winzigen Moment abgelenkt durch das Glitzern des Eises, von der Unwirklichkeit dieser Landschaft – schon trägt es uns aus der Spur. Das Ungetüm buckelt über die harsche Piste, schnellt über eine Bodenwelle und – kracks! – eine kleine Birke muss ihr karges Leben lassen. Abrasiert von einem Schneemobil, irgendwo in der Einsamkeit Ostnorwegens. Das Gefährt bremst abrupt ab, der Totmannknopf, eine Sicherung, bewahrt uns vor Schlimmerem – und die anderen Birken auch.

Was für ein Kontrast! Der Wind peitscht über die Hochebene, rupft ruppig an uns, als wolle er uns hinfortzerren. War es wirklich erst gestern, als wir in Schichten von Winterklamotten verpackt, begraben unter dicken Rentierfellen in einem großen, historischen Pferdeschlitten lagen und gemütlich durch ein wahres Winterwunderland geschaukelt wurden? Betört vom Bann der blauen Stunde – jenem zauberhaften Zwielicht zwischen Tag und Nacht? Im Fackelschein und glöckchenbimmelnd ging es durch ein Städtchen namens Røros, dessen Geschichte mehr als 333 Jahre vom Abbau des Kupfererzes geprägt wurde und das mit seinen historischen bunten Holzhäuschen und dick verschneiten Sträßchen ein bisschen so aussieht, wie man sich das weihnachtliche Bullerbü aus den Kinderromanen Astrid Lindgrens eben so vorstellt.

Zwischen dem schnuckeligen Røros und unserer Schneemobiltour liegen auf der Landkarte nur wenige Kilometer – und doch scheinen es Welten zu sein, die die beiden Orte trennen.

Mobilität in Norwegen: Auf Schneemobilen durch die weiße Einsamkeit ...

Mobilität in Norwegen: Auf Schneemobilen durch die weiße Einsamkeit …

Mein Blick geht fragend über die Schulter zur Mitfahrerin – Daumen hoch –, auch ihr ist bei dem unfreiwilligen Abstecher in die Birke nichts passiert. Der kleine dürre Baum hatte nur wenig Widerstand geleistet gegen die mehr als 200 Kilo schwere Maschine. Zu karg sind die Böden dort oben, zu widrig Wetter und Wind und zu gefräßig die umherstreifenden Tiere, um die Birken zu stattlichen Bäumen heranwachsen zu lassen.

Der Rausch der Geschwindigkeit hatte mir wohl kurzzeitig die Sinne vernebelt, hatte mich unaufmerksam gemacht. Vielleicht aber war es auch dieses seltsam schwebende Gefühl, das uns hinfortgetragen hat. Schwebend, weil in Norwegens Winter der Himmel mit der Erde zu verschmelzen scheint. Vereint zu einem diffusen Weiß-Grau, das sich über die tief verschneite und vom Wind glattgeschliffene Hochebene zieht, keinen Anfang und kein Ende zu kennen scheint und sich am Horizont in der Unendlichkeit verliert. Ein schimmerndes Weiß-Grau, das uns jeglichen Zeitgefühls beraubt.

Und dessen Kälte uns unaufhaltsam in die Knochen kriecht. Nachdem wir das Schneemobil aus dem Tiefschnee wieder zurück auf die Strecke bugsiert haben, fahren wir weiter durch die weiße Weite, etwas vorsichtiger dieses Mal. Die Sonne müht sich, das Grau zu durchbrechen, gleißendes Nichts hüllt uns ein. Bald schon treffen wir auf den Rest unserer Reisegruppe und erreichen gemeinsam eine kleine graue Hütte, hingetupft in die weiße Einsamkeit. Sie gehört unserem Guide Stein Kverneng, einem kernig-kompakten Norweger, der des winters geführte Skilanglauf- und Schneemobiltouren sowie des sommers Wanderungen anbietet.

... auf dem Tretschlitten durch die Stadt ...

… auf dem Tretschlitten durch die Stadt …

Unten im pittoresken Røros wird viel getan, um nicht nur das Antlitz des alten Bergbaustädtchens, sondern auch seine Geschichte und seine Traditionen mit Ortsführungen, historischen Schlittenfahrten und Besuchen auf der Rentierfarm des indigenen Volkes der Samen zu bewahren. Als uns Stein Kverneng aber in seine Hütte führt, haben wir das Gefühl, einen sehr privaten Teil seines Lebens zu betreten. Kein gestyltes Ambiente, es sieht aus, als ob er erst vorgestern selbst noch hier geschlafen hätte. Während wir unsere vor Kälte roten Nasen dankbar über dampfenden Bechern wärmen und der Wind um die Hütte heult, beginnt der 41-Jährige zu erzählen.

Vom Leben wie es früher war. Von seinem Großvater, der die Hütte einst baute. Wie sie damals dessen Zuflucht wurde, als seine Frau bei der Geburt des achten Kindes starb und er die Kleinen alleine durchbringen musste. „Diese Hütte ist sein Vermächtnis“, sagt Stein, streicht sich mit der Hand bedächtig über die Glatze und blickt aus dem Fenster. Selbst in den hellen Tagen des Sommers könne es passieren, erzählt er weiter, dass an der Hütte über Tage, ja Wochen hinweg keine Menschenseele vorbeikomme, obwohl es zahlreiche Wanderwege. Wer dort oben übernachtet, muss die Einsamkeit schon mögen – und sich selbst am besten auch.

