Ein echter Brüller

Auf dem Sprung: Der Computer berechnet die Flugbahn - die Kinder haben Spaß. Bilder: Anselm Bußhoff

Auf dem Sprung: Der Computer berechnet die Flugbahn – die Kinder haben Spaß. Bilder: Anselm Bußhoff

Konzentriert starrt der Achtjährige auf den kleinen, grün leuchtenden Punkt, der rasch einen Halbkreis entlang flitzt. Sein Zeigefinger liegt drückbereit auf dem schwarzen Knopf, sein Körper ist angespannt wie bei einem Panther, der sich auf seine Beute stürzen will. Schließlich will Peer es jetzt endlich schaffen. Der grüne Punkt saust den Halbkreis entlang, die Augen des Jungen verfolgen ihn. Dann erlischt der Punkt. Peer wartet einen kurzen Moment, dann drückt er flink den Knopf. „Mist! Oh Mann, wieder verfehlt, das war ganz knapp“, jammert er.

Er sitzt an einer der Experimentierstationen der neuen Ausstellung „Echt stark Dein Körper!“ im Straßburger Wissenschafts- und Technikcenter Le Vaisseau. An der Station mit dem Titel „Laufzeitvorhersage“ geht es darum, abzuschätzen, wann genau der sich gleichmäßig bewegende Leuchtpunkt eine rote Schranke erreicht haben wird – wenn er wenige Zentimeter zuvor schon erloschen ist. Die Station hat den Ehrgeiz des Jungen mächtig geweckt. Wieder und wieder drückt er auf Start, fixiert den Punkt, schätzt ab, drückt nach ein paar Millisekunden den Knopf und: „Jaaaa! Ich bin exakt gelandet!“, schallt es irgendwann durch den Raum. Der Achtjährige reckt die Fäuste jubelnd nach oben und zur Belohnung leuchten die grünen Dioden wild blinkend wie bei einer Disco-Anlage.

Zwischen Zerrbild und Wirklichkeit - auf der Suche nach dem korrekten Spiegelbild.

Zwischen Zerrbild und Wirklichkeit – auf der Suche nach dem korrekten Spiegelbild.

Die neue Wechselausstellung im Le Vaisseau ist ein echter Brüller. Im wahrsten Sinne des Wortes. Nirgendwo heißt es „Pssst, jetzt sei doch mal leise, wir sind in einem Museum.“ Sondern die Kinder werden, passend zum Motto der Ausstellung, körperlich herausgefordert – und dürfen endlich einmal schreien, was die Kehle hergibt. Doch keine Sorge, der Rest der Besucher bekommt von dem markerschütternden Gekreische nichts mit. Paul (10) steckt gerade mit dem Kopf im Schreikasten und versucht, gut schallisoliert!, die roten Striche des Lautstärke-Messers in die Höhe zu treiben. Wer sich traut, in aller Öffentlichkeit laut zu brüllen, schafft mitunter 115 Dezibel – so laut wie ein wuppendes Rockkonzert und nicht mehr allzu weit vom Lärm eines startenden Düsenjets entfernt.

26 Experimentierstationen zählt der Themenbereich rund um den Körper, ist vielfältig gestaltet und alle Anleitungen gibt es nicht nur auf Französisch und Englisch, sondern auch auf Deutsch. Mal gilt es, von einer Rampe zu hopsen und möglichst sanft federnd zu landen – mit Hilfe dieses Experiments soll Kindern wie Erwachsenen gezeigt werden, wie schwierig das für uns Menschen ist, selbst bei einem wenige Zentimeter tiefen Sprung und wie gekonnt Katzen selbst aus hohen Höhen sachte aufkommen.

Ein anderes Mal gilt es, das Gewicht von Gegenständen grammgenau zu schätzen, mit den Händen rot gefärbtes Wasser durch ein Kunstherz zu pumpen oder vor einem Zerrspiegel Selbstbild und Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Während wir Erwachsenen staunen, wie dick oder dünn wir uns im Vergleich zur Wirklichkeit einschätzen, steht für die Kinder der Spaß im Vordergrund: Das überraschte Gekichere, wenn man sich selbst „Ey, voll fett“ einstellt oder plötzlich aussieht wie ein klapperdürres Strichmännle.

Coole Typen: Familenfoto - aufgenommen mit der Wärmebildkamera

Coole Typen: Familenfoto – aufgenommen mit der Wärmebildkamera

Für die neue Wechselausstellung wurde das gesamte Innenleben des Le Vaisseau umgebaut und renoviert. Zwischen den Stationen wurde deutlich mehr Platz geschaffen, auch die Dauerausstellung wurde entrümpelt, Stationen abgebaut, andere wiederum ausgebessert und all jenes farblich überholt, was schmuddelig geworden war. So kommt das alte Konzept aus einerseits die normale Dauerausstellung mit beliebten Klassikern wie der Baustelle oder der Wasserabteilung, sowie andererseits dem jährlich wechselnden Themenbereich erfrischend neu daher. Und von der alten Wechselausstellung „Mathémanip – wir packen Mathe“ sind einige der Knobelstationen geblieben. So ist eine gelungene Mischung für alle Altersstufen entstanden – für ungeduldige „Auf-allen-Knöpfen-mal-rumdrücken“-Besucher ebenso wie für jene, die sich für die Theorie dahinter interessieren.

Die Theorie ist den drei Geschwistern Paul, Peer und Elisa an diesem Nachmittag egal, sie wollen nur noch eins: Den „total gut rechnenden Computer“ überlisten. Der sagt ihnen nämlich allein anhand ihres Absprungverhaltens ziemlich exakt voraus, wo sie gleich in der Sprunggrube landen werden. Gefühlte 47 Mal sind sie bereits gesprungen, ihre Wangen glühen, doch das Teil zu überlisten schaffen sie nicht. Macht nichts, finden wir Eltern. Schließlich werden die Kinder nach so viel Sportelei sicher früh schlafen. Dem Computer sei Dank. Ronja Vattes

WISSENSCHAFTS- UND TECHNIKCENTER LE VAISSEAU
Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr
Eintritt: Erwachsene 8 Euro, Kinder (3-18 Jahre) 7 Euro, Familien (Vier
Personen) 25 Euro, Happy Hour ab 16.30 Uhr 3 Euro.
Kontakt: Le Vaisseau, 1 bis rue Philippe Dollinger, Straßburg, 0033/ 369/332669, http://www.levaisseau.com/de

– Erschienen am 21. November 2014 im „Resie & Freizeit“-Magazin der „Badischen Zeitung“ http://bit.ly/rovrf211114koerper

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