Rheingau, gedrosselt

Schöne Aussicht: Nahe an Rhein und Rheingau - Bilder: Anselm Bußhoff     Schöne Aussicht: Nahe an Rhein und Rheingau - Bilder: Anselm Bußhoff

Schöne Aussicht: Nahe an Rhein und Rheingau – Bilder: Anselm Bußhoff

Klischee-Alarm. Eindeutig Klischee-Alarm. Dabei hatten wir uns so bemüht, ihn zu umgehen. Doch nun holt uns das Klischee von der weinseligen, Japanerhorden und Männertruppen anziehenden Rüdesheimer Drosselgasse doch noch ein.

„Papa, ich muss mal“, hatte der Achtjährige seinem Erziehungsberechtigten ins Ohr geflüstert. Die beiden hatten sich daraufhin schleunigst zurück auf den Weg in die Pension gemacht. „Ihr könnt ja so lange hier warten“, hatten sie uns noch zugerufen.

Alles Vögel sind schon da: die Drosselgasse in Rüdesheim

Alles Vögel sind schon da: die Drosselgasse in Rüdesheim

Und so steht eine Mutter zusammen mit zwei Kindern an einem warmen Abend im April in der Rüdesheimer Drosselgasse. Einer Gasse, gespickt voll mit meist pseudoromantischen Weinlokalen, schrillen Souvenirshops, Eisständen und Tanzbars. Im nächsten Moment ist der mit ihr wartende zehnjährige Sohn in einem der Andenkenläden verschwunden und betrachtet mit großen Augen die Auslage. „Mama, was soll das denn?“, fragt er sichtlich konsterniert und zeigt auf Plastikbusen, Radiergummis in Form von Geschlechtsteilen und Tassen, die aussehen wie eine nackte Frau. Die Antwort ist eher der dilettantische Versuch einer Erklärung, warum Menschen in der Drosselgasse öfter mal einen über den Durst trinken und dann den Kauf solcher Accessoires als unglaublich lustig empfinden. Zum Glück kehren in diesem Augenblick Vater und Sohn Nummer 2 zurück und wir bemühen uns, wieder in unsere Rheingaureise abseits des Klischee-Alarms zurückzukehren.

Das war uns bislang auch gelungen. Denn die Stadt Rüdesheim, idyllisch inmitten von Weinbergen am Rhein nahe Mainz gelegen, hat auch ganz andere Seiten zu bieten, die einen Aufenthalt selbst für Familien lohnenswert machen.

Ring-Tour: Zu Wasser, zu Lande und in der Luft
Sanft gleiten wir den Hügel hinauf. Die Gondeln glänzen in der Vormittagssonne wie Silberperlen an einer Halskette. Die Kinder lehnen sich weit aus den offenen Kabinen, recken die Hälse, um mehr von der Landschaft zu sehen. Wir schweben über die noch frühlingshaft zartgrünen Blätter der Weinreben, schauen Winzern bei der Arbeit zu, blicken den Hang hinunter, zurück auf Rüdesheim und den Rhein, der sich breit und träge wie eine satte Schlange in der Sonne aalt.

Eine Zauberhöhle, die am helllichten Tag das Licht nehmen kann. Wo gibt's auch sowas?

Eine Zauberhöhle, die am helllichten Tag das Licht nehmen kann. Wo gibt’s auch sowas?

Wir sind auf Tagestour mit dem Ring-Ticket, das bequemen Touristen die Kulturlandschaft Rheingau auf komfortable Weise näherbringt. Und Kinder begeistert, weil viel Fahren und wenig Wandern auf dem Programm steht.

Nach zehn schwebenden Minuten mit der Seilbahn von Rüdesheim hinauf ins Erholungsgebiet Niederwald heißt es auch schon: aussteigen! Viel zu früh, finden die Kinder. Wir schlendern in der Morgensonne zum Niederwalddenkmal, das zwischen 1877 und 1883 erbaut wurde und heute zum Unesco-Welterbe Oberes Mittelrheintal zählt.

„Schnöder Historienkram“, werden die Kinder gleich maulen. Tun sie dann aber doch nicht. Zu detailreich und faszinierend ist die riesige Germania gestaltet, die an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und die Wiedererrichtung des Deutschen Kaiserreiches erinnern soll. Die Fakten interessieren unsere drei Kinder nur mäßig, umso begeisterter aber zücken sie ihre Kameras, knipsen die Statue aus allen Richtungen vor dem strahlend blauen Himmel – und fügen sich damit unauffällig ein in die vereinzelten Touristengrüppchen, die ebenfalls schon unterwegs sind.

Wasser und Land in Sicht: Überm Höllenberg von Assmannshausen

Wasser und Land in Sicht: Über dem Höllenberg in Assmannshausen

Die Sonne gewinnt zunehmend an Kraft, und wir sind froh, dass unsere kleine Wanderung direkt in den lichten Mischwald führt. Auf breiten Wegen laufen, nein, pardon!, lustwandeln wir auf den Spuren des Grafen Johann Friedrich Karl Maximilian von Ostein. Der baute sich nicht nur ein recht großzügig angelegtes Jagdschloss, sondern verwandelte anno 1764 den Niederwald in einen Landschaftspark. Und wie sich das für einen Grafen gehört, geht es nicht einfach nur so bequem lustwandelnd durch den Wald. Vielmehr liegen am Weg allerlei Aussichtspunkte wie der auf alt getrimmte Aussichtsturm Ruine Rossel, der Rittersaal und sogar eine Zauberhöhle.

