Erziehungsurlaub am Berg

Autorin: Ronja Vattes - @rovline
Grandioser Blick am Großen Kandelfelsen - Bilder: Ronja Vattes

Grandioser Blick am Großen Kandelfelsen – Bilder: Ronja Vattes

Grundgütiger! Hoffentlich sieht uns keiner – vor allem nicht unsere Kinder. Wie wir Mütter genüsslich bröselnd auf der Picknickdecke rumlümmeln, uns die Sonne ins Gesicht scheinen lassen (Uneingecremt!), uns mit dem roten Saft der Erdbeeren bekleckern (Pass doch auf!) und die Wurst erst auf der Jeans (Das gibt Flecken!) mit dem Schweizer Messer schneiden (Tu Dir nicht weh!), und sie dann auch noch mit den Fingern essen (Benimm Dich doch mal!). Und dabei immer wieder in Gekicher ausbrechen wie zwei pubertierende Teenies. So etwas ähnliches sind wir heute auch: Zwei Mütter am Kandel bei Waldkirch – auf Erziehungsurlaub.

Was hatten wir dereinst geschimpft über dieses unsägliche Wort: Erziehungsurlaub! Frau musste nicht Hardcore-Feministin sein, um zu kapieren, dass diese Bezeichnung eine Frechheit war. Denn die Zeit nach der Geburt eines Kindes, wenn frau im Beruf Pause machte und zu Hause blieb, um sich um die Kinder zu kümmern, hatte mit Urlaub so wenig gemein wie ein notfallmäßiger Zahnarztbesuch inmitten eines Bürotages mit einer erholsamen Auszeit.

Und genau deshalb gönnen wir uns heute einen Tag Erziehungsurlaub – so wie wir ihn verstehen. Einen Tag lang niemanden erziehen, keine Kinder ermahnen, keinen Streit schlichten müssen, keinen Organisationskram erledigen, nicht arbeiten gehen – und vor allem nicht schon wieder nur die Hälfte eines Erwachsenengesprächs mitbekommen, weil gerade irgendeins der Kinder sich das Knie aufgeschlagen, einen Kaugummi verschluckt und jetzt blöden, nicht aufschiebbaren Hickser hat Mit großer Lust tun wir nun all die Dinge, die wir sonst strikt ablehnen würden – schließlich sollen Eltern ja Vorbild sein.

Eines Mädel-Tages wahrlich würdig: der Damenpfad

Eines Mädel-Tages wahrlich würdig: der Damenpfad

Wir haben uns hinfortgestohlen aus dem Alltag, mitten in der Woche, haben das Müssen, Sollen, Nicht-dürfen zu Hause gelassen und sind an den Kandel gefahren zum Wandern. Keine große Tour, mehr so für den Genuss und für genug Restpuste zum Plaudern am Berg. Dachten wir. Doch vor lauter ungebremstem Geschwatze verfehlen wir schon kurz nach dem Parkplatz am Kandel-Berghotel den richtigen Einstieg zur Tour, das werden wir aber erst sehr viel später merken.

Euphorisch lassen wir den Blick über die Schwarzwaldhügel schweifen, stupsen einander an, „Guck mal, wie blau der Himmel ist!“ – „Isses nicht schön hier?“ – saugen die gute Luft tief ein und stapfen munter bergan. Schließlich bremst kein Kindergenörgel unserem Elan. An der Gipfelpyramide zücken wir unsere Handys, knipsen Ausblick und Freundin – und bejubeln das Schild „Damenpfad“, welch’ besseren Weg könnte es geben für unseren Mädel-Tag?

Ausblick  genießen, knipsen und dann posten – an die Lieben daheim

Ausblick genießen, knipsen und dann posten – an die Lieben daheim

Viel zu lange ist es schon her, dass wir Freundinnen uns gesehen haben, zu weit die Entfernung, zu dicht gepackt meist der Alltag. Während wir den gut besuchten Aussichtspunkt verlassen, der Beschilderung zum Großen Kandelfelsen folgen und gemütlich den Hang entlanggehen, schwanken wir immer wieder zwischen tausend „Hab’ ich Dir eigentlich schon erzählt?“-Anläufen und dem Genießen der sich nun langsam um uns herum einstellenden Ruhe. Der Pfad wird schmal, die Wegesränder sind gesäumt von sattgrünen, aber noch fruchtlosen Heidelbeersträuchern. Nun werden die Plauderpausen größer, wir müssen uns konzentrieren, Steine und Wurzeln kreuzen den Weg. Bald schon tauchen wir ein in den Wald, folgen dem Zickzack des Weges bis plötzlich der Große Kandelfelsen vor uns in die Höhe ragt. Welch ein Blick! Aus der schattigen Kühle des Waldes schauen wir durch die Lücke zwischen den Felswänden auf das sonnenbeschienene Tal, hinunter Richtung Waldkirch und rüber bis nach Freiamt.

Erst jetzt merken wir, dass wir von unserer ursprünglich geplanten Strecke völlig abgekommen sind – und nun auch den Wiedereinstieg nicht finden. Nach drei falschen Anläufen geben wir auf. „Gut, dass wir keine Kinder dabei haben“, lacht die Freundin, „das gäb’ jetzt aber mächtigen Ärger!“ So aber beschließen wir gutgelaunt, dass es heute doch eh’ nicht wirklich ums Wandern ging und kehren um. Wir schnaufen den steilen Zickzack-Pfad durch Wald und Heidelbeersträucher wieder hinauf, zum Plaudern fehlt endgültig die Puste.

Oben angekommen wäre eigentlich noch Zeit genug, die Tour noch einmal richtig anzugehen. Doch wir lassen Pläne einfach Pläne sein, breiten die Picknickdecke aus, räkeln uns genüsslich in der Sonne, teilen friedlich Erdbeeren, Schokokekse, Salami, Tomaten, Baguette – und denken bei uns: Erziehungsurlaub ist doch wirklich nett!

Pausieren, plaudern,  picknicken

Pausieren, plaudern, picknicken

PANORAMATOUR AM KANDEL
Anfahrt: bis Waldkirch, dann der Beschilderung zum Kandel folgen. Start ist am Parkplatz Kandel-Berghotel.
Verlauf: Kandelpyramide, Thomashütte, Großer Kandelfelsen, Heibeerfelsen, Parkplatz Kandel-Berghotel
Profil der Rundtour: 7 Kilometer, 330 Meter Aufstieg / 330 Abstieg
Gehzeit: Rund zwei Stunden
Info: http://mehr.bz/kandelpano

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s