Wann fahr’n wir wieder zu unseren Kühen? 

Autor: Anselm Bußhoff - offpulse
Unsere Kuhherde vor dem Mont d' Or - Bilder: Anselm Bußhoff

Unsere Kuhherde vor dem Mont d‘ Or – Bilder: Anselm Bußhoff

„Wann geh’n wir wieder zu den Frauen mit den Kühen?“ Die Kinder können die Urlaube im französischen Jura kaum erwarten. Auf 1000 Metern Höhe scheint – nicht nur für sie – das Leben in einen anderen Takt zu schlagen.

Gut 1000 Einwohner zählt das Dorf Jougne in der Region Franche-Comté. Ein Erholungsheim, einige Ferienwohnungen und ein eigentlich nie genutzter Campingplatz, etwas größer als ein Strandtuch, bieten ein überschaubares Angebot an Urlaubsunterkünften.

Es war einmal - Urlaub im Takt des Milchviehs: Kühetreiben im französischen Jura.

Es war einmal – Urlaub im Takt des Milchviehs: Kühetreiben im französischen Jura.

Für unsere Kinder bestimmen hier lange Jahre nicht die Eltern, sondern Kühe den Rhythmus der Ferientage. Früh morgens verfolgen sie deren Auftrieb am gegenüberliegenden Hang, hinter dem sich die Felswand des Mont d’ Or auftürmt. Und am Abend sind sie dabei, wenn das Vieh unweit des Ferienhauses die steile Straße hinab in den Stall getrieben wird.

Die kleinen Hilfsbauern stehen schon an der Weide, wenn die beiden Schwestern, die im Ort einen Biobauernhof betreiben, dort auftauchen. In das „allez, allez“ der Bäuerinnen mischt sich bald das „ari, ari – jetzt kommen sie alle“ der Kinder. Kein Urlaubstag vergeht, an dem sie das Treiben, von der Weide in den Stall hinunter und später wieder zurück, nicht begleiten.

Für die wohl lustigste Szene sorgte in all den Jahren der Älteste. Er hatte seine Fotokamera mitgenommen. Doch die Versuche, die Milchviehwanderung auf Chip zu bannen, misslingen ein ums andere Mal. „Hallo“, herrscht er plötzlich die Rindviecher an: „Bitte mal stehen bleiben – will fokofieren!“

Das Pendeln zwischen Schwarzwald und Jura hat ein Ende.

Das Pendeln zwischen Schwarzwald und Jura hat ein Ende.

Die Ferienerlebnisse hinterlassen nachhaltigen Eindruck. Nach der Rückkehr aus dem Urlaub werden oft wochenlang weiterhin Kühe getrieben. Statt lebender Schwergewichte schleicht Plastikfleckvieh durch die heimische Wohnung. Drei Kinder brüllen „ari“ und „allez“, während sie die Tiere vorwärts bewegen: das Kinderzimmer wird zur Weide, die Küche zum Stall.

Inzwischen laufen die Kühe nicht mehr – weder zuhause noch in Jougne. Die Kinder sind älter geworden und ins Örtchen nahe der französisch-schweizer Grenze drängen eidgenössische Nachbarn. Im wilden Mix der Stile wurde ein neues Wohngebiet mit mehr oder weniger dauergenutzten Bauten erschlossen. Auf dem Weg dorthin störte der sich langsam die Straße tal- und bergwärts schleppende Tross des Fleckviehs – und vor allem dessen Hinterlassenschaften. So haben die „Frauen mit den Kühen“ vor wenigen Jahren direkt an der Weide einen neuen Stall errichtet.

Urlaub für immer - unsere Kühe sind im französischen Jura geblieben.

Urlaub für immer – unsere Kühe sind im französischen Jura geblieben.

Wir haben uns derweil entschlossen, die Schleichtiersammlung aufzugeben – und damit eventuell anderen noch eine Freude zu machen. Unsere Plastikkuhherde blieb dieses Jahr im Feriendomizil. Zwar erleben jene Kleinkinder, die jetzt hier Urlaub machen, das Auf und Ab der Kühe nicht mehr. Doch gehört das Milchvieh zum Landschaftsbild des französischen Juras. Da wird sich sicher noch die ein oder andere Spielidee finden.

Auch wenn die „Frauen mit den Kühen“ bei unserem dem Kleinkindalter entwachsenen Nachwuchs an Attraktivität verloren haben, der Jura und das Urlaubsdomizil mit seinem Blick auf die schroffe Steilwand des Mont d‘ Or nicht. So stellen wir uns künftig eben gemeinsam die Frage: Wann fahr’n wir mal wieder ins Ferienhaus mit „unseren“ Kühen?

Letztes Zurechtrücken fürs Abschiedsfoto!

Letztes Zurechtrücken fürs Abschiedsfoto!

– Erschienen am 11. September 2015 unter der Rubrik „Gerne wieder“ des „Reise & Freizeit“-Magazins der „Badischen Zeitung“ http://bit.ly/rfamb1109gewiejura

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