Auf dem Strom der Begeisterung

„Und vorwärts! Kräftig vorwärts!“ So gleiten wir mühelos auf dem Inn talabwärts. Fotos: Anselm Bußhoff

Familien-Rafting-Tour auf dem Inn im Tiroler Oberland – Bilder: Anselm Bußhoff

Autorin: Ronja Vattes - rovline

Wie hat er sich doch verändert! Keine Woche ist es her, da standen wir auf einer Brücke bei der alten Festung und sahen ihn auf uns zukommen. Unruhig, unnahbar und kalt wirkte er. Als ob ihm das triste Grau des Regenwetters aufs Gemüt geschlagen hätte. Als ob ihn das unsägliche Tief dieses Sommers vor Wut zum Schäumen gebracht hätte. Doch heute, wenige Tage später, scheint er bestens gelaunt, räkelt sich genüsslich glänzend in der Sonne, hingegossen zwischen die Felsen – und lockt uns zärtlich.

Auch wir sehnen uns nach dem Abenteuer, fühlen uns aber für dieses Rendezvous nicht so ganz wohl in unserer Haut. Oder wäre Wurstpelle der bessere Ausdruck? Eingezwängt in Neoprenanzüge und Schwimmwesten, die Füße in unförmigen Wasserlatschen, auf dem Kopf einen Helm wie die dunkle Haube eines giftigen Pilzes – so stehen wir noch ein wenig zaudernd am steinigen Ufer und versuchen ihn, den Unbekannten, einzuschätzen. Als ob er ein ungezähmtes Wesen wäre – und nicht einfach nur ein breiter Fluss in einem Tal in Österreich.

Für weitere Phantasien bleibt keine Zeit. Im Hier und Jetzt heißt es anpacken und das Schlauchboot zu Wasser lassen, schließlich haben wir uns zur Familien-Rafting-Tour auf dem Inn angemeldet. Zusammen mit einer weiteren Familie sollen wir das beim Sicherheitstraining zuvor auf dem Trockenen Geübte in die Tat umsetzen. Konkret heißt das: Füße fest in die Schlaufen des Boots stecken, damit keiner über Bord gehen kann, Paddel zücken und auf das richtige Kommando unseres Guides achten.

Es ist der Perspektivwechsel, der die Tour ausmacht

„Und vorwärts! Kräftig vorwärts!“ So gleiten wir mühelos auf dem Inn talabwärts.

„Und vorwärts! Kräftig vorwärts!“ So gleiten wir mühelos auf dem Inn talabwärts Richtung Ried. Bild: Viona Sixian Wang (EV Media Productions)

Matthias heißt der, ist normalerweise wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Verfahrenstechnik an der Uni in Innsbruck und macht den Job als 50-Prozent-Stelle im Sommer. Im Winter ist er Skilehrer in den Bergen. Rote Haare, Sommersprossen und ein gewinnendes Lachen bringt er von Natur aus mit. Animationsgedöns hat er nicht nötig, er weiß, diese Tour wirkt ganz von allein.

Es ist der Perspektivwechsel, der sie ausmacht: Die Tiroler Berglandschaft vom Wasser aus zu sehen – und die eigene Familie mit anderen Augen. Während sonst im Alltag der Nachwuchs gerne alles und jedes in Frage stellt, diskutiert, als ob es gelte, eine Goldmedaille zu gewinnen, müssen hier alle zusammenarbeiten, auf Kommando funktionieren. Denn wir sitzen im wahrsten Sinne des Wortes in einem Boot.

Und das funktioniert erstaunlich gut. Wenn Matthias sagt: „Und alle vorwärts, kräftig vorwärts!“ Dann stechen neun Paddel brav und einigermaßen im Gleichtakt in die wogenden Wasser des Inns. Tun sie es nicht, könnten wir mit dem Brückenpfeiler kollidieren, in den Sträuchern hängen bleiben, auf Grund laufen – oder viel schlimmer: eines der tollen Wellentäler verpassen.

Die Familientour ist zwar sanftes Rafting, und die Sicherheit steht im Vordergrund. Doch erweist sich eine Bootsmannschaft als teamfähig, wasserfest und unerschrocken, können unterwegs auch die etwas wilderen Stellen des Flusses angesteuert werden. Nach dem ersten erstaunten Prusten, als uns das eiskalte Wasser ins Gesicht schlägt und in den Kragen rinnt, tönt es hinten aus den Reihen der Kinder begeistert: „Cool! Nochmal!“

Doch der Strom lässt sich nicht drängen, hat seinen eigenen Willen. Ruhig und wie auf Händen trägt er uns sanft weiter das Tal hinab. Lässt sein Gewand silbergrau in der Sonne glitzern. Zeigt uns Fichten, Föhren und Erlen. Schroffe Felsen, Häuser und eine Zwiebelturmkirche ziehen am Ufer vorbei. Ein Fischreiher breitet seine Schwingen aus und gleitet suchend übers Wasser. Der Himmel über Österreich hat sich für uns bayrisch weiß-blau herausgeputzt.

