Die Erinnerung schmilzt dahin

Autorin: Ronja Vattes - rovline

„Der sieht ja aus wie eine Autobahn!“ Kommentar eines der Kinder am Aletschgletscher – Bilder: Anselm Bußhoff

Vermutlich irgendwo da unten muss sie sein, die Hexe. Sitzt auf ihrem Besen, fliegt hässlich kichernd durch die Lüfte und rührt von Zeit zu Zeit die stark dampfende Brühe in ihrem gigantischen Kessel um. Anders sind die wallenden Nebel und die tief hängenden Wolken vor unserem Fenster einfach nicht zu erklären. Seit Tagen geht das schon so: Auf mehr als 1000 Metern Höhe sitzen wir in unserem Feriendorf in den Berner Alpen, gucken nach draußen – und sehen nichts. Manchmal, wenn sich der Schleier ein wenig hebt, die Sonne das Gewaber lichter macht, erhaschen wir einen Blick auf schroffe Felsen, auf dunkle Tannen, steile Hänge und ahnen, weshalb die Gegend oberhalb von Naters in der Schweiz auch Hexenkessel genannt wird.

Unserem Urlaubsgefühl tut das trübe Wetter indes keinen Abbruch. Gemütlich, und mitten im Hochsommer schon ein wenig herbstlich gestimmt, schlendern wir durch das historische Blatten mit seinen typischen Walliser Holzhäusern, vorbei an gepflegten Gärtchen, immer weiter auf den gepflasterten und mit Gras und Moos durchsetzten Wegen. Bei jedem zweiten Haus bleiben wir stehen, brechen in Entzücken aus, stellen uns vor, wie es wäre, dort zu wohnen, jeden Tag die frische, würzige Luft einzuatmen, der Hektik ade zu sagen dann öffnet der Himmel schon wieder seine Schleusen und der Regen wäscht unsere Träumereien hinfort.

Die Hexen haben das Kochen eingestellt: Blick von Blatten ins Tal

Die Hexen haben das Kochen eingestellt: Blick von Blatten übers Tal

Das Geld für Ausflüge und Bergbahnen können wir uns getrost sparen – ein Blick auf Wetter-App und Webcam sagt uns: kein Ausblick, nirgends. Die Hexen kochen weiter, ohne Unterlass. So erkunden die Kinder eben die Ferienanlage, lösen Rätselaufgaben und legen ihr Häxu-Diplom, also ihr Hexen-Diplom ab. Zwischendurch wärmen wir uns im Hallenbad auf, lesen, vertrödeln die Zeit – bis es endlich passiert: Eines Morgens am Frühstückstisch, vor unserem Fenster, sind sie plötzlich da – die Alpen. Wie hingehext. Hinter Fels und Tann deutlich zu erkennen: hohe Zacken, mit Puderzucker bestäubt. Geschmeidig gleiten die letzten Wolkenreste wie Wattebäuschchen an den Gipfeln entlang, als ob sie den kostbaren Anblick für uns polieren wollten. Um den Blick endlich freizugeben, auf das, was wir, nein, was ich suche: alte Erinnerungen. An eine Zeit, als Winter noch Unmengen von Schnee bedeutete, kindliche Unbeschwertheit, Abenteuer, Skifahren von früh bis spät – und Klimawandel kein Thema war. Dafür aber müssen wir hinüber auf die benachbarte Riederalp.

Ausflug in die Vergangenheit
Wenn Erwachsene zu Eltern werden, erwischt es einen früher oder später – dieses Gefühl, den eigenen Kindern zeigen zu wollen, wo man selbst als Kind gewesen ist. Und um zu sehen, was davon noch übrig und zu finden ist.

