Auf der Suche nach dem Winter-Weihnachtsgefühl

Keine Spur von Klimawandel: Eiszeit in Emmendingen - Bilder: Anselm Bußhoff

Keine Spur von Klimawandel: Eiszeit in Emmendingen – Bilder: Anselm Bußhoff

Als wir Kinder waren, schien sich die Zeit bis Heilig Abend endlos hinzuziehen. Wann endlich backen wir die ersten Plätzchen? Wann dürfen wir die Wohnung schmücken? Und: Wann endlich fällt der erste Schnee? Erwartungsvoll, sehnsüchtig konnten wir beiden Freundinnen stundenlang am Fenster stehen, die Nasen plattgedrückt an der kalten Scheibe hinaus ins Graue starren und darüber philosophieren, ob die Wolken nicht vielleicht doch so „ein bitzelchen schneegrau“ aussehen. Oft ging unser wichtigster Weihnachtswunsch spätestens am 24. Dezember endlich in Erfüllung: es schneite.

Das erschwerte unser alljährliches Weihnachtsritual zwar etwas, machte es aber umso schöner: Jedes Jahr am Heilig Abend trafen wir zwei uns frühmorgens nach dem Frühstück dick eingemummt, stiegen auf unsere Räder und strampelten knappe vier Kilometer durch die kalte Winterlandschaft zu „unserem“ Pferdestall, um den Pferden Heika und Hella eine schöne Bescherung zu bereiten. An diesem Tag schmückten wir die Boxen unserer Reitgelegenheit mit Tannenzweigen und roten Schleifen, für die Pferde gab es besonders schöne Äpfel und Möhren und wir Mädels saßen fröstelnd auf den Strohballen, hauchten Atemwölkchen in die klammen Finger, beschenkten uns gegenseitig mit selbstgebastelten Kleinigkeiten und fühlten uns sehr weihnachtlich.

Heute ist außer einer schönen Erinnerung von diesem Ritual nicht viel geblieben: Die Freundin ist nach Amerika ausgewandert, die Pferde gibt es längst nicht mehr und auch auf den Schnee warten wir hierzulande Jahr für Jahr an Weihnachten vergebens. Unsere Kinder können die Geschichten von einst kaum glauben: Die Rheinebene dick verschneit? Tagelang? Sie starren statt aus dem Fenster aufs Smartphone der Eltern, checken Wetter-Apps und Nachrichtendienste und resümieren resigniert: Das wird nix mit dem Schnee an Heilig Abend.

Manchmal, wenn meine Ungeduld zu groß wird, werfen wir Eltern kurzerhand für ein paar Stunden unsere ökologischen Bedenken über Bord, entern mit unseren Kindern die kleine Eisbahn in Emmendingen, schlittern übers glatte Weiß, freuen uns am Glitzern der Lichter, dem Kratzen der Kufen. Holen uns kurz ein Stückchen des alten Winter-Weihnachtsgefühls zurück. Wir drehen unsere Runden, spielen Schlittschuh-Fangi, halten uns lachend an den Händen. Zwischendurch nippen wir an unserem Glühpunsch, essen Crêpes und Flammenkuchen an den Ständen des kleinen Weihnachtsmarktes und tun so, als ob es die Klimaerwärmung gerade nicht gäbe.

Manchmal aber ertappe ich mich dabei, wie ich bei all dem fröhlichen Pling-Pling gen Himmel schaue, den Kopf in den Nacken gelegt und angestrengt in die bleierne Wolkendecke starre: Ist da nicht vielleicht doch so ein „bitzelchen schneegrau“ dabei? Die Sehnsucht bleibt. Weiße Weihnachten? Gerne. Endlich mal wieder. Ronja Vattes

Ein Stückchen Winterweihnachtsgefühl zwischen Glühwein und Klimawandel.

Immer im Kreis herum: Ein Stückchen Winterweihnacht zwischen Glühwein und ökologischen Bedenken.

– Erschienen am 12. Dezember 2014 unter der Rubrik „Gerne wieder“ des „Reise & Freizeit“-Magazins der „Badischen Zeitung“ http://bit.ly/rovrf1201204winwei

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