Salü Palü!

Klick, klick, klick - fotografieren und fotografiert werden: unterwegs durch die Schweizer Bergwelt mit dem Bernina-Express der Rhätischen Bahn. Fotos: Anselm Bußhoff

Klick, klick, klick – fotografieren und fotografiert werden: unterwegs mit dem Bernina-Express der Rhätischen Bahn.
Bilder: Anselm Bußhoff

Klick! Klick! Klick! Es wackelt, es rüttelt, es schaukelt. Und wir versuchen krampfhaft, nicht zu wackeln, das Schaukeln und Rütteln auszugleichen, still zu stehen, um diesen Moment festzuhalten – auf dem Chip unserer Kamera, in unserem Kopf. Dabei gehört er doch eigentlich in unsere Herzen.

Bequemer geht's nicht: im Bernina-Express geht's ohne Anstrengung durch die Schweizer Bergwelt

Bequemer geht’s nicht: im Bernina-Express geht’s ohne Anstrengung durch die Schweizer Bergwelt

Das Glas der Panoramascheiben eröffnet uns Ausblicke nach allen Seiten und trennt uns doch von der Welt da draußen: von den schneebedeckten Gipfeln im gleißenden Sonnenlicht, von den zerzausten Bäumen, die sich in die Felsen krallen, vom Smaragdgrün der Seen und von den träge vor sich hin kauenden, braunen Kühen. Gemächlich zieht die Landschaft an uns vorüber. Unser roter Zug kämpft sich Höhenmeter um Höhenmeter bergauf, quert Flüsse, kreuzt Straßen, verschwindet in Tunneln und taucht irgendwo wieder auf. Durchzieht wie ein roter Streifen die Bergwelt, ein leuchtender Farbstrich inmitten einer Landschaft, die aussieht wie gemalt.

Und so stehen am Wegesrand immer wieder Menschen, in Wanderschuhen, mit Sonnenhut und Rucksäcken, deuten auf den roten Zug. Sie lachen, winken – und fotografieren uns, wie wir gerade sie fotografieren. Klick! Klick! Klick!

Für einen Augenblick fragen wir uns, wie oft und wo überall wir wohl am Ende unserer Reise auf Kamera-Speicherchips und Videos gebannt, auf Facebook-Seiten gepostet und in Familienalben geklebt sein werden. Rumgezeigt mit den Worten: Guck mal, Erna, und da haben wir in der Schweiz sogar den Bernina-Express gesehen!

Nicht nur von eingefleischten Eisenbahnkennern wird dieser Ausspruch mit Bewunderung bedacht werden. Denn der Name des Zuges ist Sinnbild für eine ebenso aufregende wie beeindruckende Strecke: Von Chur im Osten der Schweiz geht es von 585 Metern über dem Meeresspiegel in einem spektakulären Streckenverlauf vorbei an Thusis und Tiefencastel über das 65 Meter hohe Landwasserviadukt bis nach Bergün, einem kleinen Bergdorf mit hübsch verzierten Häusern, das auf 1367 Metern Höhe liegt – und uns als Ausgangsort für unsere Familienausflüge dienen soll.

Roter Farbstrich in der weißen Gipfelwelt: unterwegs mit dem Bernina-Express.

Roter Farbstrich in der weißen Gipfelwelt: Bernina-Express.

Von dort geht die Fahrt nicht minder abwechslungsreich weiter: Abenteuerlich schlängelt sich die Bahnstrecke bergauf, über Viadukte, durch Kurven, Schleifen und Kehrtunnels, dann plötzlich bei Preda wird der Zug einfach vom Berg geschluckt.

Sechs Kilometer lang sind wir unterwegs durch die Dunkelheit des Albulatunnels. Was danach beginnt, ist eine Reise in eine andere Welt: Über Pontresina schleicht der Zug hinauf in die selbst im Sommer noch weiße Gipfelwelt, es rüttelt, es schüttelt, schaukelt und quietscht. Das Bernina-Massiv, das dem Zug seinen Namen gab, mit dem Bernina-Pass kommt in Sicht und der geheimnisvoll schimmernde blaugrüne Lago Bianco. Eine Wolke steht über den Gipfeln, als ob der Berg rauchen würde. Die Schneefelder spiegeln sich im See, in den Scheiben des Zuges und in unseren Sonnenbrillen.

