Die Angst fliegt mit

Über den Wolken ... Bild: Anselm Bußhoff

Über den Wolken … Bild: Anselm Bußhoff

Es gibt gute Gründe, nicht in ein Flugzeug zu steigen – denn es wird von Menschen entworfen, gebaut und geflogen. Und die machen bekanntlich Fehler. Und doch werden wir auch diesen Sommer wieder in den Urlaub fliegen – einfach, weil wir Menschen sind.

Den Gedanken „Hoffentlich geht alles gut“ beim Start kennen viele. Nicht erst seit dem 11. September oder dem Absturz in den französischen Alpen. Wenn der Schub der Motoren uns in die Sessel drückt und wir sehen, wie der Horizont zu kippen beginnt, beschleicht uns dieses flaue Gefühl in der Magengegend. Wir heben ab – und verlieren dabei im Wortsinne den Boden unter den Füßen: ein Gefühl zwischen Schaudern und Entzücken.

Fliegen ist für den Menschen unnatürlich, die Luft für ihn nicht seine gewohnte Umgebung. Für uns Landtiere bedeutet Fliegen, die Kontrolle zu verlieren – nicht nur, wenn es schief geht. Auch das Schicksal der Matrosen an Bord der Kursk hat uns erschüttert, die in ihrem U-Boot eingeschlossen in der Tiefe des Meeres starben: Weil es die Urängste vom Ausgeliefert-, vom Machtlos-Sein in uns wach rief.

Zwar haben wir auch im Zug keine Kontrolle, doch Züge schweben nicht in der Luft oder tauchen im Wasser, sondern bleiben auf unserem vertrauten Terrain – und wir können zu (fast) jeder Zeit aussteigen oder die Notbremse ziehen. Erstaunlicherweise fühlen wir uns besonders sicher beim Autofahren – obwohl es objektiv dafür keinen Grund gibt: Fast 3500 Menschen starben im vergangenen Jahr allein in Deutschland im Straßenverkehr, bei Flugunfällen kamen weltweit 970 Menschen ums Leben. Aber das Auto steuern wir selbst, wir nutzen es täglich und erfahren somit tausende Male, dass es gutgeht. In den Flieger aber steigen wir selten – und sind deshalb nervös, nesteln am Gurt, bis der uns vermeintliche Sicherheit gibt.

Im Flugzeug fühlen wir uns ausgeliefert – dem Piloten, den Lotsen, dem Wetter und der Technik. Das Wetter können wir nicht lenken, und Mensch und Technik sind eben auch fehlbar. Wenn ein Flugzeug abstürzt, fühlen wir uns in unserem Misstrauen und unseren Ängsten bestätigt. Wenn das Unglück gar in unser eigenes Leben eindringt, wir Angehörige, Freunde, Nachbarn, Bekannte verlieren, oder Triebwerke und Tragflächen – wie einst bei Überlingen – plötzlich aus heiterem Himmel in unsere Gärten stürzen, dann trifft dies uns stärker als ein Zugunglück in Tansania, das mehr als 200 Menschenleben fordert.

Flugzeugabstürze reißen uns aus unserer Routine – weil auf einen Schlag viele Menschen sterben, wir mit den Opfern und Angehörigen mitleiden und wir im Angesicht des Todes anderer uns des eigenen Lebens und seiner Endlichkeit bewusst werden. Wir ahnen in einem solchen Moment, wie sehr wir nicht nur beim Fliegen, sondern Tag für Tag einer komplizierten Technik vertrauen, die wir im besten Fall bedienen, aber weder verstehen noch beherrschen können.

Die wenigen, die sie verstehen, die Techniker, versuchen, alle möglichen Sicherheitslücken, Pannen und Katastrophenszenarien vorauszusehen, durchzuspielen und möglichst exakt zu berechnen. Aber auch sie sind letztlich nur Menschen und vermögen nicht über ihre eigene Erfahrungswelt hinauszudenken.

Besonders drastisch zeigte das der 11. September: Dass Menschen bereit waren, voll besetzte Passagierflugzeuge in Bomben zu verwandeln – damit hatte keiner gerechnet. Das Sicherheitssystem war auf Sabotage ausgerichtet, die Piloten nur für Flugzeugentführungen mit dem Ziel der Erpressung geschult worden. Und die Lehren, die daraus gezogen wurden, berücksichtigten wiederum nicht das bislang scheinbar Undenkbare.

Das Unglück in den französischen Alpen war kein Anschlag, wohl kein Versagen der Technik. Doch genauso wie der Terror von New York führt er uns eines deutlich vor Augen: Das Leben wird weitergehen nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Erst aus Fehlern lernen wir – und aus dem Eintreten des Unerwarteten, von Katastrophen, die keiner für möglich gehalten hätte.

So bitter das sein mag: Anders ist Fortschritt nicht möglich. Wenn wir uns täglich sämtlicher Gefahren bewusst wären, die uns umgeben, kämen wir nicht mehr dazu zu leben. Und so werden wir bald wieder in den Flieger steigen und mit klopfendem Herzen hoffen, dass alles gutgeht. Ronja Vattes

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