Verliebt in Hübbelchen

Durchgefroren, aber glücklich: Sonnenuntergang über dem Kaiserstuhl - Bild: Anselm Bußhoff

Durchgefroren, aber glücklich: Sonnenuntergang über dem Kaiserstuhl – Bild: Anselm Bußhoff

Kann man sich in Gras verlieben? In glatten englischen Rasen: nein! Aber vielleicht in diese kleinen, puschelwuscheligen, zauseligen, süßen Grashübbelchen? Man kann. Besser: frau kann. Und deshalb müssen wir immer wieder dorthin. An den Kaiserstuhl zur Schelinger Höhe. Im Frühling: dieses entzückende  Grün! Im Sommer: wie saftig! Im Herbst: wie würzig! Und jetzt also auch: mitten im Winter. Widerrede zwecklos.

Das Einheitsgrau der Rheinebene hat sich gelichtet, der Sonntag zeigt sich in  den kalten Farben eines sonnigen Wintertages. Klarer Fall: Unsere Kinder müssen dringend gelüftet werden, jene von Freunden auch und so ziehen wir am frühen Nachmittag gemeinsam los. Ein Tross aus drei Erwachsenen und vier Kindern und jeder Menge Schals, Mützen, Handschuhen (möglichst paarweise), Rucksäcken mit heißem Tee  und einem Vesper und vielen guten Argumenten, weshalb wir selbst an so einem kalten Tag unbedingt nach draußen müssen.

Wir hatten uns umsonst gewappnet. Kein Murren, kein Diskutieren. „Ist das nicht der Zauberwald?“, ruft der Siebenjährige erfreut und zieht sich die Jacke an. Er hat sich unseren pädagogischen Geniestreich von vor  rund  zwei Jahren leider gut gemerkt. Damals hatten wir, um unseren drei Kindern das Wandern schmackhafter zu machen, die Geschichte mit dem Zauberwald erfunden, in dem die Bäume der Mama Aufgaben zuflüstern, die es zu  lösen gilt.  Waren die Kinder erfolgreich, liegen  im Wald – auf wundersame Weise hingezaubert – kleine Süßigkeiten herum. Wir sind uns ziemlich sicher: Der Siebenjährige hat diesen Mumpitz inzwischen längst  durchschaut – aber selbst ein junger Gentlemen schweigt  und genießt. Und wird nicht müde seine jüngeren Geschwister daran zu erinnern, dass es dieses Mal doch gewiss dort auch wieder so sein  wird.

Und so stellen  wir das Auto kurz hinter Bahlingen am Kaiserstuhl auf dem Parkplatz Schelinger Höhe ab und stapfen durch den Zauberwald. Und tatsächlich – die Bäume flüstern der Mama auf dem kurzen Anstieg durch den Wald jede Menge Aufgaben zu: Auf einem Bein hüpfen bis zur Kurve, auf dem Baumstamm balancieren, eine Acht und dann rückwärts laufen. Und dafür gibt es  kleine Naschereien.

Die Kinder sind quietschvergnügt – nur den braven  Eltern-Zauberern  wird es langsam kalt. Deshalb verlassen wir den Wald zügig, treten auf der Hügelkuppe raus in den Sonnenschein und sehen sie endlich: diese wunderbaren Grashübbelchen auf den kahlen Hängen, die sich vor uns auftun.

Ohne Murren und Knurren: Kinderlüften am Kaiserstuhl

Ohne Murren und Knurren: Kinderlüften am Kaiserstuhl

Von hier aus hätten wir viele Möglichkeiten: Weiter bis zum Eichelspitzturm laufen und von dort den Blick genießen oder einfach endlos so  weitergehen, Hügel rauf, Hügel runter, Grashübbelchen rechts, Grashübbelchen links. Doch selbst die Kinder sind so verzückt vom Blick über die Weinreben des Kaiserstuhls, die Hügel und Hübbelchen, das wir uns vom breiten, an diesem Tag viel begangenen Hauptpfad lösen und einfach querfeldein über die Wiesen laufen.

Die Kinder rennen ausgelassen über die graubraune Weite, haben die Kälte und den schneidenden Wind vergessen, kugeln lachend die steilen Abhänge hinunter und kraxeln sie schnaufend und dreckverschmiert wieder hinauf.

Nach einem ordentlichen Vesper statt weiterer Süßigkeiten-Zaubereien, machen wir uns langsam auf den Rückweg.  Weit waren wir ja nicht gekommen.  Dennoch fühlt es sich an, als seien wir seit Stunden unterwegs. Die Kinder entdecken ihre Schatten, die von Minute zu Minute immer länger werden. Im Licht der untergehenden Sonne stapfen  wir durch den  Wald. Der Zauber eines kalten Wintertages begleitet uns in die Nacht hinein. Durchgefroren, aber grashübbelchenglücklich.
Ronja Vattes

Ausflugstipp: Wanderparkplatz Schelinger Höhe am Kaiserstuhl, an der K5140/K4976 zwischen  Bahlingen und Schelingen. Der Weg entlang der Trockenwiesen ist mit geländegängigen Kinderwagen gut begehbar, aber teilweise steil.

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