Expedition zum Planeten Lego

Wie aus einer anderen (Lego-)Welt: Fünf Millionen Legosteine hat's gebraucht, bis der X-Wing-Starfighter aus dem Star-Wars-Reich im Legoland landen konnte.  Alle Bilder: Anselm Bußhoff

Wie aus einer anderen (Lego-)Welt: Fünf Millionen Legosteine hat’s gebraucht, bis der X-Wing-Starfighter aus dem Star-Wars-Reich im Legoland landen konnte. Alle Bilder: Anselm Bußhoff

Bloß nicht staubsaugen! Nicht hier in dieser fernen Galaxie. Egal, wie staubig es ist. Denn was könnten hier für wundersame Wesen, tapfere Helden und fiese Ritter der Finsternis womöglich im Schlund des Staubsaugers verschwinden, klappernd eingesaugt und weggeblasen in eine andere Dimension. Ganze intergalaktische Imperien könnte man mit so einem irdischen Staubsauger vernichten.

Doch diese Sorge ist unbegründet. Das intergalaktische Imperium wurde gut gesichert. Nicht mit einem Energiefeld, nicht mit Hilfe der dunklen Macht, sondern mit – schnödem Kleber. Stein für Stein. Allein fünf Millionen der dänischen Plastikklötzchen wurden für das weltgrößte Lego-Modell verwendet: den X-Wing-Starfighter aus Star Wars. Dieser steht in gedämpftes Licht, wabernden Kunstnebel und intergalaktische Klänge getaucht im Legoland Deutschland, im bayerischen Günzburg, nahe Ulm, Planet Erde.

Fast wie zum Anpassen: Besuch in der Sealife-Unterwelt

Fast wie zum Anfassen: Besuch in der Sealife-Unterwelt

Das mit dem Planet Erde muss man dann doch noch einmal betonen, denn zumindest der männliche Teil der Besucher, die sich um das Absperrgitter drängen, ist soeben abgehoben, völlig losgelöst. Vor Entzückung. Vor Begeisterung. Vor Ehrfurcht. Drei Meter hoch, 13 Meter lang, 13 Meter Flügelspannweite, 20 Tonnen schwer – strahlend weiß steht der intergalaktische Flieger zum Greifen nah vor ihnen. Vor Männern mit offenen Mündern und gezückten Kameras. In allernächster Nähe wachen legoversteinerte Stormtrooper, Darth Vader, Luke Skywalker und Prinzessin Leia über die Halle. Unglaublich, was man so alles bauen kann!

Doch die größte Herausforderung war der riesige X-Wing-Starfighter. 32 Modellbaudesigner bauten vier Monate, bis der Flieger fertig war. Erst war er in New York auf dem Times Square und im Legoland Kalifornien zu sehen, dann kam er in 32 größere Teile zerlegt und in Kartons verpackt in Günzburg an. Leider unbeschriftet. So dauerte es vier Tage, bis das Ding endlich in der großen Halle stand, zentimetergenau hingezirkelt.

In diesem Jahr ist der gigantische Lego-Flieger samt der Star-Wars-Science-Fiction-Welt einer der Besuchermagnete im Legoland Deutschland. Einem Freizeitpark, der aus einer Mischung aus Achterbahnen und Fahrgeschäften im Lego-Design, Showbühnen, einem Sea-Life-Aquarium und Abenteuerwelten besteht und sich an Familien mit Kindern im Alter von drei bis zwölf Jahren richtet. Verglichen mit dem Europa-Park eine etwas kleinere, weniger spektakuläre Anlage. Der Park lebt vom Einfallsreichtum, dem räumlichen Vorstellungsvermögen und der Ausdauer von Modellbaudesignern wie Ilja Schüler.

Hunderte Lego-Männle jubeln im Fußballstadion

Bengalos im Bayern-Block: Die Münchner Fußball-Arena im Legoland

Bengalos im Bayern-Block: Die Münchner Fußball-Arena im Legoland

Der 45-Jährige ist einer von einem guten Dutzend Modellbaudesignern, die mit ihrer Phantasie das Herzstück des Legolandes bereichern: das Miniland. Dort stehen die Besucher Tag für Tag staunend vor einer detailverliebten Welt aus bunten Legosteinen. Einfache Häuser und Autos kann jeder daheim mit ein paar Plastiksteinen bauen. Aber das hier? Das ist große Lego-Kunst zum Bauklötzchen staunen. Da ragt die Skyline von Frankfurt empor, dort zieht eine schwäbische Dorflandschaft die Blicke auf sich. Am Hamburger Hafen hat gerade ein Schiff angelegt. Ein paar Schritte weiter bejubeln Lego-Männle lautstark das Fußballspiel in der Allianz Arena und zünden Bengalos.

Und dort, im Miniatur-Berlin, stehen Angela Merkel und Barack Obama vor dem Reichstag, umringt von winzigen Polizisten, Mannschaftsbussen, Feuerwehr. Der Reichstag selbst sieht so verblüffend echt aus, dass manch einer zweimal hinschaut, ob da nicht doch irgendwie gemogelt wurde.

Steinchen für Steinchen nachgebaut: St. Pauli und der Hamburger Hafen mitten in Bayern.

Steinchen für Steinchen nachgebaut: St. Pauli und der Hamburger Hafen mitten in Bayern.