Alle Passagiere drängen sich jetzt an die Fenster, versuchen den besten Winkel, den tollsten Blick, das schönste Licht zu erwischen. Klick! Klick! Klick! Als störendes Beiwerk landen wir auf den Foto-Speicherkarten einer englischen Reisegruppe, die sich mit „Oh, how beautiful!“ (Oh, wie wundervoll!) und „It’s so amazing!“ (Das ist so unglaublich!) gegenseitig der Einzigartigkeit dieses Trips durch die weiße Unwirklichkeit versichert.

Alp Grüm: Fotopause auf 2091 Metern Höhe mit Blick auf den Palü-Gletscher

Alp Grüm: Fotopause auf 2091 Metern Höhe mit Blick auf den Palü-Gletscher

Kurz nach der Wasserscheide, dem Punkt, an dem die Gewässer ins adriatische oder ins Schwarze Meer fließen, und dem Bernina-Pass erreichen wir die Station Alp Grüm auf 2091 Metern Höhe. Der Zug legt 20 Minuten Pause ein. Im Prospekt beworben als Foto-Stopp. Wir atmen tief durch, versuchen das unwirkliche Gefühl abzuschütteln, knipsen den atemberaubenden Blick hoch zum Palü-Gletscher – Salü Palü! – und hinunter ins Val Poschiavo. Nur ein paar Asiaten stehen im Weg. Die Kinder dürfen kurz den Führerstand der Lok besichtigen, dann geht es weiter, diesmal bergab.

Geschätzte 394 Fotos später haben wir das Val Poschiavo mit seinen Schmugglerpfaden durchfahren, konnten uns am Kreisviadukt in Brusio nicht entscheiden, in welche Richtung wir am besten fotografieren sollen. Und nun sitzen wir nach drei Stunden Fahrt mit dem Bernina-Express im italienischen Tirano bei drückender Hitze in einer Pizzeria. Von den Gletschern zu den Palmen. Das unwirkliche Gefühl lässt sich mit keinem Klick abstellen, es wird uns begleiten zurück nach Bergün.

Wären wir nicht zwei Tage zuvor durch einen Teil dieser Bergwelt gewandert, das unwirkliche Gefühl hätte sich wohl festgebrannt in unserer Erinnerung, hätte sich wie ein Schleier über die Bilder einer Fahrt mit diesem roten Zug gelegt.

Doch so schauen wir nun ein bisschen müde von Hitze, Pasta und Pizza, vom Ruckeln und Schaukeln auf dem Rückweg wieder aus den Panoramafenstern des Zuges. Auf dem Abschnitt zwischen Preda und unserem Feriendorf in Bergün, entdecken wir die Stationen des Bahnerlebnisweges, den wir uns an unserem ersten Urlaubstag erwandert hatten.

Berge, Wasser, Viadukte: auf dem Natur- und Bahnerlebnisweg der Rhätischen Bahn.  Fotos: Anselm Bußhoff

Berge, Wasser, Viadukte: auf dem Natur- und Bahnerlebnisweg der Rhätischen Bahn.

Wir sehen die riesigen roten Infotafeln, auf denen die Geschichte der Rhätischen Bahn am Rande des Wanderwegs in zehn Stationen erklärt wird. Wir fahren über das Viadukt, unter dem wir gepicknickt haben, entdecken den Wasserfall, der uns so erfrischt hatte und erspähen sogar den kurzen, steilen Anstieg durch Fels und Geröll, der uns die Beine schwer und den Kopf heiß gemacht hatte.

Die Scheiben des Zuges, sie trennen uns nicht mehr von der Welt dort draußen, sie verbinden uns mit den Erinnerungen an eine zackige und höchst reale Wanderung, sieben Kilometer parallel zu den Schienen. Eine Tour, die uns Eltern begeistert hatte: Der Himmel so blau, die Bergwiesen so grün, der Schnee so weiß, der Weg abwechslungsreich mit Brückchen und Wäldern, Kletterstellen, Aussichtspunkten und Rastmöglichkeiten.

Doch unsere Kinder hatten sich in die Haare gekriegt: Wie lange ist es denn noch? Fragte die eine. Können wir anhalten? Maulte der andere. Können wir endlich weitergehen? Drängelte der Dritte. Und dazwischen wir Eltern mit unserem: Ach, ist das nicht schön hier?

