Mit Volldampf in die Katastrophe

Keine Spur von Baby-Käse-Eier-Leicht: Fahrsimulation im Führerstand eines alten Krokodils Fotos: Anselm Bußhoff

Keine Spur von Baby-Käse-Eier-Leicht: Fahrsimulation im Führerstand eines alten Krokodils
Bilder: Anselm Bußhoff

Baby-Käse-Eier-leicht. So stellt sich der Sohn das vor. „Die müssen doch nichts machen, die fahren doch nur auf Schienen und sitzen im Sessel rum“, war seine jugendliche Expertenmeinung gewesen, als wir mit dem Zug durch die Schweizer Berge fuhren. Dafür, dass das Ganze angeblich so Baby-Käse-Eier-Leicht sein soll, ist er zusammen mit seinem Bruder trotz Arbeitsteilung nun ganz schön am Rotieren.

Jung trifft alt: Begegnung mit Krokodil-Lok 407 vor dem Albula-Museum der Rhätischen Bahn in Bergün.

Jung trifft alt: Begegnung mit einer Krokodil-Lok 407 vor dem Albula-Museum der Rhätischen Bahn in Bergün.

Der eine kurbelt und reguliert die Stromspannung, der andere bedient das Warnsignal mit der rechten Hand und tritt das Totmann-Pedal mit dem linken Fuß. Dabei starren beide gebannt auf den Monitor, regulieren hektisch die Geschwindigkeit des Zuges, versuchen gleichzeitig die Schilder am Wegesrand zu beachten. Immerhin geht es durch enge Kurven und dunkle Tunnels die Berge rauf und runter, da sollte man mit angepasster Geschwindigkeit unterwegs sein.

„Willkommen an Bord des Zuges auf der Fahrt von Chur nach St. Moritz. Sie befinden sich in der Obhut von zwei acht- und zehnjährigen Jungs sowie eines sechsjährigen Mädchens – und dürfen durchaus froh und erleichtert sein, wenn Sie ihr Ziel erreicht haben“ So in etwa könnte die Durchsage an die Fahrgäste lauten. Die aber gibt es gar nicht. Die beiden Jungs und ihre kleine Schwester steuern nicht wirklich einen vollbesetzten Zug, sondern stehen im Führerstand einer echten Lok und dürfen die Fahrt in einem Fahrsimulator nacherleben.

Dieser ist Teil des Bahnmuseums Albula, das direkt am Bahnhof von Bergün in Graubünden in der Schweiz liegt. Und weil Bergün eine Station der zum Unesco-Welterbe zählenden Strecke der Rhätischen Bahn ist, lag es nahe, ein ganzes Museum der Entwicklung und dem Bau dieser spektakulären Strecke mit ihren Tunneln, Viadukten und Kehren zu widmen. Einer Strecke, die vor 125 Jahren mit findigem Ingenieursgeist, eisernem Willen und der Muskelkraft tausender Arbeiter ihren Anfang nahm.

Das Museum ist eine Reise in die Vergangenheit mit Hilfe modernster Technik. Da steht vor dem Haus die alte Krokodil-Lok 407: Gebaut 1924, stolze vier Millionen gefahrene Kilometer auf dem Zähler. Ausgestattet ist das alte Stück aber mit einem so realitätsnahen Hightech-Fahrsimulator, dass er der Rhätischen Bahn sogar als Ausbildungsstation für angehende Lokführer dient. Und auch im Museum selbst ist der Mix aus Alt und Neu gut gelungen.

Fahrkarten aus Zeiten, zu denen es noch keine Online-Tickets gab.

Fahrkarten aus Zeiten, zu denen noch keiner an Online-Tickets dachte.

Einerseits ist die Ausstellung aufs Schickste durchdesigned, andererseits spielt sie aber sehr gekonnt mit Licht und Schatten, um die Aufmerksamkeit der Besucher auf die historischen Stücke zu lenken: Fahrkartenknipser, Taschenuhren, Stempel, Ausweise, Uniformen, Fahrpläne, Billette. Gleichzeitig wurde viel Wert auf Interaktivität und Kinderfreundlichkeit gelegt: Junge Besucher können sich als Lokführer und Passagiere wie anno dazumal verkleiden, es gibt Hörstationen, Rätselspiele und kurze Filme. Oder sie können versuchen, selbst ein Viadukt aus Holzklötzen zu bauen, oder am Computer ideale Zugverbindungen quer durch Europa finden.