„Und was zaubert die?“, wollen die Kinder natürlich wissen und rennen voraus. Als wir ankommen, wird klar: Die Höhle kann Licht in Dunkelheit verwandeln und selbstbewusste Kinder in Händchen haltende „Mama-geh-Du-mal-voraus!“-Kinder. Wie eine gewundene Raupe aus Stein liegt die Zauberhöhle im Wald und frisst Kinder samt Eltern, die leider die Taschenlampen vergessen haben, um sich im gewundenen Magen-Darm-Trakt der Raupe zurechtzufinden. Macht nichts, ist nur umso gruseliger.

Bald haben die Kinder zu altem Mut zurückgefunden, schleichen wieder und wieder durch die Höhle, erschrecken sich gegenseitig. Als der Zauber seine Wirkung verliert, wandern wir weiter bis zum Jagdschloss, steigen in den Sessellift, schweben schwindelerregend steil runter in den Weinort Assmannshausen – und dieses Mal sind es wir Eltern, die nach den Händen unserer Kinder greifen.

Auf dem Rhein zwischen Rheingau und Burg Rheinstein

Auf dem Rhein zwischen Rheingau und Burg Rheinstein

Der Romantik auf der Spur
Schwindelfrei mussten früher auch Herr Ritter und Frau Burgfräulein gewesen sein, denken wir so bei uns, als wir die Fahrt mit dem Sessellift verdaut, unsere Mittagspause am Rheinufer in Assmannshausen verbracht sowie die Schiffstour über den Rhein genossen haben. Es ist Nachmittag geworden. Wir stehen oben auf einem der Türme der gut erhaltenen Burg Rheinstein und fühlen uns ritterlich: Von hier aus hatte man früher alles im Blick, vor allem die sich nähernden Feinde, seien es jene zu Fuß, zu Pferde oder mit Booten.

Unser Feind ist heute höchstens die Zeit: Gondelfahrt von Rüdesheim zum Niederwalddenkmal, Wanderung, Zauberhöhle, Sessellift nach Assmannshausen, Schifffahrt zur Burg Rheinstein und nun treppauf, treppab die Burg erkundet, Ritterrüstungen bestaunt und die tapferen Frauen von einst bewundert – los Kinder, macht voran!

Erst an Bord des Schiffes kehrt die Ruhe zu uns zurück. Die Rössler-Linie nimmt Fahrt auf gen Rüdesheim, die Schiffsglocke läutet, der Motor tuckert, der Gleichklang lullt ein. Wir räkeln uns genussvoll an Deck, blicken aufs glitzernde Wasser, den Rhein und die Reben, denken: Hach, so geht Romantik eben!

Ziel erreicht: der Weinstand von Eltville

Ziel erreicht: der Weinstand von Eltville

Radelnd durch die Reben
Was hatte der Rheingau doch die ganze Zeit eins auf lieblich und sanft gemacht! Doch auch Weinberge können es ganz schön in sich haben. Das merken wir am nächsten Tag, als wir Rüdesheim den Rücken kehren und mit unseren fünf Leihrädern durch die Hügel nach Eltville strampeln. Nicht qualvoll, aber zermürbend beständig geht es bergauf und bergab, bergauf und bergab. Die Sonne brennt, auch der April gibt sich Mühe, seinem Klischee von wechselhaft-kühl keineswegs zu entsprechen.
Auf Höhe Oestrich-Winkel lassen wir die Reben hinter uns, sausen den Fahrtwind genießend runter zum Rhein. Sanft geht es nun am Fluss entlang. Enten watscheln über den Weg, Menschen winken grüßend, wir rollen, lassen es laufen, genießen den Blick auf Wasser und Boote. 20 Kilometer später erreichen wir die Rosenstadt Eltville. Ein Weinstand am Ufer, Gläser klingen, Menschen plaudern, prosten sich zu. Wir steigen vom Rad – Klischee-Alarm?! Ist uns doch egal. Ronja Vattes

RHEINGAU-TOUR VON RÜDESHEIM BIS ELTVILLE
Die Kulturlandschaft Rheingau erstreckt sich am nördlichen Rheinufer von Lorchhausen über Rüdesheim und Eltville bis nach Walluf (www.rheingau.de)
Romantik-Tour: Von Rüdesheim mit der Seilbahn zum Niederwalddenkmal, rund drei Kilometer langer Spaziergang mit Aussichtspunkten, Sessellift nach Assmannshausen, Schifffahrt zur Burg Rheinstein mit Besichtigung und anschließend mit dem Schiff zurück nach Rüdesheim; Tickets Erwachsene: 16 Euro, Kinder (5-13 Jahre): 8 Euro, Quizfragen für Kinder: http://www.roesslerlinie.de;
http://www.seilbahn-ruedesheim.de; http://www.ruedesheim.de
Fahrradverleih: http://www.rad-kranz.de
Eltviller Rosenwochen: Tausende Rosen lassen die Altstadt erblühen. Jährlich Mai/Juni – Führungen, Weinproben, Musik, offene Gärten: http://www.eltville.de

– Erschienen am 6. Juni 2014 als Titelgeschichte des „Reise & Freizeit“-Magazins der „Badischen Zeitung“ http://bit.ly/rovrf060614rheingau

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s