Zu Hause im Klischee

Autorin: Ronja Vattes - @rovline

 

Mitten im Urlaub beschleicht uns  Fernweh: Blick vom Bildstein auf den Schluchsee. Bild: Anselm Bußhoff

Mitten im Urlaub beschleicht uns Fernweh: Blick vom Bildstein auf den Schluchsee. Bild: Anselm Bußhoff

Wann ist es eigentlich entstanden – dieses Gefühl, sich einer Region verbunden, sich heimisch zu fühlen? In der Kindheit? In Studientagen? Oder erst jetzt, nachdem die eigene Familie gegründet ist? Ich weiß es nicht wirklich.

Heimat, das war die Familie, das waren die Freunde. Irgendwann nach dem Abi kam kurz der Gedanke, als Au-pair ins Ausland zu gehen, Amerika, große Freiheit. Doch irgendetwas hielt mich zurück. Später schaffte ich es immerhin für ein halbes Jahr nach Hamburg, für ein paar Monate nach Magdeburg und unternahm zahlreiche Reisen nach Amerika, Schweden, Frankreich, Polen. Doch am Ende überwog das Gefühl: Schön, wieder hier zu sein. Hier in der Rheinebene, am Fuß des Schwarzwalds, wo gutes Essen, eine schöne Landschaft sowie die Nähe zu Frankreich und der Schweiz das Leben einfach sehr lebenswert machen.

Heute, viele Jahre später, sind wir als Familie auch mit unseren drei Kindern viel gereist. Haben die Abwechslung zwischen Bergen und Meer, Großstädten und Kleinoden gesucht, haben versucht, ihnen die Vielfalt nahezubringen. Aber Urlaub im Schwarzwald? So direkt vor der Haustür? Ist das nicht spießig?

Und doch setzte sich die Idee fest: den Kindern bei aller Reiselust in fernere Länder, endlich auch mal den Schwarzwald zu zeigen.

Urlaub im Kuckucksnest

Der Wald, so schwarz: Zum Ausspannen und Wandern im Schwarzwald - Bild: Ronja Vattes

Der Wald, so schwarz: Zum Ausspannen und Wandern im Schwarzwald – Bild: Ronja Vattes

Gedankenverloren döse ich wenige Wochen später auf einer hölzernen Himmelsliege im Hochschwarzwald in der Sonne, lasse den Blick schweifen über das satte Grün der Wiesen bis zu den Hügeln, auf denen die Tannen sich zur Sonne recken. Und finde mich mitten im Klischee eines Schwarzwaldurlaubs wieder: Die Bienen summen, die Luft ist rein, ein Bach plätschert munter vor sich hin. Sogar der Löwenzahn ist höchst malerisch auf die Wiese getupft, und das Blau des Himmels konkurriert mit dem fluffigen Weiß der vereinzelten Wölkchen. Ein Werbeprospekt würde jetzt vermutlich noch dazu auffordern, die Seele baumeln zu lassen. Statt dessen hängt mein Verstand irgendwo zwischen „Hach, ist das schön!“ und „Mein Gott, ein bisschen peinlich ist das doch schon?!“.

Die Kinder haben ihre Bedenken gegenüber „Wie? Nur Schwarzwald?“ längst unbekümmert abgelegt und toben begeistert über die riesige Wiese, spielen Fußball und genießen den Auslauf. Schon nach wenigen Stunden steht es 1:0 – für einen Urlaub im Schwarzwald.

Weil es gerade mit Kindern so unkompliziert ist. Denn noch ehe auf dem Hinweg zum Urlaubsort der Nervkram mit „Wann sind wir endlich da?“ losgehen konnte – hatten wir Menzenschwand bei St. Blasien am frühen Nachmittag auch schon erreicht. Ein kleiner Ort mit alten Bauernhäuschen, im Tourismusjargon als „Romantisches Schwarzwalddorf“ beworben. Wenn schon Klischee, dann richtig. Während andere ganz individuell und doch auch irgendwie klischeehaft im VW-Bus Korsika erkunden, geben wir uns die volle Dröhnung aus Hirschgeweih und Bollenhut – auch in unserer Ferienwohnung mit dem bezeichnenden Namen Kuckucksnest.

