„Sin des alles Ihre?“

Walderlebnispfad Freiamt

Schön, schön. Sie tun was für unsere Rente: Wer mit Kindern durchs Leben tourt, hat mitunter mächtig was zu stemmen. Bilder: Anselm Bußhoff

„Aauuuufsteeeehn!“ Zwei kleine Hände patschen mir ins Gesicht. Mühsam lupfe ich die Lider und sehe verschwommen, wie mein dreijähriger Sohn seine Hände in die Hüften stemmt und vorwurfsvoll ruft: „Aufstehen! Das habe ich  jetzt schon dreimal gesagt, Mama!“

Der Tonfall kommt mir bekannt vor. Es ist sieben Uhr morgens, gefühlte Uhrzeit 5.30 Uhr, und irgendwie der falsche Zeitpunkt mit meinem eigenen Erziehungsstil konfrontiert zu werden. Wollte ich je eine Mutter werden, die ihren Kindern vorhält, wie oft sie was nun schon gesagt hat? Der Einjährige, der bis eben gerade noch friedlich schlummerte, hat sich aufgesetzt und gluckst vergnügt. Die Vorstellung scheint ihm zu gefallen.

„Ich werd’ jetzt gleich sauer!“, setzt der Dreijährige noch eins drauf. Klinge ich wirklich so, wenn ich aufgebracht bin? Der Einjährige nickt so heftig mit dem Kopf, dass sein Schnuller klappert. Kann er Gedanken lesen? Das mit dem sauer werden sage ich wirklich nur ganz selten, aber umso mehr muss es den Großen beeindruckt haben – und die Tatsache, dass er merkt, wie unangenehm mir das ist, diesen Satz aus seinem Mund zu hören. Wollte ich nicht immer geduldig im Umgang mit meinen Kindern sein?

Unsere Geduld wird in diesen Tagen mächtig strapaziert. Und da sind nicht unbedingt unsere Kinder dran schuld. Seitdem in Deutschland darüber diskutiert wird, warum die Deutschen so wenig Kinder bekommen, hat sich schleichend etwas verändert. Wir waren ja schon gewöhnt an vorwurfsvolle Blicke, wenn der Große in einem Restaurant lautstark nicht verstehen will, was der Kellner dagegen hat, dass er ihm beim Bedienen hilft (zu Hause deckt er ja schließlich auch den Tisch) oder die Köpfe sich auf der Straße zu uns umdrehen, wenn einer von beiden seinen Willen nicht kriegt.

Doch nun geschehen seltsame Dinge. Die einen hauen einem jovial auf die Schulter und grummeln ein „Ah, isch des Ihr Zweiter? Schön, schön. Dann tun Sie was für unsere Rente“, und dann lachen sie laut über ihren Witz. Doch vor kurzem, beim Einkaufen, zeigte sich ein älteres Ehepaar ernsthaft beeindruckt, weil wir mit zwei Kindern im Einkaufswagen vorfuhren. „Sin des alles Ihre?“

Das Leben mit Kinder hat auch seine Schattenseiten.

Das Leben mit Kinder hat auch seine Schattenseiten.

Hallo? Was ist denn da los? Sieht so wirklich unsere Zukunft aus? Sind zwei Kinder schon etwas Besonderes? Und wie muss es Eltern mit drei, vier oder mehr Kindern gehen? Bekommen die nun gleich die Ehrenmedaille in Form eines goldenen Schnullers am Bande verliehen? Doch anstatt dass sich dieses Staunen über die aussterbende Art der Mehrkindfamilie in tatkräftiger Unterstützung oder Fürsorge ausdrückt, bleibt Eltern heutzutage in Deutschland immer noch die Spucke weg ob der dennoch weit verbreiteten Kinder- und Familienunfreundlichkeit. Und damit sind keine Nichtigkeiten gemeint wie das Zuklappen von Türen, wenn man schwer bepackt mit Kinderwagen und jeder Menge Einkauf gerade noch hindurch will, auch keine fehlenden Wickelmöglichkeiten in Cafés und Restaurants: Peanuts. Doch haben Sie mal versucht in einer Kleinstadt eine sinnvolle Betreuungsstruktur für ihre Kinder aufzubauen, weil Sie nicht ewig in Elternzeit bleiben wollen?

Die Regelkindergärten bieten Öffnungszeiten, die man eher Schließzeiten nennen sollte, denn wirklich offen haben die praktisch nie. 39 Wochentage (plus Sonntage und Samstage und Feiertage) hat unser Kindergarten dicht – wer hat denn so viel Urlaub? Lehrer vielleicht Und die täglichen Betreuungszeiten bis 12.30 Uhr und an drei Nachmittagen von 14 bis 16.30 Uhr: Was soll man denn damit anfangen, wenn beide Eltern eine halbe Stunde Fahrtzeit entfernt arbeiten und nicht eben mal zur Mittagspause heimkönnen? Oder nehmen Sie die Arbeit einer Krankenschwester. Weder eine Früh-, noch eine Mittel- oder Spätschicht ist damit abgedeckt.

