Der Kreuzbiss kommt per Post

BaustelleDer Durchschnittsbürger liegt im Laufe seines Lebens vor mehreren Zahnärzten. Gründe dafür gibt es genug. Ein Wohnortwechsel gehört ebenso dazu, wie Unzufriedenheit mit dem bisherigen oder der Umstand, dass auch Zahnmediziner irgendwann Spiegel und Bohrer aus der Hand legen.

Den Premierenbesuchen beim Neuen ist meist eines gemein. Kaum hat der Patient die Klappe aufgerissen und Herr oder Frau Doktor einen Blick auf die Beißerchen geworfen, werden schwerste Bedenken laut: Die Brücke hinten rechts werde wohl demnächst unter der Schwerlast des Kauverkehrs zusammenbrechen, das Amalgam oben links gehöre schon lange auf die Sondermülldeponie – und überhaupt sei die ganze Ruine, die sich da in der Mundhöhle befinde, um Jahrzehnte älter als der Mensch, der damit lebt.

Schnell ist guter Rat teuer. Der Mediziner wird zum Bauunternehmer in Sachen Mundarchitektur: Zunächst sei die Brücke abzureißen und abzutragen, danach die Grube fürs Fundament auszuheben, bevor dieses gesetzt und anschließend darauf wieder ein stattliches Gebäude errichtet werden könne. „Sie sind ja noch jung, da lohnt sich das!“

Doch da irrt Herr Doktor. Wenn auch mit Mühe, lässt er sich schließlich überzeugen, dass Mensch und Gebiss zueinander passen. Denn das Lebensalter des Patienten ist deutlich höher anzusetzen als vom Mediziner geschätzt. Ein Erkenntnisgewinn mit Folgen. Die Zahnarzthelferin, die sich beim nächsten Besuch als Polier auf der Baustelle zu schaffen macht, ist nicht nur altersmäßig angepasst. Sie geht auch deutlich rabiater zu Werke als das jüngere Personal die Male zuvor. Der Zahnarzt selbst scheint Abstriche an den Sanierungsplänen gemacht zu haben. In die riesige Baugrube, die er inzwischen ausgehoben hat, will er plötzlich nur noch eine Hütte setzen. Vorerst soll ein Provisorium es tun und die Finanzen schonen.

Teuer wird’s für den Patienten dennoch. Schließlich hat er weitere Baustellen. Bei seinen Kindern wurden Kreuz-, Über- und Tiefbiss diagnostiziert. Diese will der Zahnklempner demnächst mit Zargen, Bändern und Klammern richten. Der Nachwuchs sträubt sich jedoch und sucht nach Wegen, die Zahnarztbesuche zu umgehen. Der Älteste scheint auf einer heißen Spur: „Papa – du kannst doch jetzt deine Zähne im Päckchen zum Zahnarzt schicken!?“
Anselm Bußhoff

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