Beim Gang durchs Museum wird vor allem durch die historischen Filmdokumente deutlich, was für eine Meisterleistung es einst war, die Streckenführung quer durch die Alpen zu planen, zu berechnen – und zu bauen. Von Hand mit Spitzhacke, Schaufel und Schubkarre oder später immerhin mit einfachen, wasserbetriebenen Bohrern wurden Tunnel in den Fels gegraben. Allein 984 Männer bauten fünf Jahre lang am Albulatunnel, an Teilen der Strecke waren zeitweise bis zu 3300 Arbeiter gleichzeitig zugange.

Damit das Projekt einer durchgehenden Zugverbindung von Chur bis ins italienische Tirano Schritt für Schritt gelingen konnte, war viel Akribie nötig: Wie sollte man die unterschiedlichen Steigungen und Gefälle im Gebirge meistern? Welche Kurven, welche Geschwindigkeiten, welche Tunnel würden nötig sein, damit eine Lok auch noch Kraft für das Ziehen der Waggons hat? Es gab zahlreiche Pläne und unterschiedlichste Trassenführungen. Besucher können sie als Lichtschlangen per Knopfdruck zum Leuchten bringen und den Erläuterungen lauschen.

Die Welt des Bernhard Tarnutzers: die Modelleisenbahn im Bahnmuseum der Rhätischen Bahn in Bergün.

Die Welt des Bernhard Tarnutzers: die Modelleisenbahn im Bahnmuseum der Rhätischen Bahn in Bergün.

Mit wie viel Leidenschaft manch Schweizer hinter der Bahnbaukunst steht, wird im Parterre des Museums deutlich, wo Bernhard Tarnutzer an seiner riesigen Miniatur-Albulabahn werkelt, tüftelt, feilt. Märklin-Bahnlandschaften sind ihm ein Graus – „Plastikkitsch!“, winkt er verächtlich ab. Bei ihm ist alles von Hand gemacht. Seit 25 Jahren klebt und schraubt, sägt und malt er an seiner Anlage. Im Museum hat er nun Platz, kann die Anlage weiter ausbauen. Immer wieder lässt er für die Besucher die Züge durch seine Landschaft fahren, mit der Pinzette entkoppelt er sachte die Verbindung zwischen Lok und Waggons.

Im Führerstand der Krokodil-Lok geht es indes ruppiger zu. Das junge Dreier-Team ist sich nicht einig, was an der Baustelle entlang der Gleise zu tun ist: „Jetzt schalt runter, wir dürfen hier nur 30 Stundenkilometer fahren!“ „Nein, wir müssen erst bremsen!“ „Aber ich will die Zugpfeife machen!“

In Wirklichkeit wäre nun das Leben der Passagiere endgültig in Gefahr. Auch der Fahrsimulator reagiert prompt: Der Bildschirm wird schwarz. Game over. Alle aussteigen bitten!
Ronja Vattes


BANHMUSEUM ALBULA IN BERGÜN/SCHWEIZ

Öffnungszeiten: Di bis Fr 10-17 Uhr, Sa, So und an Feiertagen 10-18 Uhr; bis 22. August freitags Museumsnacht von 10 bis 22 Uhr
Eintritt: Erwachsene 15 Schweizer Franken, Kinder (6-16 Jahre) 11 Schweizer Franken, bis 6 Jahre gratis.
Fahrsimulator: 3 Schweizer Franken
Kontakt: Bahnmuseum Albula, Plazi 2A, CH-7482 Bergün/Bravuogn, Telefon 0041/81/4200006, http://www.bahnmuseum-albula.ch

– Erschienen am 18. Juli 2014 im „Reise & Freizeit“-Magazin der „Badischen Zeitung“ http://bit.ly/rovrf180714kidsamzug

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