(M)ein Leben mit der Zeitung

Autor: Anselm Bußhoff - offpulse

BZ1958Für ein Sonntagskind, das sich seit später Jugend als Fan von Borussia Dortmund bekennt, ist es wohl Ironie des Schicksals, ausgerechnet in einem Jahr geboren zu sein, in dem es Schalke 04 zur deutschen Fußballmeisterschaft brachte. Kleiner Trost: Es blieb bis heute der letzte Deutsche-Meister-Titel des Rivalen im Pott. Und wenn – sportliche wie politische Auseinandersetzungen gehören zum Leben wie Sieg und Niederlage. Die Zeitung bot von Kindheit an das Futter, um eigene Positionen zu entwickeln, zu hinterfragen oder zu festigen. Der Sessel in der Ecke des Esszimmers diente nach der Schule regelmäßig als Rückzugsort zur ausführlichen Zeitungslektüre. Das Meinungsspektrum in der Familie war groß. Der jüngere Bruder entwickelte sich zum glühenden Anhänger Willy Brandts während unsereins eher Rhetorik und Timbre des Kontrahenten Rainer Barzel faszinierte. Die Bundestagsdebatten der damaligen Zeit schlugen mitunter auch im Elternhaus Wellen. Das Mitwirken in einer politischen Organisation sollte aber nur eine kurze Episode bleiben: Zu eng das Spektrum der hier geduldeten Ansichten, zu schwabbelig die Positionen und zu wenig Rückgrat, wenn doch einmal eine gefunden zu sein schien. Die grundgesetzlich garantierte freie Meinungsäußerung kollidierte immer wieder mit den Scheren im Kopf des strebsamen Politnachwuchses vor Ort. Doch alle Versuche verfingen nicht – die Flügel aus Gedanken blieben ungestutzt und entschwebten recht schnell wieder dem Käfig dieser Freigeistfresser*. Dass der Weg schließlich aus dem Zeitungssessel in die Redaktionsstuben führte, gefiel selbst dem Vater nicht uneingeschränkt. Im beruflichen und familiären Umfeld durchaus meinungsfreudig, war ihm der „Marktplatz“ zu groß und unübersichtlich. Da ging er lieber auf Distanz – und erklärte jedem, der es (nicht) hören wollte: „Ich lese nicht, was mein Sohn schreibt und er isst nicht, was ich koche.“ Auch wenn sich in seinem Nachlass dann doch der ein oder andere Artikel fand, ein Funke Wahres könnte dran gewesen sein: Ein vom Vater servierter Kaffee gibt die Erinnerung nicht her – und sonst hat er eigentlich nie gekocht.

Begegnung mit einem, der in der Jugend faszinierte: Rainer Barzel (3. von links) beim Besuch des Emmendinger Fanfarenzug Hachberger Herolde in der Bundeshauptstadt Bonn. Bild: Anselm Bußhoff

Begegnung mit einem, der in der Jugend faszinierte: Rainer Barzel (3. von links) beim Besuch des Emmendinger Fanfarenzug Hachberger Herolde in der Bundeshauptstadt Bonn. Bild: Anselm Bußhoff

70 JAHRE BADISCHE ZEITUNG
Von den 70 Jahren, auf die die Badische Zeitung in diesem Jahr zurückblicken kann, hat der Autor diese zunächst ein Stück als Leser und freier Mitarbeiter und in den letzten 30 Jahren als festangestellter Redakteur begleitet.

* frei nach Reinhard Mey: Du bist ein Riese, Max!

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