Wurde aber nicht. „Bei uns wird ausnahmslos alles aus Legosteinen gebaut“, erklärt Ilja Schüler, schränkt aber ein: „Allerdings sind nicht alles Vollsteinmodelle.“ Aha. Also doch getrickst. „Nein! Die Modelle würden schlichtweg zu schwer und teils zu instabil – wir müssen da auf Nummer sicher gehen, deshalb sind die großen Modelle mit einer Stahlkonstruktion unterfüttert.“

Lego-Figuren und Szenerien finden sich nicht nur im Miniland mit seinen Städten, Flughäfen und Bahnen, sondern überall im Freizeitpark: Ein riesiger Pharao bewacht den Eingang zur Tempel-Expedition, ein unglaublich echt wirkender, übermannsgroßer Elefant steht zwischen den Büschen der Safari-Tour, einem gemächlichen Fahrgeschäft. Und Einsteins Kopf, gebaut aus zwei Millionen Steinen, weist den Weg ins Mindstorms Center. Nein, nicht schon wieder was von Star Wars. Aber auch so etwas wie ein anderer Planet: Für junge Lego-Fans, die sich endlich mal so richtig austoben wollen. Kinder können dort nach vorheriger Anmeldung an Workshops teilnehmen, Lego-Roboter bauen und experimentieren.

Kinder gehen auf die Jagd nach den besten Sonderbausteinen

Der Herr der Kreativabteilung: Ilja Schüler und sein Modellbauteam bauen neue und pflegen die alten Modelle im Legoland.

Der Herr der Kreativabteilung: Ilja Schüler und sein Modellbauteam bewahren die alten und sorgen für neue Modelle im Legoland.

Das ist es, was den Unterschied zu manch anderen Freizeitparks ausmacht: Kinder sollen zwar Spaß an den Fahrgeschäften haben und über die vielfältigen Lego-Landschaften staunen, aber eben auch selbst kreativ werden. Schließlich geht es ganz nebenbei darum, ihnen Lust auf das Produkt zu machen, das hinter dem Freizeitpark steht – auf Lego.

Wie sehr Kinder die Kaufbereitschaft und -entscheidung ihrer Eltern beeinflussen, lässt sich täglich in der Lego-Fabrik erleben, einer weiteren Attraktion des Parks. In einem kurzen Film und in einer Schaufabrik wird gezeigt, wie Legosteine hergestellt, sortiert, bedruckt und Männchen maschinell zusammengebaut werden. Der viel wichtigere Teil aber wartet am Ende des Rundgangs: der Einzelteile-Fabrikverkauf.

In riesigen Regalen lagern kistenweise Einzelsteine: Nicht nur die klassischen Bausteine in Rot, Grün, Blau oder Gelb, zwei- oder einreihig. Sondern auch Ausgefallenes, Rares, lang Ersehntes gibt es zu kaufen, das sich sonst heimtückisch, in nur geringer Stückzahl in den teuren Kartons der Sonderbausätze verbirgt. Rosa Steine, neongelbe Transparentsteine, Blümchen und Laserschwerter, glatte Kachelsteine und Plastikflammen, diamantgezackte und Glasbausteine.

Achtung Staubsauger: Lego-Männchen von 1978 bis heute

Achtung Staubsauger: Lego-Männchen von 1978 bis heute

Bezahlt wird nach Gewicht. Hundert Gramm kosten neun Euro und sind erstaunlich schnell zusammen. Doch wahre Lego-Fans schreckt das nicht. Stundenlang können sie in den Kisten wühlen, immer auf der Suche nach dem tollsten Sonderbaustein, den besten Farbvarianten, dem originellsten selbst zusammengestellten Lego-Männle. Wem das nicht reicht, der findet Lego-Taschenlampen, Lego-Radiergummis, Lego-Lineale, Lego-Schlüsselanhänger. Lego hat ein gutes Image, bei Kindern wie Eltern und das zahlt sich aus.

Tausende bunter Steine wandern hier täglich über die Theke, werden in Empfang genommen von glücklich strahlenden Kindern und Geldbeutel zückenden Eltern. Immer wieder fallen ein paar der Steine aber auch irgendwo zu Boden. Sie rettet kein Kleber, wenn der Staubsauger kommt. Bleiben sie in den Ritzen unentdeckt, dann werden sie eingesaugt, hinweggeblasen in eine ferne Galaxie.

Ganz irdische Probleme, selbst auf dem Planeten Lego.
Ronja Vattes

Im Reich der Steine: Legoland

Nicht gemalt, sondern alles aus Steinchen: Berlin im Reich Steine

LEGOLAND/GÜNZBURG
Anfahrt: Mit dem Zug in 4,5 Stunden von Freiburg über Mannheim, Ulm nach Günzburg. Busshuttle zum Legoland. Per Auto die A5 bis Karlsruhe und A8 Richtung München in rund 3 Stunden.
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 19 Uhr, Sommerferien 10 bis 20 Uhr
Eintritt: Erwachsene 40,50 Euro, Kinder (3-11 Jahre) 36 Euro; teils
günstigere Online-Tickets
Übernachtung: Zum Legoland gehört ein Feriendorf mit Ritter- und Königsburg, Spielplätzen, Minigolfanlage und Hochseilgarten. Außerdem gibt es einen Campingplatz.
Express-Pass: Elektronisches Gerät, das virtuell für einen an ausgewählten Bahnen ansteht (12 Euro pro Person und Tag), einem die Wartezeit um 50 Prozent (für 22 Euro) oder um 90 Prozent (für 50 Euro pro Person) verkürzt.
Kontakt: http://www.legoland.de

– Erschienen am 4. Juli 2014 im „Reise & Freizeit“-Magazin der „Badischen Zeitung“ http://bit.ly/rovrf040714legoland

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