Im Wald des Glücks

Autorin: Ronja Vattes - rovline
Können wir den Wald nicht mitnehmen? Bilder: Ronja Vattes

Können wir den Wald nicht mitnehmen? Bilder: Ronja Vattes

Keine Hundert Meter von der Dorfstraße in Blatten mit ihrer Alpendudelmusik und dem Touri-Klimbim entfernt, tauchen wir ein in eine andere Welt. In eine Welt, die uns an diesem Tag allein zu gehören scheint. Mit großen, vergnügt wippenden Schritten geht die Tochter wanderbeschuht voran, quert singend die hölzerne Brücke, unter der der tosende Gebirgsbach sich in die Felsen gräbt, biegt auf den kleinen, steinigen Pfad ein – und ist schon um die Kurve verschwunden.

Die Mutter ist nicht ganz so schnell, trägt den schweren Rucksack mit den warmen Jacken, mit Essen und Trinken und dem Kuscheltier Fritz. Dem einzigen Mann, der uns heute begleitet. Der Rest der Familie ist zu Hause geblieben – müde auf dem Sofa der Ferienwohnung liegend. Wandern? Ochneee, keine Lust.

„Gell, der Tag gehört heute uns“, strahlt die nun doch wartende Tochter und sucht die Hand ihrer Mutter. Als Siebenjährige macht sie das nicht mehr allzu oft. Doch wer sich gemeinsam in den Wald wagt und keine Ahnung vom Weg hat, ist unweigerlich ein Team.

Hand in Hand stapfen wir weiter. Der Wald hat uns verschluckt, kühl ist es und ziemlich schummrig, der Himmel ist in all dem Grün kaum noch zu sehen. Die Jacken aber brauchen wir dennoch nicht: Steil geht es über glitschige Steine, Wurzeln und Felsplatten bergan. Wir schnaufen, versuchen unseren Rhythmus zu finden, gehen jeder für sich, dann wieder reichen wir uns die Hand, helfen uns über schwierige Passagen hinweg. Wir müssen die vom tagelangen Regen sumpfig gewordenen Stellen queren, auf Holzstämmen balancieren und unter riesigen Felsblöcken hindurchgehen.

Die Tochter läuft flink und unermüdlich. Gelassen nimmt sie hin, dass Mama keine Ahnung hat, wo es langgeht, wir deshalb manches Mal umkehren und Umwege nehmen müssen. Irgendwann aber bricht es stolz aus ihr heraus: „Gell, wären die Jungs jetzt dabei, gebe es voll das Gemotze! Aber mit uns klappt das schon richtig gut …“

Wir sind beseelt von der Stille des Waldes, vom fernen Rauschen des Gebirgsbaches – und von den Mooskissen, die überall so wunderbar weich und einladend zwischen Bäumen und Felsen gedeihen. Immer wieder bleibt die Tochter stehen, streichelt behutsam die zarten, sternförmigen Moose, betrachtet Formen und Grüntöne. „Dieser Wald ist so schön, Mama, den würde ich am liebsten mit nach Hause nehmen!“, sagt sie sehnsüchtig und auch ein wenig traurig. Still betrachten wir all das, was wir in wenigen Tagen zu Hause in unserem Leben in der Stadt vermissen werden. Wir versuchen uns jeden Grashalm, jedes Sternenmoos, die knorpeligen Bäume und braun glänzenden Tannenzapfen einzuprägen, suchen den Klee zu unseren Füßen nach einem vierblättrigen Glückskleeblatt ab. Wir seufzen enttäuscht: keins zu finden. Und hätten dabei fast das halbe Kleeblatt übersehen – ein kleines grünes Herz zu unseren Füßen.

Das Herz an den Wald verloren

Das Herz an den Wald verloren

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