Während manch anderen Ferienwohnungen im Schwarzwald noch die Muffigkeit von Eiche rustikal und ausrangiertem Ledersofa anhängt, erhebt das Kuckucksnest dezent den Kitsch zum Kult: Mit Kuhfell auf dem Boden, moderner Schwarzwaldkunst an den Wänden und einer Tafel in der Küche, auf die ein Designer Wildschweine und das Wort Heimaturlaub gemalt hat. Neun solcher Kuckucksnester, die von Hochschwarzwald Tourismus vermietet werden, gibt es inzwischen im Schwarzwald, zwölf sollen es bald sein. Alle sind auf die gleiche Art durchgestaltet und bieten stets den gleichen Standard aus gehobener moderner Ausstattung.

Hotpants unterm Bollenhut: im Kuckucksnest - Bild: Hochschwarzwald Tourismus

Hotpants unterm Bollenhut: im Kuckucksnest – Bild: Hochschwarzwald Tourismus

Die Kinder wundern sich über die seltsame Kunst an den Wänden: über Frauen mit Bollenhut, die aufreizende Hotpants tragen. Und sind begeistert vom Hightech-Klo, das in der Dunkelheit leuchtet, auf Knopfdruck die Klobrille wärmt und einem den Allerwertesten wäscht. Und wir Eltern? Sind angetan von der Gemütlichkeit, den Holzböden und dem Blick: Weite, so weit das Auge reicht. Wir stehen verzückt am Fenster, atmen auf – und halten jäh für einen Moment die Luft an: Im Korb mit dem Willkommensgruß für Gäste liegen Schwarzwaldmilch, Bad Dürrheimer Mineralwasser und Tannenzäpfle. Schlagartig wird uns bewusst, wie nah wir an zu Hause sind. Dieselben Produkte stehen auch bei uns daheim im Kühlschrank.

Mit einem Mal vermissen wir ein wenig das Gefühl, wirklich weg zu sein. Kein euphorischer Kaufrausch in fremden Supermärkten erwartet uns. Keine andere Währung in unserem Geldbeutel. Keine Konversation mit Händen und Füßen – und erleichtertem Lachen, wenn der andere einen endlich versteht.

Mitten im Urlaub beschleicht uns Fernweh. Ein merkwürdiges, eigentümliches Gefühl, das uns auch die nächsten Tage nicht loslassen wird.

Alles auf eine Karte

Lichter Bollenhut: im Bergbeizle Zum Kuckuck - Bild: Ronja Vattes

Lichter Bollenhut: im Bergbeizle Zum Kuckuck – Bild: Ronja Vattes

Noch am ersten Abend erkunden wir den Menzenschwander Wasserfall, der direkt hinter dem Haus mit unserem Kuckucksnest beginnt. Die Kinder flitzen die schmalen Pfade entlang, erkunden die kleine, wunderbar kühle Schlucht, bestaunen den Wasserfall, spucken von den Brückchen in den Bach und vertreiben die Mücken, die im Abendlicht über dem Wasser tanzen.

Hungrig sitzen wir wenig später im Café und Bergbeizle Zum Kuckuck und wundern uns über den Unterschied zwischen Brägele und Brägel. „Das eine sind Bratkartoffeln, das andere ist so eine Art Rösti“, belehrt uns eine Bedienung mit rheinischem Akzent. Während wir uns Ziegenbratwürste und Brägele schmecken lassen, entwerfen wir einen Plan für die nächsten Tage. Was sich als gar nicht so einfach erweist, wenn es so viele Möglichkeiten gibt. Denn wer mehr als zwei Nächte im Hochschwarzwald bleibt, bekommt für die ganze Familie die Hochschwarzwald-Card ausgestellt – sofern der jeweilige Vermieter das Projekt unterstützt. Das kostenlose Angebot mit der Hochschwarzwald-Card ist riesig: in den Steinwasenpark oder ins Badeparadies? Ein E-Bike leihen, klettern, Minigolfen oder ins Mitmachmuseum? Bootstour auf dem Titisee? Bloß nicht! „Wir sind doch keine Touristen!“, denken wir empört – und müssen schmunzeln: Wir sind es wohl doch, irgendwie.