„Und vorwärts!“ ruft Matthias energisch. Auf einem Felsen hat er die Fotografin erspäht, die die Touren stets begleitet. Auf sein Kommando hin reißen wir die Paddel hoch, lachen in die Kamera und strahlen mit der Sonne um die Wette. Und irgendwie kommt uns das in diesem Moment gar nicht so peinlich vor.

Rafting auf dem Inn: 14 Kilometern und eine verdammt gute Stunde Spaß.

Rafting auf dem Inn: 14 Kilometern und eine verdammt gute Stunde Spaß.

Wenige Flussmeter weiter sagt Matthias: „Wer schwimmen will, kann über Bord gehen.“ Unser Ältester fragt: „Echt?“ Und gleitet auf Matthias’ Nicken über den Rand des Schlauchboots ins Wasser. Springen ist nicht erlaubt, unter Wasser könnten Felsen und Schwemmgut lauern. Die eine Hand an der Außenleine des Bootes, die Fußspitzen aus dem Wasser ragend, liegt der Sohn im Wellenbad, sein Kopf in die Polster der roten Schwimmweste gebettet. Auch wir gehen einer nach dem anderen über Bord.

Das Wasser dringt nun in die Schuhe, kriecht in den Kragen und die Ärmel. So sehr wir das mühelose Schweben und Treiben im Fluss genießen, ziemlich schnell greift trotz Neopren doch die Kälte nach uns. Ein weiteres Prusten – es reicht. Von den anderen Mitpaddlern werden wir einzeln nacheinander wie hilflose Walrösser aus dem Wasser gefischt.

Und schon heißt es wieder: An die Paddel und kräftig vorwärts! Nach rund 14 Kilometern und einer verdammt guten Stunde Spaß paddeln wir dem Ende unserer Tour entgegen.

Die nächsten Tage ziehen gemächlich dahin. Als die Sonne endlich weiter an Kraft gewinnt, verbringen wir ein paar Stunden faul am Ufer des Naturbadesees in Ried, fahren Tretboot, schwimmen, genießen die vertrödelte Zeit. Die Kinder könnten am umfangreichen Ferienprogramm des Tiroler Oberlands teilnehmen, einem Zusammenschluss der Gemeinden Ried, Prutz und Pfunds. Sie könnten die Kräuterhexe treffen, reiten, einen Erlebnistag auf dem Bauernhof oder der Ritterburg verbringen.

Doch der kraftvolle Inn in seiner mal wilden, mal sanften Schönheit hat uns bezaubert. Zahlreiche Bäche und Flüsse vereinen sich mit ihm, lassen ihn anschwellen zu einem starken Strom. Als es noch heißer wird, wollen wir auch seine eiskalte Geliebte kennen lernen – die Fagge, einen Zufluss, und ihren Ursprung, den Kaunertaler Gletscher.

Tour zum Kaunertaler Gletscher

Heiß und kalt: Der Kaunertaler Gletscher im Sommer

Heiß und kalt: Der Kaunertaler Gletscher im Sommer

Ach, ihr Chemiker! Wie konntet ihr nur auf so eine stocknüchterne Bezeichnung kommen wie H2O? Als ob drei Zeichen ausreichten, um das Wunder Wasser zu beschreiben. H2O. Als Formel auf einem Blatt Papier mag das genügen. Doch wir stehen am Rand eines steilen Geröllfelds, geblendet vom gleißenden Sonnenlicht, zwinkern und ringen um Worte, um dieses kristallene Glitzern zu beschreiben, was sich da am Boden vor uns auftut.

Auf rund 2750 Metern Höhe darf einem die klare Gebirgsluft schon mal die Sinne vernebeln und sich ein wenig Pathos Bahn brechen. Denn mitten im Hochsommer bei sengender Hitze funkelt und knirscht es so magisch unter unseren Wanderschuhen, als beträten wir ganz alleine eine geheime Wunderwelt. Eis! Mitten im Sommer! Die Kinder bücken sich, berühren mit ihren Fingern die gläserne Pracht.

Wir sind am Rande des Kaunertaler Gletschers angekommen, an jener Stelle, wo das Eis, heiß geküsst von der Sonne, zu schmelzen beginnt. Das könnte wunderbar sinnlich sein. Doch heben wir unseren Blick, verliert dieser Ort schlagartig seine Zauberkraft. In traurigen, trübgrauen Rinnsalen weint der Gletscher seine Tränen Richtung Tal. Stellenweise von Menschenhand abgedeckt mit weißem Vlies, wird versucht, ihn vor dem Sterben zu bewahren. Ein Tross Menschen tapst unbeholfen über die mondähnliche Landschaft, angezogen von einem weißen Kloß – dem Eingang zur kostenfrei begehbaren Gletscherspalte.