Es sind einzelne Erinnerungsfetzen, die mir geblieben sind aus jener Zeit, als wir Jahr für Jahr zum Ski fahren auf der Riederalp waren – irgendwann in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren. Ich erinnere mich … an die hibbelige Vorfreude, wenn das Auto an der Talstation in Mörel geparkt, unser Gepäck umgeladen war, die riesige Transportgondel sich endlich in Bewegung setzte und wir schwebten: Gleich sind wir da! Ich erinnere mich … an das gleißende Licht der Sonne, die den Schnee in eine unerträglich grelle Fläche verwandelte und uns blinzeln ließ. Ich erinnere mich … wie eine Frau bei einer Rast versehentlich einen meiner nagelneuen Skistöcke nahm – und wir den ganzen Tag die Hänge nach ihr absuchten, wo sie mit ihm hin ist. Ich erinnere mich … an meinen Opa, der von unserer Ferienwohnung zur anderen Seite des Dorfes wollte und sich im dichten Nebel fast verirrt hätte … Und an den Anblick des majestätischen Aletschgletschers, hingegossen zwischen die Berge, als ob ein Riese mit seinem langen, schneeweißen Bart zwischen den Felsen läge.

Golfplatz auf der Riederalp - nicht nur eher wirkt fremd in den Erinnerungen.

Golfplatz auf der Riederalp – nicht nur er ist den Erinnerungen fremd.

Die Seilbahn gibt es immer noch, das Gebäude der Talstation: von außen unverändert. So schweben wir gemeinsam mit unseren drei Kindern hinauf Richtung Riederalp, kommen ihr immer näher – und doch bleibt die Erinnerung seltsam fern. Alles sieht so anders aus ohne Schnee. Wir steigen aus, tapsen unbeholfen durchs Dorf. Fremd im Hier und Jetzt. Wo der Opa sich einst fast verirrte, erstreckt sich heute ein großer, geschniegelter Golfplatz. Der riesige Ferienkomplex, in dem wir früher schliefen, steht grau und unnahbar am Hang. Wie ausgestorben. „Mama, was soll’n wir denn hier?“, fragt der Sohn. Die Wolken hängen schon wieder tief, uns fröstelt.

Was auch immer wir suchten, hier ist es nicht. Wir kehren um – zurück in die Gegenwart. Es wird Zeit, mit unseren Kindern eigene Geschichten zu schreiben. Mit ihnen Dinge zu erleben, die in ihren Herzen bleiben. Schließlich haben wir noch eine wichtige Mission – es gilt, drängende Kinderwünsche zu erfüllen.

Mit Murmi auf Murmeltiersuche
Kuscheltiere sind nicht einfach nur Viecher aus Stoff – sie sind für Kinder Weggefährten, Tröster, Einschlafhilfe. Dem Sohn hatten es vor einigen Jahren die Murmeltiere angetan. Er hatte sie auf Fotos in einer Zeitschrift entdeckt, später in einer Tierdoku im Fernsehen gesehen und sich letztlich in einem Urlaub ein kleines Murmeltier aus Plüsch gekauft. Seitdem war Murmi auf jeder Wanderung dabei, lugte frech aus dem Rucksack und durfte in keinem Bergurlaub fehlen. Nicht nur der Sohn, auch seine beiden Geschwister wünschten sich sehnlichst: einmal ein echtes Murmeltier zu sehen – in freier Wildbahn.

Der Aletsch gilt als der größte Gletscher der Schweiz - doch scheint er viel kleiner als in den Kindheitserinnerungen

Der Aletsch ist der größte Gletscher der Schweiz – doch scheint er viel kleiner als in den Kindheitserinnerungen

Und weil Eltern gerne wandern, Kinder aber nicht immer, steht unser Plan für den nächsten Gut-Wetter-Tag in diesem Urlaub fest: erst rauf aufs Bettmerhorn und mit einem kleinen Umweg (den wir Eltern wollen) den Murmeltierlehrpfad erkunden (was die Kinder wollen) – und Murmi darf im Rucksack mit.

Während es im Tal noch sommerliche 28 Grad hat, jagt ein kalter Wind über den Gipfel des Bettmerhorns, als wir aus der Gondel steigen. Es riecht nach Schnee und glasklarer, eisiger Luft, die uns für einen Moment den Atem nimmt. Völlig unerwartet ist es da – das Winter-in-den-Bergen-so-wie-in-der-Kindheit-Gefühl. Wie elektrisiert ziehe ich die Kinder hinter mir her, wir stolpern über unebene Felsplatten und Geröll, umrunden den Hang, bis wir ihn nach wenigen Metern sehen: den Aletschgletscher!