Beim Blättern in den Prospekten wird uns bewusst, wie viel der Schwarzwald bietet, was wir bislang nicht gemacht haben. Oft war die Zeit zu knapp, war uns der Weg zu weit oder der Eintritt zu teuer. Jetzt aber scheint vieles so leicht erreichbar – und günstig. Unser Blick fängt an, sich zu verändern: Im seit Jahrzehnten vertrauten Schwarzwald beginnen wir das Unbekannte zu sehen.

Auf dem Jägersteig
„Gell, Mama, der Bildstein heißt so, weil der Blick wie ein tolles Bild ist!“, seufzt die Tochter anerkennend altklug, während sie sich den Schweiß beherzt ins T-Shirt wischt. Auch wir Eltern atmen durch, erleichtert, den Aufstieg von Schluchsee-Aha hinauf zum Bildstein mit den Kindern trotz der sengenden Sommerhitze geschafft zu haben. Was für ein Blick! Unter uns liegt dunkel und geheimnisvoll glitzernd der Schluchsee, die Tannen und Kiefern verströmen ihren würzigen Duft. Das steilste Stück des Jägersteigs ist gemeistert, von da an geht es auf meist schmalen Pfaden gut ausgeschildert durch den schattigen Wald.

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Autobahn für Wanderer: der Feldberg – Bild: Anselm Bußhoff

Feldberg
Er ist der Höchste im Schwarzwald – und dennoch ist er für uns der Tiefpunkt. Inmitten einer Blechlawine quälen wir uns die Straße zum Feldberg empor – und müssen prompt viel weiter unten parken. Doch weil die Fahrt mit der Feldbergbahn mit der Hochschwarzwald-Card kostenlos ist und wir ja nun schon mal da sind, wälzen wir uns zu Fuß mit all den anderen von der Bergstation zum Bismarckdenkmal und weiter auf langweiligen, teils sogar asphaltierten Wegen zum Gipfel. Und schütteln den Kopf über uns selbst: wir Anfänger! Benehmen uns wie Touristen – obwohl wir Ortskundige sind und es besser wissen müssten. Den grandiosen Blick aber halten wir trotzdem fest.

Schwarzwälder Kirschtorte
Und weil auf dem Weg vom Feldberg zurück in unser Kuckucksnest noch das Café Zum Gscheiten Beck in Feldberg-Bärental liegt, lassen wir all unsere „Aber wir sind doch keine Touris!“-Bedenken endgültig fallen, biegen ab und sitzen bald schon auf der Terrasse, riesige Stücke Schwarzwälder Kirschtorte vor uns und die Gabeln lustvoll gezückt. Biss für Biss erobern wir uns unser Urlaubsgefühl zurück. Satt und zufrieden strecken wir die Beine in die Sonne, lassen die großen Reisebusse an uns vorüberziehen. Und fühlen uns bei allem Fernweh doch ganz schön heimisch im Schwarzwald. Zu Hause in einem Klischee.

Hölzerne Boote am Schluchsee - Bild: Anselm Bußhoff

Hölzerne Boote am Schluchsee – Bild. Anselm Bußhoff

FERIEN IM HOCHSCHWARZWALD
Unterkunft: Hochschwarzwald Tourismus bietet eigene Ferienwohnungen an: http://www.kuckucksnester.de
Hochschwarzwald-Card: Ab zwei Übernachtungen gibt’s (bei mehr als 300 Gastgebern) die Bonuskarte, mit der 70 Attraktionen kostenlos genutzt werden können (www.hochschwarzwaldcard.de)
Kindgerechte Variante des Jägersteigs: Mit dem Schiff von Schluchsee nach Aha (www.seerundfahrten.de, mit der Bonuskarte kostenlos), von dort hoch zum Bildstein und durch den Wald auf dem Pirschpfad zurück nach Schluchsee (Länge: rund 7 Kilometer).
Komplette Jägersteigtour unter: http://mehr.bz/jaegersteig
Infos: Hochschwarzwald Tourismus, Freiburger Straße 1, 79856 Hinterzarten, 07652/1206-0, Internet:
http://www.hochschwarzwald.de

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