Im „Lamm“ des Lächelns

Wer heutzutage durch Emmendingen bummelt, dem begegnen Menschen aus aller Herren Länder. Vor gut 100 Jahren konnten sich die Menschen kaum vorstellen, dass ferne Kontinente einmal schneller zu erreichen sein werden als damals München oder Hamburg. Eine Sensation war damals die Nachricht, am Stammtisch im „Lamm“ sitze ein Chinese.

Der Gast aus dem „Land des Lächelns“ war wohl noch viele Jahre Gesprächsthema an Emmendingens Stammtischen. An jenem im Gasthaus „Lamm“ traf sich seinerzeit alles, was Rang und Namen hatte. Ratsschreiber Wöhrle, Müller Vollrath, Kaufmann Schachenmeier, Mundingens Altbürgermeister Mößner  und Buchbindermeister Oskar Blenkner fanden sich allmorgendlich zum Viertele ein. Für Blenkner war der Weg nicht weit. Nur ein paar Schritte hatte er von der angrenzenden Buchbinderwerkstatt bis zur Gaststube. Er galt als Original, war gesellig und humorvoll. Die Runde verzichtete nur ungern auf seine Anwesenheit.

Doch auch Blenkners Ehefrau Wilhelmine – genannt „Mina“ – wollte ihren Mann um sich haben. Sie machte sich Sorgen. Er war gesundheitlich angeschlagen und sie fürchtete, die Viertele könnten ihm weiter zusetzen. Mina Blenkner sah es daher lieber, wenn ihr Oskar dem Stammtisch fernblieb.

Als dies wieder einmal der Fall war, steckte die illustre Stammtischrunde nachdenklich die Köpfe zusammen. Gemeinsam suchten sie nach einer Möglichkeit, den Oskar doch noch herüberzuholen, ohne es sich mit seiner Frau zu verderben. Wem die zündende Idee kam, ist nicht überliefert. Für  die Nachwelt notiert wurde aber, dass Fritz Boehle es war, der über den Hof zu den Blenkners geschickt wurde: „Fritz, gang emol num un hol den Oskar. Seisch em, ’s isch bigott e Kinees im Lamm. Er soll schnell rumkumme!“ Boehle, gerade bei seinen Großeltern, den Wirtsleuten des Lamms, zu Besuch und auch den Nachbarn bestens vertraut, hatte Erfolg. Kurz darauf fand sich Oskar Blenkner am Stammtisch ein.

Chinesen  auf dem Weg ins Gasthaus „Lamm“: Der in Emmendingen geborene Künstler Fritz Boehle hielt in diesem Bild eine Episode fest, in die er selbst verwickelt war.  Repro: Anselm Bußhoff

Chinesen auf dem Weg ins Gasthaus „Lamm“: Der in Emmendingen geborene Künstler Fritz Boehle hielt in diesem Bild eine Episode fest, in die er wohl selbst verwickelt war. Repro: Anselm Bußhoff

Den Maler und Grafiker Fritz Boehle animierte die Episode zu seinem „Chinesenbild“, das lange Zeit im „Lamm“ neben dem Ofen hing und heute im Heimatmuseum einen Platz hat. Die Stammtischrunde ist als chinesische Delegation verewigt. Vorneweg Ratsschreiber Wöhrle mit Feder hinterm Ohr und Tintenfässern auf dem Kimono. Den Fächer des Textilkaufmanns Schachenmeier zieren Kragen und Manschetten. Mehlsäcke machen den Müller Vollrath kenntlich, Kühe, Schweine und Krautköpfe den Altbürgermeister und Landwirt Mößner. Auf Oskar Blenkners Gewand wimmelt es indes von närrischen Figuren und Katzen. Ein Hinweis des Künstlers, dass dem Buchbindermeister mitunter der Schalk im Nacken saß.
Anselm Bußhoff

P.S.: Seit 2011 trägt das „Lamm“ den Untertitel „Lucky Saigon“. Nach zahlreichen Pächterwechseln in der jüngeren Geschichte hat ein vietnamesisches Ehepaar die Emmendinger Traditionsgaststätte gepachtet und serviert hier asiatische Gerichte.

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