Eisglatt: die Gletscherspalte

Eisglatt: die Gletscherspalte

Nach rund 20 Minuten über Geröll, Eis und Bäche erreichen wir den weißen Hügel, der ebenfalls in eine schützende Haut gepackt wurde. Auf Holzplanken geht es hinein in einen eisigen Schlund. „Berühren Sie mehr als hundert Jahre altes Eis!“, wurde der Laufsteg durch die Gletscherwelt beworben. Anfassen ist ausdrücklich erlaubt – nur darf man nicht erwarten, dabei wirklich altes Eis zu berühren. Denn im Innern wird mit Wasser immer wieder aufs Neue eine eisige Schutzschicht gebildet.

Ein wenig ernüchtert verlassen wir die Eishöhle, machen uns auf den Rückweg, nehmen dieses Mal die kürzere, aber dafür steilere Strecke. Die Kinder haben trotz Hitze Spaß an der Kraxelei und so sind wir schneller als gedacht wieder am Parkplatz.

Von hier und dem Drei-Länder-Blick trennen uns nun nur noch zehn Minuten Fahrtzeit mit der Karlesjochbahn – und fünf sündhaft teure Gondeltickets. Nach kurzer Diskussion löhnen wir das Geld und schweben den Berg empor.

„Guck mal, wieso hat der Typ denn ’ne Winterjacke und ’ne Wollmütze an? So ein Weichei“, tönt eines der Kinder noch großspurig bei der Anfahrt zur Bergstation. Oben angekommen und keine dreißig Sekunden nach Verlassen der Gondel reißen alle drei hektisch ihre Fleecepullis und Regenjacken aus den Rucksäcken. Trotz Sonne pfeift ein eiskalter Wind über die kahle Bergscheide.

Wir stehen auf der Grenze zwischen Österreich und Italien in rund 3100 Metern Höhe, genießen bibbernd den traumhaften Ausblick: Seen, Flüsse, Berge und Gletscher liegen ausgebreitet im sich langsam golden färbenden Spätnachmittagslicht. Ein paar Meter weiter zu Fuß könnten wir bis in die Schweiz schauen. Doch die Kinder protestieren. Sie wollen endlich wieder heim.

Zum zweiten Mal an diesem Tag fahren wir die Bilderbuchstrecke durchs Kaunertal entlang, mit ihren 29 Kehren und dem smaragdgrünen Stausee. Immer wieder kreuzen wir die Fagge, das muntere Flüsschen, auf ihrem Weg hinunter zum Inn. Ganz unten im Tal dann erwischen wir die beiden, sehen, wie sich die Fagge inniglich mit dem bezaubernden Inn vereint. Wir verzeihen es ihr, entscheiden uns für den Wilden Mann – ein Traditionsgasthaus in Tösens, das unsere Gelüste zu stillen weiß.

Da schmilzt er hin: Kaunertaler Gletschersee

Da schmilzt der Gletscher hin: Gepatschstausee im Kaunertal


FAMILIENFERIEN IM TIROLER OBERLAND

Anreise: Per Zug über Basel, Chur, Sargans, Landeck in etwa 6 Stunden nach Ried im Oberinntal. Per Auto in rund 4 Stunden über Donaueschingen, Winterthur, St. Gallen, Liechtenstein.
Summercard: Ried ist als Tiroler Familiennest zertifiziert. Wer dort übernachtet, erhält die Summercard, mit der viele Attraktionen, Postbusse und das Ferienprogramm kostenlos sind.
Rafting: http://www.h2o-adventure.at und http://www.whynot-tirol.com
Bogensportparcours in Pfunds: http://www.bogensport-pfunds.at
Wildbachtrail: 2,9 Kilometer lange Mountainbike-Strecke von Fendels nach Ried hinunter, auch über eine 28 Meter lange Hängebrücke; maximales Gefälle 40 Prozent; Eröffnung: Sommer 2017
Kaunertaler Gletscher: Die Straße ist Mautpflichtig (23 Euro für Pkw mit bis zu fünf Personen). Nach einer Bilderbuchstrecke über 29 Kehren und am Stausee entlang erreicht man den Parkplatz. Von dort sind es 20 Minuten Gehzeit bis zum Eingang der frei zugänglichen Gletscherspalte auf 2750 Metern Höhe. Alpines Gelände – festes Schuhwerk und Trittsicherheit erforderlich! http://www.gletscherpark.com
Kontakt: Tourismusverband Tiroler Oberland, +43 (0) 50 225 100, http://www.tiroler-oberland.com
Fotoalbum: http://mehr.bz/tiro

– Erschienen am 1. Oktober 2016 im Magazin der „Badischen Zeitung“ http://mehr.bz/rov011016magtirol

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