Der Mann und das Schwein

Auf den Spuren von Sean Connery: Kloster Eberbach - Fotos: Anselm Bußhoff

Auf den Spuren von Sean Connery: Kloster Eberbach – Bilder: Anselm Bußhoff

Schuld ist das Schwein. Zumindest, wenn man der Legende Glauben schenkt. Und weil die Geschichte einfach so schön ist, sind die Besucher gerne bereit, sie zu glauben.

Vor vielen hundert Jahren wollten ein paar Mönche ein neues Kloster gründen. Der Ort dafür musste aber allerlei Kriterien erfüllen: In einem Tal sollte es sein. An einem Fluss sollte es sein. Schön sollte es sein. Ruhig sollte es sein. Auf ihrer Suche kamen sie auch durch ein lauschiges Tal nahe dem Rhein gelegen. Doch selbst bei glaubensfesten Mönchen kann es mal Zweifel geben: War es wirklich der richtige Ort? Und so standen sie wohl grübelnd in der Gegend rum, als ein Wildschwein, ein angeblich stattlicher Eber, aus dem nahen Walde brach und genau drei Mal über den Bach sprang. Die Drei, eine heilige Zahl, seit alters her!

Die Mönche nahmen das als göttliches Zeichen, begannen an dieser Stelle ihr Kloster zu bauen, zogen 1136 ein und benannten es angeblich nach der Szene mit dem Eber am Bach: Kloster Eberbach.

Heute, viele hundert Jahre später, erweist sich die Sache mit dem Schwein als echter Glücksfall. Denn alljährlich pilgern tausende Besucher in den Rheingau nach Eltville und besuchen das ebenso stattliche wie idyllische Kloster Eberbach. Doch streng genommen ist das Schwein nicht wirklich schuld an den Besuchermassen. Neben Gläubigen, die die Zisterzienserabtei als spirituellen Ort aufsuchen, zieht es auch zahlreiche Menschen, vornehmlich Frauen, dorthin, weil sie an den Ort wollen, wo ein wunderbarer, gut aussehender Mann im Winterhalbjahr anno 1985/86 weilte: Sean Connery. Er drehte dort Szenen für den Film „Der Name der Rose“.

„Spuren der Dreharbeiten sind heute noch zu sehen“, verspricht Gunilla Norman-Remy, die gerade munter plaudernd eine weitere Gruppe von Besuchern in Empfang nimmt, um ihnen bei einer Führung das Kloster zu zeigen. Doch bevor die Besucherinnen in romantischen Erinnerungen an Sean Connery versinken, lotst sie die Gruppe zunächst in den Keller des Klosters.

Feucht und kühl, wie der Riesling es mag: Kabinettskeller im Kloster Eberbach

Feucht und eiskalt: So mag’s der Riesling –  Kabinettskeller im Kloster Eberbach

Kein elektrisches Licht erhellt das finstere Gewölbe, nur der Schein zahlreicher Kerzen weist den Besuchern den Weg, durchzuckt flackernd die Dunkelheit. Es ist feucht und kalt, unser Atem hinterlässt Wölkchen. „Ideal“, lobt Norman-Remy begeistert, während wir fröstelnd unsere Jacken aus den Rucksäcken fummeln. Norman-Remy scheint die Kälte nicht zu spüren, sie ist nun voll in ihrem Element: „Wir befinden uns im ältesten Kabinettskeller der Welt“, betont sie, macht eine kunstvolle Pause – und fügt schmunzelnd hinzu: „Sollte jemand anderes das irgendwo sonst auf der Welt von seinem Keller auch behaupten: Glauben Sie es nicht.“

Während wir im Kerzenschein rund um alte, aber leere Weinfässer stehend, verschiedene Rieslingweine probieren, erklärt Norman-Remy, weshalb die feuchte Kühle im Keller so wunderbar ist. Nur bei einer konstanten Temperatur von acht Grad gedeihe an den Wänden des Gewölbes ein besonderer Schimmelpilz, das sogenannte Schwarze Kellertuch. „Fühlt der Pilz sich wohl, hat auch der Wein exzellente Bedingungen, zum Wohl!“

Die Gläser klingen, die Führerin plaudert, die Gruppe ist bald darauf bereits ein wenig beseelt von Wein und Kerzenschein und inzwischen gerne bereit, neben der Sache mit dem Schwein auch beinahe zu glauben, dass am Steinberg des Klosters Eberbach der weltbeste Riesling gedeiht. Fehlt nur noch Sean Connery zum Dessert.

Mit den Gläsern in der Hand schlendern wir durch das riesige Anwesen des Klosters Eberbach, bestaunen Kreuzgang und das Refektorium, den Speisesaal, lauschen den kurzweiligen Erläuterungen und dem Plätschern des Brunnens im Innenhof. „An diesem Brunnen haben sich die Mönche vor jeder kargen Mahlzeit die Hände gewaschen, um auch die Seele von Sünden zu reinigen.“

Blick in den Innhof des ehemaligen Zisterzienserklosters Eberbach.

Blick in den Innhof des ehemaligen Zisterzienserklosters Eberbach.

Dass sie das mit dem Reinigen von Sünden wirklich nötig hatten, kann sich die Gruppe nur schwer vorstellen: 150 Mönche und mehr als 400 Laienbrüder lebten hier, fast sieben Stunden am Tag mussten die Mönche beten, dazu kam jede Menge Arbeit – da blieb wohl nur wenig Zeit für wahre Sünden. Anders als im Film „Der Name der Rose“.

Inzwischen erlöst auch Norman-Remy ihre weiblichen Zuhörerinnen und erklärt, dass Sean Connery nur zwei Wochen damals im Kloster weilte; dass die eine Säule dort drüben gar nicht echt, sondern Filmkulisse ist; die Kronleuchter auch nicht antik sind. Und sie erzählt, welche Szenen wo gedreht wurden. Und welche nicht. „Fast alle Innenszenen, die man im Film sieht, wurden hier vor Ort gedreht, die Außenaufnahmen des Klosters aber nicht“, sagt Norman-Remy. Enttäuschtes Gemurmel. „Das Kloster, das Sie im Film sehen, gibt es nicht – die Kulisse war nur aus Holz und Pappe.“
Und Sean Connery werden wir hier wohl auch niemals treffen. Aber das ahnten wir ja schon.
Ronja Vattes

KLOSTER EBERBACH
Kloster Eberbach in Eltville bei Wiesbaden ist eine der wenigen fast vollständig erhaltenen Zisterzienserabteien. Bekannt wurde es durch den Film „Der Name der Rose“ mit Sean Connery.
Geöffnet: April bis Oktober täglich 10-18 Uhr, Nov. bis März 11-17 Uhr
Eintritt: Erwachsene 7,50/5 Euro
Tipp: Von 28. Juni bis Mitte Dezember finden zahlreiche Konzerte an verschiedenen Orten im Rheingau statt, auch im Kloster Eberbach. Alle Termine unter: http://www.rheingau-musik-festival.de
Kontakt zum Kloster: Telefon 06723/ 9178-115, http://www.kloster-eberbach.de

– Erschienen am 6. Juni 2014 im „Reise & Freizeit“-Magazin der „Badischen Zeitung“ http://bit.ly/rovrf060614eber

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