An Schafen vorbei Richtung Murmeltiere

An Schafen vorbei Richtung Murmeltiere

Wie angewurzelt stehe ich da, der Blick gleitet suchend über die riesige, zerklüftete und bläulich-grau schimmernde Gletscherfläche, die sich unter uns ausbreitet. „Sieht ja aus wie eine Autobahn!“, entfährt es der Tochter wenig poetisch. Auch ich bin irritiert: Der Gletscher ist groß – aber viel kleiner als in meiner Erinnerung. Wenn wir früher im Winter zwischen Riederalp und Bettmeralp Ski fuhren und immer wieder mal den Gletscher sehen konnten, war er mir gigantisch vorgekommen. Oder liegt es nur daran, dass einem als Kind alles größer erscheint?

Der Aletsch gilt als der größte Gletscher der Schweiz – doch ist er tatsächlich am Schrumpfen. Zu warm die Sommer, zu schneearm oft die Winter. Auf einer Tafel lesen wir, dass aus einem Meter Schnee in zehn Jahren nur ein Zentimeter Eis wird. Wir lesen und staunen, fotografieren und lauschen dem Rauschen des Winds über dem Gletscher.
Irgendwann haben wir genug. Die Murmeltiere warten. Wir machen uns auf den Weg bergab – mit dem beklommenen Gefühl, den Kindern gerade etwas gezeigt zu haben, was in meiner Kindheit beeindruckend war, aber auch selbstverständlich schien – und was es womöglich irgendwann nicht mehr gibt.

Murmi auf der Suche nach seinen Kollegen

Murmi auf der Suche nach seinen Kollegen

Ein schriller Pfiff reißt uns aus unseren Gedanken: Murmeltiere! So pfeifen die Tiere, wenn sie einander vor Gefahr warnen wollen. Mucksmäuschenstill bleiben wir stehen, suchen den grünbraunen Hang mit den Augen ab. Wir starren auf Felsen und Senken, auf Grashubbel und Weideränder. Bewegt sich da was? Weiter oben können wir Schafe ausmachen – doch Murmis Kollegen halten sich gut versteckt.

Die Szene wiederholt sich noch einige Male auf unserem Weg runter zur Bettmeralp. Auf den Infotafeln des Murmeltierpfads erfahren wir einiges über die Lebensweise der putzigen Tierchen. Doch so sehr wir bei jedem Pfiff schauen und suchen – kein Murmeltier. Nirgends. „Das klappt bestimmt noch, Murmi“, flüstert der Sohn seinem Kuscheltier tröstend zu – und uns wird ein wenig schwer ums Herz. Irgendwann nimmt er sein Stofftier, setzt es ins Gras – und knipst ein Foto davon. Kein echtes Murmeltier – aber immerhin ein Murmi, das es auf diese Weise in die Zeitung schafft.

ALETSCHREGION/SCHWEIZ
Anfahrt: Mit dem Zug von Freiburg über Basel und Bern nach Brig, weiter mit dem Postbus nach Blatten in 3,5 Stunden. Mit Auto rund 4 Stunden.
Unterkunft: Die Schweizer Reisekasse Reka ist eine Non-Profit-Organisation und unterhält 13 familienfreundliche Feriendörfer mit Kinderbetreuung, auch in Blatten (www.reka.ch)
Mobil sein: Je nachdem, was man alles unternehmen will, lohnt sich das Aletsch-Plus Familienticket (darin enthalten: Alle Bergbahnen, Postbusse und Züge des Verbundgebiets)
Internet: http://www.aletscharena.ch
Kontakt: Schweiz Tourismus, 00800 10020029, http://www.myswitzerland.de
IMG_1501

– Erschienen am 1. Oktober 2015 im „Reise & Freizeit“-Magazin der „Badischen Zeitung“ http://bit.ly/rf011015rovaletsch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s