Versunken im Hier und Jetzt

(K)ein Ort zum Verweilen: Ein Stückchen Schweden in Eis und Schnee - Bild: Anselm Bußhoff

(K)ein Ort zum Verweilen: Ein Stückchen Schweden in Eis und Schnee – Bild: Anselm Bußhoff

Jegliches Zeitgefühl haben wir schon seit Tagen verloren, trotz Wecker, trotz Armbanduhren. Wenn die Sonne gegen 9 Uhr aufgeht, schlafen wir meist noch. Richtig hell wird es auch in den wenigen Stunden danach nicht. Grau und zäh hängt der Nebel in jenem Januar 2002 über jenem See in Südschweden, dessen Namen ich längst vergessen habe. Wir waren eine Gruppe junger Leute, die gemeinsam die Tage verbrachten, mit Kochen und gutem Essen, mit Diskutieren, Kunst, Musik. Und Müßiggang. Lange lesen, viel schlafen. Vieles hat sich aufgelöst in der Erinnerung an jene Tage. Geblieben aber sind die Stunden am See. Wie wir im Zwielicht uns vorsichtig aufs Eis wagten, gespannt auf jedes noch so leise Knacken lauschend. Oder wie wir in der Sauna saßen, vor Hitze glühend, und durchs Fenster hinaus ins stille Eisgrau blickten. Wo der zugefrorene See endete, wo der bleigraue Himmel begann – wir wussten es nicht. Wir saßen, starrten schwitzend und schweigend in diese graue Unwirklichkeit. Gefangen im Moment, verloren im Hier und Jetzt. Manchmal reicht ein Blick auf einen zugefrorenen See, um jenen Zustand zu erreichen, für den Mönche lange meditieren müssen. Ronja Vattes

– Erschienen am 12. Dezember 2014 unter der Rubrik „Fluchtpunkt“ des „Reise & Freizeit“-Magazins der „Badischen Zeitung“ http://bit.ly/rovrf12122014fpschwed

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