Manchmal organisiert Stein auf Anfrage für Paare ein schlichtes, rustikales aber romantisches Wochenende. Wie Stein so auf dem alten Sofa in der winzigen Hütte sitzt und erzählt, da mag man ihm gerne glauben, dass es ihm wirklich darum geht: Es soll für die Paare ein echtes Erlebnis werden – kein Event. Kein durchkommerzialisiertes Wellness-Wohlfühl-Tralala der gekauften Emotionen, sondern ein Wochenende, das in Erinnerung bleibt, weil es vom Naturerleben, vom Glück der Einfachheit lebt. Und vielleicht ist es das, was typisch ist für Norwegen.

... , oder mit dem Rentier vor dem Schlitten eine Runde drehen.

… , oder mit dem
Rentier vor dem Schlitten eine Runde drehen.

Wir müssen an Røros denken, wo alles so unfassbar hübsch ist, dass es fast schon weh tut. Wie die bunten Holzhäuser sich am Hügel eng aneinander schmiegen, die Dächer teils grasbewachsen. Hinter den Sprossenfenstern brennen warme Lichter, klecksen helle Inseln in die Dunkelheit. Røros ist seit 2013 mit dem Gütesiegel Nachhaltiger Tourismus zertifiziert und die Besitzer der Läden haben sich auf ihre Wurzeln besonnen und bieten Regionales. Rentiersalami und Käse, gestrickte Norwegerpullis, Outdoormode namhafter norwegischer Hersteller, Wolldecken mit skandinavischen Mustern, Süßes, Handgetöpfertes oder Lederwaren. Wer die für den kleinen Ort riesige, achteckige Kirche mit ihrer Königsloge sowie das Bergbaumuseum besichtigt, über die Kunst Per Lysgaards gestaunt hat und eine Pause braucht, der wärmt sich in der Kaffeestugga. Oder trinkt eines der regionalen Biere.

Selbst ein Zahnarztbesuch verliert wohl etwas von seinem Schrecken, wenn die Leidgeplagten in solch einem putzigen Häuschen behandelt werden. „Ich glaube, die Norweger müssen es sich in den Häusern so hübsch und gemütlich machen, weil das Wetter so rau ist und die Winter so dunkel sind“, mutmaßte eine Mitreisenden bei unserem Rundgang durch die nur 5500 Einwohner große Bergbausiedlung.

Und doch hatte die Kuscheligkeit von Røros nichts von miefig, eng oder beklemmend. Der Umgangston ist freundlich, die Leute wirken entspannt. Kinder in Restaurants sind kein geduldetes Übel, sondern wie selbstverständlich bei allem dabei. Der Weg zum Einkaufen oder zur Schule wird auf einfachen, aber höchst vergnüglich zu fahrenden Tretschlitten zurückgelegt. Und selbst im Straßenverkehr geht es derart gelassen zu, dass man es als Deutscher kaum fassen kann. Sind die etwa immer so? Vermutlich. Wozu auch aufregen? Es ist doch überall soviel Platz für alle da.

In der Hütte oben am Berg drängt Stein nun langsam zum Aufbruch. Als wir später am Tag bei minus sechs Grad auf einem anderen Teil der Hochebene die bunten Schirme der Snowkiter im Wind über den Himmel jagen sehen, müssen wir an das denken, was Stein zum Schluss in der Hütte sagte: „Wenn ich hierherkomme, fühle ich, wie alle Last und alle Sorgen von meinen Schultern fallen – hier bin ich frei.“

Norwegen

RØROS/NORWEGEN
Røros ist ein vom Bergbau geprägtes Städtchen mit 5500 Einwohnern, das auf 630 Metern Höhe in der Region Trøndelag in Mittelnorwegen liegt, nahe der Grenze zu Schweden. Seit 1980 ist es Unesco-Weltkulturerbe, denn es gilt als eine der ältesten noch erhaltenen Holzhausstädte Europas.
Anreise: Per Flugzeug von Frankfurt nach Trondheim und weiter mit dem Zug in rund zwei Stunden nach Røros.
Klima: Rau mit langen, kalten, schneereichen Wintern und kurzen Sommern.
Währung: 1 Euro entspricht rund 9 Norwegischen Kronen.
Unterkunft: Nostalgisch eingerichtet im Stil der 50er und relativ günstig: http://www.solheimpensjonat.no;
Historisch und sehr schön gelegen: http://www.vertshusetroros.no
Outdooraktivitäten: Schneemobiltour http://mehr.bz/snowmobi
Rentierfarm: http://www.rorosrein.no
Historische Pferdeschlittenfahrt: http://mehr.bz/histpferd
Huskytour: http://www.varghiet.com
Internet: http://www.visitnorway.de, de.trondelag.com sowie http://www.roros.no
Fotoalbum: http://mehr.bz/roros

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