Selbst die so genannten verlängerten Öffnungszeiten sind zum Kopfschütteln. Da dürfen wir unsere Kinder schon um 7.30 Uhr bringen und müssen sie erst um 13.30 Uhr abholen – aber dafür dürfen sie nachmittags – laut Gesetz – dann nicht mehr kommen, ätsch! Natürlich, es gibt auch Ganztageskindergärten. Aber wirklich reichhaltig ist in Kleinstädten die Auswahl nicht. Der eine ist deutlich zu weit entfernt, den zweiten haben sich die interessierten Eltern angeschaut am Schnuppertag. Aber sind wir so verzweifelt, dass wir unser Kind in eine Einrichtung schicken wollen, deren Leiterin in 45 Minuten Gespräch nicht ein einziges Mal lächelte und auf die Bitte, auch die Erzieherinnen kennen lernen zu dürfen, nur knapp antwortete: „Das ist nicht möglich und auch nicht nötig. Die Kinder suchen sich schon aus, wer ihnen liegt.“

Einer Freundin in Freiburg geht es auch nicht besser. Sie will innerhalb der Elternzeit 50 Prozent arbeiten. Da keine Kita zu ihren Arbeitszeiten passt, hat sie für ihre zwei Kinder eine Tagesmutter organisiert. Ein Schnäppchen! Für nur 4,50 Euro pro Kind und Stunde sind sie dort gut untergebracht. Die Mutter hat eigentlich einen recht gut bezahlten Job, aber dank Steuerklasse fünf bleiben von ihrem Gehalt minus Kinderbetreuungskosten gerade mal rund 80 Euro am Ende des Monats übrig. Ab diesem Jahr hat sie immerhin die Chance die Betreuungskosten steuerlich abzusetzen, aber lohnt sich das? Welcher Mann wäre bereit, zu diesen Konditionen arbeiten zu gehen? Und warum gibt es noch immer so wenige Betriebskindergärten, in denen die Betreuungszeiten auf die Arbeitszeiten abgestimmt sind? Ach so, weil es gar nicht so viele Kinder gibt! Und jede Firma glaubt, dass sie dieses Problem nichts angehe. Auf irgendeine wundersame Weise wird der spärliche Nachwuchs sich später bestimmt genau in diesem Betrieb in Scharen um eine Arbeitsstelle reißen. Ja, sicher.

Werden ihre Kinder

Wächst hier schon eine Generation heran, in der Männer und Frauen Familie gleichermaßen wichtig ist – und die im Beruf die gleichen Chancen haben?

Aber wahrscheinlich wird es noch eine weitere Generation dauern, bis in Betrieben, im Staat, in den Führungspositionen umgedacht wird. Dann nämlich, wenn die – gewollt oder ungewollt – kinderlosen Frauen Karriere gemacht haben und jene Positionen besetzen, die bislang eher von Männern dominiert werden. Und wenn genau diese Frauen sich dann daran erinnern, dass auch Kinder in dieses Leben gehören – und es anderen Frauen ermöglichen, Beruf und Familie zu vereinbaren. Und vielleicht sind bis dahin auch die alten Männer gegen neue ausgetauscht, gegen Männer, denen Familie wirklich wichtig ist. Nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis.

„Maamaaa! Jetzt bist du ja schon wieder einlafen. Auufsteeehn“, der Dreijährige hüpft auf mir herum wie ein wild gewordener Gummiball. „Ich hab’ wohl grad noch ein bisschen geträumt“, murmele ich schlaftrunken vor mich hin. Doch zu spät, die Wissbegier des Großen ist geweckt. „Was hast du macht?“ „Geträumt.“ „Was hast du räumt?“ „Ge-träumt! Nicht geräumt. Träumen ist, wenn man sich etwas Schönes vorstellt.“ Zwei blaue Augen schauen mich erwartungsvoll an, die Antwort scheint ihm nicht zu genügen. „Was hast du träumt?“ Während ich noch schlaftrunken grüble, wie ich ihm erklären soll, was wirklich tolle Kindertagesstätten wären, wie Familienfreundlichkeit aussehen könnte und warum das Ehegattensplitting das falsche Steuermodell, dringt die Stimme meines Mannes an mein Ohr. „Ich glaube, die Mama träumt von einem Frühstück mit frischen Brötchen“ „Jaaaaaaa, darf ich die Brötchen leine aus dem Ofen holen? Und selber mieren mit Mamalade?“ Traumhafte Vorstellung, diese neuen Männer, oder?
Ronja Vattes

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