Mit Spargeltipps auf Stimmenfang

Es ist Wahlkampfzeit: Vor dem Einzug ins Kommunalparlament steht das Werben in eigener Sache. Foto: Gerhard Walser

Es ist Wahlkampfzeit: Vor dem Einzug ins Kommunalparlament steht das Werben in eigener Sache. Bild: Gerhard Walser

Nun grüßen sie wieder, quetschen sich zu uns an den Stammtisch, oder geben am Marktstand von hinten ungefragt Ratschläge – empfehlen den Spargel, aber wollen unsere Stimmen. Die Damen und Herren, die da versuchen, ins Gespräch zu kommen, streben ins Ortschafts-, Gemeinde- oder Kreisparlament.

Selbst beim Friseur werden wir plötzlich mit großem „Hallo“ begrüßt. Erst auf den dritten Blick erkennen wir, dass unter der Trockenhaube Kandidatin X sitzt und winkend auf sich aufmerksam macht. Mit Kandidat Y kollidieren wir im Drogeriemarkt. Etwas verlegen drückt er uns vor dem Regal mit den Gebissreinigern ein Gespräch rein, bevor er weiter durch den Laden streunt. Wenige Tage später winkt er uns von der gegenüberliegenden Straßenseite zu und wir ahnen den Grund unseres letzten Aufeinandertreffens: Sein Haupthaar ist plötzlich frei von Silberfäden und deutlich nachgedunkelt.

Auch Kandidat Z ist kaum wiederzuerkennen. Hätte er uns noch vor kurzem in der Fußgängerzone beinahe über den Haufen gefahren, droht er diesmal ausladend grüßend vom Rad zu kippen. Ein Passant witzelt: „Ist der Papst jetzt sogar aufs Fahrrad umgestiegen?“

Kandidat W nähert sich diesmal mit einer Handvoll Luftballons. Wir erinnern uns, dass er im letzten Wahlkampf fast in den Kinderwagen gestolpert wäre: „Was, Sie haben jetzt schon drei? Das freut mich aber. Die ist ja auch sehr süß! Da sind sie sicher froh, dass wir kürzlich das Betreuungsangebot für Kinder erheblich verbessert haben?“ War’n wir natürlich. Unsere Tochter hatte es immerhin auf Platz 56 der Warteliste geschafft.

Dass auch Kandidatin Q ein Herz für Kinder hat, bekommt unser Mittlerer zu spüren. Mit der Bemerkung „der Arme sieht ja gar nichts!“, zieht sie ihm ungefragt die Kappe aus dem Gesicht. Sohnemann ist daraufhin dermaßen stinkig, dass wir fürchten, er wird diesen Eingriff in seine Persönlichkeitsrechte bis zum Erreichen des Wahlalters nicht vergessen.

Doch auch der Älteste zeigt sich ungehalten: „Papa, wieso musst du denn mit allen Leuten reden?“ Ich kann ihn beruhigen. Wenn wir demnächst unsere Kreuzchen gemacht haben, erkläre ich ihm, werden wir wieder unbehelligt durch die Stadt laufen können. Die einen sprechen uns dann nicht mehr an, weil sie nicht genug Stimmen bekommen haben und auch die anderen werden höchstens noch mit kurzem Gruß an uns vorbei schlappen. „Sind die dann sauer, weil du sie durchgestrichen hast, Papa?“
Anselm Bußhoff

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