Als die E-Mails flügge wurden

Autor: Anselm Bußhoff - offpulse
Ein Praxistest aus dem Jahre 2003

Noch einmal schwappt eine E-Mail-Flut ins elektronische Postfach und dann ist einige Zeit Ruhe. So waren wir es gewohnt, wenn der Chef seinen Urlaub antrat. Doch dieses Jahr war plötzlich alles anders.

Statt letzte Anweisungen für die Zeit seiner Abwesenheit ins Mail zu tippen, hantierte unser Vorgesetzter diesmal kurz vor Urlaubsantritt mit einem – uns bis dahin unbekannten – blau schimmernden Gerät und verabschiedete sich anschließend, um Sonne, Strand und mehr zu genießen. Meinten wir wenigstens und schauten ihm eher irritiert hinterher: Keine To-Do- oder Abarbeitungsliste für die nächste Zeit? Kein da müsste, da könnte, da sollte? Was ist nur los?

Nicht einmal 24 Stunden später wussten wir es. In unseren E-Mail-Postfächern landeten die ersten Mails – vom Chef. Unserem Boss entging nichts mehr. Er war präsenter denn je, ist auf den „Blackberry“ gekommen. Nein, nein, das Teil bellt nicht und muss auch nicht an die Leine. Eher legt es die Mitarbeiter daran.

Abgespeckt, um am Markt zu bleiben: Das Blackberry Pearl verfügte nur noch über eine Telefontastatur. Genutzt hat's nichts. Foto: Anselm Bußhoff

Abgespeckt, um am Markt zu bleiben: Das Blackberry Pearl verfügte nur noch über eine Telefontastatur. Genutzt hat’s nichts. Foto: Anselm Bußhoff

Etwa so groß wie ein Kartoffelpuffer, aber mehrfach so dick, fällt das Gerät durch eine Unzahl von kleinen Knöpfen auf, die unter einem eher großflächigen Display drapiert sind. PDA, Handheld oder Organizer nennen sich solche Geräte heutzutage in der Fachsprache, während der Laie wohl eher von einem elektronischen Terminkalender spricht. Doch der Blackberry kann mehr. Neben Terminen planen, wichtige wie unwichtige Dinge notieren, Adressen und Aufgaben verwalten, lassen sich SMS verschicken, Telefongespräche führen und eben E-Mails empfangen und versenden – per GPRS und Push-Service. Ausrichten der Infrarotschnittstellen von Handy und PDA? Vorbei! Einwahl ins Firmennetzwerk? Überflüssig! Zeitraubendes Abrufen der Mails? Nicht nötig! Ganz ohne eigenes Zutun landen die E-Mails auf dem kleinen Gerät. Dateianhänge im Word-, PowerPoint- oder PDF-Format werden quasi „übersetzt“ und können ebenfalls gelesen und auch weitergeleitet werden.

Während Frau am Steuer des Firmenwagens (vermuten wir) gen Süden fuhr, wurde der Beifahrersitz zum Chefsessel. Unser Vorgesetzter ständig online. So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Es blieb eine letzte Hoffnung: Die Erholung und familiäre Aktivitäten suchende Gattin möge, am Urlaubsort angekommen, mehr Aufmerksamkeit für sich und die Kinder fordern und den Blackberry für einige Zeit ins Körbchen verbannen. Doch auch diese Hilfe blieb versagt. Mails kamen, Mails gingen.

Schließlich kehrte nach vierwöchigem Urlaub gut gelaunt sowie bestens erholt und informiert der Chef zurück. War er wirklich fort gewesen? Wir hatten’s (fast) nicht bemerkt. Dafür aber, wie einfach so ein Blackberry zu handhaben sein muss. Der rechte Zeigefinger bedient Rädchen und Returntaste, startet und beendet aus dem übersichtlichen Menü heraus die diversen Anwendungen und Funktionen. Die Daumen hingegen hauen in die Minitastatur, wann immer es darum geht, Texte oder Zahlen zu erfassen. Einfacher geht’s kaum. Zumindest kurze Texte lassen sich so relativ rasch schreiben und versenden.

So ersetzt denn der Blackberry im Urlaub oder auf Geschäftsreise problemlos den PC am Arbeitsplatz, zumal er sich nicht nur mit darauf installierten Microsoft-Outlook- oder Lotus-Notes-Programmen synchronisieren lässt, sondern – mit Hilfe entsprechender Software – Termine und Adressen auch mit dem Firmenserver abgleichen kann. Damit kann das Sekretariat die Termine des Chefs auch dann koordinieren, wenn dieser weitab des Firmensitzes seine „Dates“ eingibt.

Die Serversoftware ist allerdings keine Voraussetzung für den Einsatz des Blackberry. Auch private E-Mail-Accounts lassen sich über eine Internetadresse recht unkompliziert für die Nutzung konfigurieren. So hat das kleine, mobile Gerät nur ein Problem. „Wer einmal diese ausgereifte Technik in der Hand hatte, will sie nicht mehr missen“, resümierte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und hielt fest: „Der Blackberry macht süchtig.“ Hätte denn unser Chef nicht besser das Rauchen anfangen können?

Blackberry gehörte einst zu den Pionieren im Smartphone-Geschäft. Der Name galt als Synonym für Computerhandys. Die Übermacht der Apple- und Android-Geräte verdrängte den weltweiten Marktanteil des kanadischen Unternehmens aber inzwischen in die Bedeutungslosigkeit. Ende September hat Blackberry nun angekündigt, selbst keine Computer-Handys mehr entwickeln zu wollen. Als Software-Entwickler will das Unternehmen weiterleben.

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