In Gedanken versunken schaukeln wir im Zug die letzten Meter bergab, sehen, wie sich Bergün mit seinen alten, aufs Schönste verzierten Häusern in die Talmulde schmiegt, wie die Kraft der Sonne zu schwinden und ein goldenes Leuchten über die Berge zu legen beginnt.

Die Welt der Kleinen: Mini-Zug im Reka-Feriendorf Bergün

Die Welt der Kleinen: Mini-Zug im Reka-Feriendorf Bergün

Was in den Köpfen und Herzen unserer Kinder von so einer Reise wohl bleibt? An was werden sie sich später erinnern? Der Zug stoppt in Bergün, die Kinder springen hinaus, rennen lachend und zankend den Berg hinunter, den Weg zu unserem Ferienhaus. Unser Hauch von Sentimentalität liegt ihnen fern. Gehen wir jetzt ins Schwimmbad? Können wir mit dem Mini-Zug auf der Wiese fahren? Ich will aber noch Minigolf spielen! So geht es in einem fort. Die Kinder rennen voraus, die Normalität hat uns wieder, das Gefühl der Unwirklichkeit verblasst.

Als wir Eltern gemütlich schlendernd die Bank vor dem Haus erreichen, sitzen dort unsere Kinder, die Rucksäcke geöffnet, die Kameras in den Händen. Die Köpfe zusammengesteckt, zeigen sie einander ihre Schnappschüsse: gelbe Blumen am Wegesrand. Das Stück eines Wanderschuhs zwischen Felsen und Gras. Ein Kuhfladen. Ein paar Billardkugeln auf grünem Filz. Ein Stück Berg, zwischen Touristenbeinen hindurchfotografiert. Die Kinder klicken sich durch Hunderte Bilder, drei Tage Ferien in den Schweizer Bergen, festgehalten auf ihren Kamera-Chips. Sie lachen, vergleichen, bewundern sich gegenseitig und beginnen munter zu löschen, was nicht gefällt.

Wir betrachten das Treiben, auf dem Display erkennbar: ein Foto von unserem roten Zug, wie er im Tunnel verschwindet. Ein Klick, schon ist es gelöscht – es sind wohl andere Dinge, die bleiben.
Ronja Vattes

BERGÜN/GRAUBÜNDEN
Anfahrt: Wer rechtzeitig im Internet über die Deutsche Bahn bucht, fährt von Freiburg bis Bergün hin und zurück für 58 Euro (Zugbindung, 2. Klasse), in etwa 5 Stunden. Per Auto von Freiburg über Basel, Zürich, Chur nach Bergün in etwa 3,5 Stunden.
Unterkunft: Auf die Bedürfnisse von Familien ausgerichtet ist das Reka-Feriendorf mit Hallenbad und Kinderbetreuung. Ab einer Woche Aufenthalt (zwischen März und Oktober) ist ein Wochenpass für die ganze Familie für das gesamte Netz der Rhätischen Bahn sowie für die Bergbahn Darlux inklusive; http://www.reka.ch
Bahnerlebnisweg: 21 km, gegliedert in drei Etappen. Für Familien am besten Etappe1: Von Preda sieben Kilometer meist bergab nach Bergün entlang der Albula-Strecke (www.mehr.bz/bahnweg); Die schönste Anfahrt ist von Bergün nach Preda mit dem Albula-Erlebniszug (www.mehr.bz/albula).
125 Jahre Rhätische Bahn: Sonderaktionen unter http://www.rhb.ch, Zugverbindungen über http://www.sbb.ch
Bernina-Express: Wer auf (zuschlagspflichtige) Plätze im Panoramawagen verzichtet, fährt in den normalen Wagen des Bernina-Expresses günstiger; http://www.mehr.bz/bernina
Bahnmuseum Albula: Interaktives Museum, direkt am Bahnhof Bergün gelegen, siehe Artikel auf Seite 3
Internet: http://www.graubuenden.ch, http://www.myswitzerland.com

Ein Zug dreht sich im Kreis: das KLreisviadukt bei Val Poschiavo

Ein Zug dreht sich im Kreis: der Bernina-Express auf dem Kreisviadukt bei Brusio

– Erschienen am 18. Juli 2014 als Titelgeschichte des „Reise & Freizeit“-Magazins der „Badischen Zeitung“ http://bit.ly/rovrf180714bernina

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