Wenn aus „Ohje!“ ein „Aha!“ wird

Papa und Kids: Bleibende Eindrücke hinterließ der Besich des Mitmachmuseums "Le Vaisseau" in Straßburg.

Papa und Kids: Bleibende Eindrücke hinterließ der Besuch des Mitmachmuseums „Le Vaisseau“ in Straßburg.

Das kann doch nicht so schwer sein! Angespannt starre ich auf den Stift, den Stern und meine Hand, die den Stift hält und die Umrisse des Sterns nachfahren soll. Die eine Seite des Zackens habe ich geschafft, aber jetzt schafft meine Hand es einfach nicht, die Spitze der Zacke zu umfahren und die nächste Seite des Zackens weiterzuzeichnen. Der Stift ruckelt vor und zurück, malt Krakel und Kringel. Stoppt, hält inne, versucht es erneut. Scheitert. Kritzelt weiter. So muss sich jemand nach einem Schlaganfall fühlen, schießt es mir durch den Kopf. So muss es sein, wenn der Körper dem Kopf einfach nicht mehr gehorcht, sondern macht, was er will.

Einen Schlaganfall habe ich nicht, zum Glück, ich sitze lediglich vor einem Spiegel in der Sonderausstellung des Wissenschaft- und Technikcenters Le Vaisseau in Straßburg – und mühe mich ab mit dieser „ver-rückten“ Sicht der Dinge, einen Stern nur anhand des Spiegelbildes nachzufahren. Es ist nicht die einzige Herausforderung des heutigen Tages. Und es wird nicht die letzte sein.
Eigentlich sind wir in der Mitmachausstellung „Mathémanip – wir packen Mathe!“, um unsere drei Kinder die Stationen ausprobieren zu lassen, darüber zu schreiben und Fotos zu machen. Doch es dauert gerade mal zwei Exponate, da hat der Fotograf seine Kamera und die Schreiberin den Block beiseite gelegt, um selbst „nur mal schnell“ ein paar der Knobeleien auszuprobieren. Aus „nur mal schnell“ wird ziemlich fix ein „ziemlich lang“.

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Im fünften Versuch den Code geknackt: Herzlichen Glückwunsch!

Und vielleicht sagt das ja schon genug aus über den ansprechenden Charakter der Sonderausstellung aus: Hier kommt Mathe kein bisschen trocken und angestaubt daher, sondern weckt die kindliche Neugier und Experimentierfreude – selbst bei Erwachsenen.

Die Sonderausstellung Mathémanip widmet sich Pythagoras, dem Zauber der Zahl Pi und der Fibonacci-Folge. Klingt schauderhaft? Ist es keineswegs. Denn dort sind keine Formeln zu büffeln und niemand wird an der Tafel abgefragt. Statt dessen stehen Knobeln, Tüfteln, Grübeln und Staunen auf dem Programm. Mal versuchen wir Pyramiden oder Brücken zu bauen, mal gilt es, am Computer einen Geheimcode zu knacken oder Geschwindigkeitsfunktionen mit dem eigenen Schritttempo nachzulaufen, oder wir erkunden Kugelbahnen, Spiegelphänomenen und Wunderliches der Geometrie.

Während die Kinder besonders fasziniert sind von der Riesenseifenblasenhaut, die sie mit Hilfe eines Rings um sich selbst ziehen können, versuchen wir Eltern als Handelsvertreter die kürzeste Fahrtstrecke durch Deutschland zu ermitteln und staunen über die Schönheit mathematischer Berechnungen. Alle Anleitungen sind auf Deutsch und Französisch, vieles erklärt sich sowieso von selbst. Riesige Messlatten geben zudem Anhaltspunkte, ab welchem Alter die Stationen für Kinder geeignet sind.

DSC_0845Nach rund anderthalb Stunden haben wir genug geknobelt, jetzt wollen wir uns noch den Rest des weitläufigen aber übersichtlich gestalteten Mitmachmuseums anschauen. Immerhin gilt es noch die Dauerausstellung zu erkunden, und um es gleich vorweg zu nehmen: Ein Nachmittag reicht dafür nicht aus. Insgesamt rund 130 interaktive Stationen stehen in den verschiedenen Themenbereichen bereit.

„Cool, guck mal, jetzt fliegen wir – und platsch! jetzt fallen wir ins Wasser“, kichert Peer und Paul stimmt mit ein: „Und wir sind nicht mal nass geworden.“ Die beiden Jungs, sieben und neun Jahre alt, haben ihren Lieblingsbereich schnell gefunden: Nicht der Themenpark Mensch-sein, nicht die Wasserexperimente und auch nicht die großen Maschinen sind es – nach kurzer Sichtung verweilen sie mit großer Begeisterung im Bereich „Bild und Ton“. Gerade sitzen sie auf einem fliegenden Teppich vor einem grünen Hintergrund und werden in eine Szene projiziert, so dass es aussieht, als ob sie über eine Landschaft flögen oder ins Wasser plumpsten. Anschließend nehmen sie eine Sendung auf, der eine ist der Moderator, der andere der Kameramann, während wir Erwachsenen uns als Nachrichtensprecher versuchen und ein von einem Erdbeben zerstörtes Büro als Kulisse testen.

Die Zeit haben wir darüber endgültig vergessen – bis in der Ausstellungshalle die Durchsage ertönt: „Es ist gleich 18 Uhr, wir schließen jetzt.“
Ronja Vattes

WISSENSCHAFTS- UND TECHNIKCENTER LE VAISSEAU
Das Le Vaisseau teilt sich in eine Dauerausstellung und eine Wechselausstellung. Der Eintritt gilt für beide. „Mathémanip – wir packen Mathe“ ist bis 31. August 2014 zu sehen.
Anfahrt: Le Vaisseau, 1 bis rue Philippe Dollinger; Parkplatz vorhanden
Öffnungszeiten: Di–So, 10–18 Uhr
Eintritt: Erwachsene 8 Euro, Kinder (3–18 Jahre) 7 Euro. Tagespass für vier Personen 25 Euro. Weitere Sondertarife.
Kontakt: http://www.levaisseau.com/de

Hier geht's lang: Eingangsbereich des Le Vaisseau in Straßburg.

Hier geht’s lang: Eingangsbereich des Le Vaisseau in Straßburg.

– Erschienen am 20. Dezember 2013 im „Reise & Freizeit“-Magazin der „Badischen Zeitung“ http://mehr.bz/rovlevaisseau

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