Sichtbehindernde Strahlemänner

Autor: Anselm Bußhoff - offpulse

imageLeserbrief aus der Badischen Zeitung (Ausgabe Emmendingen) vom 3. März 1980:

Problem mit Strahlenmänner

Nur jenen Autofahrern, die meinen, sie hätten die Vorfahrt für sich gepachtet, wird es noch nicht aufgefallen sein. Sichtbares Zeichen für den „Wettbewerb des Geldverschwendens“ ist jedesmal das Wettrüsten mit mehr oder weniger gut gestalteten Plakaten.

Wie schön waren doch die Zeiten, als diese Dinger an den Lichtmasten hingen und höchstens die Lastwagenfahrer sich darüber ärgern mußten. Diesmal sind die Parteien aber dazu übergegangen, ihre optischen Blickfänge an Straßenkreuzungen – und -einmündungen zu placieren. Erfolg dieser Aktion: Wo man vor wenigen Tagen noch ohne Mühe den Verkehr beobachten konnte, um anschließend in die Straße einzubiegen, strahlt heute Lothar Späth in den Wagen, wird man von Erhard Eppler angeblickt oder von Hans-Dietrich Genscher angelächelt. So bleibt einem nichts mehr anderes übrig, als sich, durch diese bunten Sichtblenden behindert, blind in die Straße vorzutasten und sich darüber zu freuen, wenn man es mal wieder ohne Karambolage geschafft hat.

Ist es in unserem Lande, das, wie wir inzwischen alle wissen, „Spitze ist“, aber „liberal werden muß“, nicht möglich, mit ein „bißchen mehr Menschlichkeit“ die Strahlemänner an anderen, den Verkehr nicht behindernden Stellen zu deponieren? Oder müssen erst „die Grünen kommen“?

Rückblick
Für den Leserbrief erhielten die Unterzeichner viel Zuspruch. Ein weiterer Leserbrief mit gleicher Intention sollte kurz darauf veröffentlicht werden. Weniger begeistert waren allerdings auf Stadt- und Bezirsksverbandsebene agierende Vorstandsmitglieder einer politischen Jugendorganisation. Vor allem auch die Erwähnung der Grünen und deren damaliger Wahlslogan ließ sie zu dem Schluss kommen, gegen einen der Autoren ein Parteiausschlussverfahren einleiten zu müssen.

Viel Lärm um Nichts: Die ebenso streberhaft wie erfolglos agierenden Jungfunktionäre hatten übersehen, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keiner der Unterzeichner mehr Mitglied ihrer politischen Nachwuchsorganisation war. Zermürbt vom Unterwandern von Mitgliederbeschlüssen, dem ständigen Meinungs-, Richtungs- und Positionswechsel im Streben nach Posten und Pöstchen sowie entnervt durch Profilneurosen und Geltungsdrang der auf örtlicher Ebene Tätigen, war längst das Austrittsschreiben gen Bonner Zentrale gegangen.

Seither wird, um es mit Reinhard Mey zu sagen, in keinem (politischen) Haufen mehr gerauft:

Rechnet nicht mit mir beim Fahnenschwenken,
Ganz gleich welcher Farbe sie auch seien.
Ich bin noch imstand‘, allein zu denken,
Und verkneif‘ mir das Parolenschrei’n.
Und mir fehlt, um öde Phrasen,
Abgedroschen, aufgeblasen,
Nachzubeten jede Spur von Lust.
Und es passt, was ich mir denke,
Auch wenn ich mich sehr beschränke,
Nicht auf einen Knopf an meiner Brust!

  • (Aus „Bevor ich mit den Wölfen heule“ von Reinhard Mey)

– Nicht nur die Grünen sind gekommen, um zu bleiben. Sie zogen damals erstmals in den baden-württembergischen Landtag ein – unter ihnen der heutige Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Auch das Thema „Wahlplakate“ hat seit der Veröffentlichung des Leserbriefes im Jahre 1980 offensichtlich nichts an Aktualität verloren. Der Kollege Gerhard Walser greift es in seiner Wochenendglosse auf (Badische Zeitung – Ausgabe Emmendingen – vom 5. März 2016): http://mehr.bz/bofem23

2 Gedanken zu “Sichtbehindernde Strahlemänner

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