Die Rückkehr zum Christkindl

Christkindlesmarkt in Nürnberg am 25. November 1994: Auf der Suche nach Weihnachtsdeko. Bild: Dieter Grathwohl

Christkindlesmarkt in Nürnberg am 25. November 1994: Auf der Suche nach Weihnachtsdeko. Bild: Dieter Grathwohl

Der Besuch von Weihnachtsmärkten war lange Zeit fester Bestandteil im Jahreslauf der Eltern. Gemeinsam mit einem befreundeten Paar brachen sie alle Jahre wieder Ende November auf, um irgendwo in der Republik die Eröffnung eines jener Märkte mitzuerleben. Dem Vater hatte es vor allem der Nürnberger Christkindlesmarkt angetan. Neben der Eröffnungszeremonie war es wohl auch das anschließende gesellige Beisammensein im Heilig-Geist-Spital und dessen Atmosphäre, was er mochte.

So zögerte er auch nicht lange, als im Jahre 1994 sein 65. Geburtstag und die Christkindlesmarkteröffnung zusammenfielen. Die Kinder wurden nebst Begleitung nach Nürnberg eingeladen. Der Vater war in seinem Element. Inmitten des glitzernden, leuchtenden und blinkenden Großmarkts der Weihnachtsdevotionalien ging es ihm sichtlich gut. Sein Nachwuchs hielt sich derweil eher am Rande des Geschehens auf und eilte nach Beendigung der Christkindlzeremonie ins Heilig-Geist-Spital.

Der weitläufige Gastraum des Nürnberger Traditionslokals hatte mit seiner eher dunklen Atmosphäre und der überladenen Dekoration etwas von der elterlichen Wohnstube. So überraschte es nicht wirklich, dass der Vater sich hier wohlfühlte. Nur der Weihnachtsschmuck hätte für seinen Geschmack sicher noch üppiger ausfallen dürfen. Denn in den eigenen vier Wänden rüstete er Jahr für Jahr blinkend und blitzend tüchtig auf.

An einem runden Tisch, der viel Möglichkeit zu Gesprächen gab, feierten wir inmitten eines völlig überfüllten Lokals einen wirklich netten 65. Geburtstag. Es sollte die letzte „große“ Geburtstagsfeier des Vaters bleiben. Die angekündigte Wiederholung scheiterte an seinem ebenso überraschenden wie frühen Tod.

Gaststube des Heilig-Geist-Spitals in Nürnberg. Bild: Anselm Bußhoff

Gaststube des Heilig-Geist-Spitals in Nürnberg.
Bild: Anselm Bußhoff

Bis zu einem weiteren Besuch im Frankenland gingen so gut 18 Jahre ins Land. Mit der inzwischen eigenen Familie war’s aber Ende März diesen Jahres doch soweit. Bei klirrender Kälte und Schneetreiben präsentierte sich Nürnberg in einer wenig frühlingshaften, aber dafür nicht ganz unbekannten Vorweihnachtsatmosphäre. Selbst unser Nachwuchs konnte sich dem nicht entziehen und wollte kaum glauben, dass es sich bei der Ansammlung von Buden und Ständen vor der Frauenkirche nicht um den Christkindles-, sondern einen Ostermarkt handelte.

Zumindest mir schien auch die Gaststube des Heilig-Geist-Spitals in ihrem eher dunklen, überladenen Ambiente vertraut. Mag sein, dass sich in den Jahren etwas geändert hat, bemerkt habe ich es nicht. Nur nach dem runden Tisch von damals suchte ich vergebens. Und statt der Enge des damaligen Gedränges bot sich uns diesmal die Weite des weitgehend unbesetzten Raums. Gleich zwei Mal haben wir dort während unseres Aufenthalts in Nürnberg zu Mittag gegessen. Ein bisschen wurde von des Opas Geburtstag erzählt, aber in erster Linie Essen und Ambiente genossen.

Es war eine lebhafte Rückkehr an einen Ort, der sich zwar fest ins Gedächtnis eingebrannt hat, zuletzt aber doch auch etwas von ferner Erinnerung in sich barg. Jetzt wurde ihm neues Leben eingehaucht – Altes mit Neuem verbunden. Das Heilig-Geist-Spital hat nun eine persönliche Geschichte, in der sich Vergangenheit und Zukunft verbinden.
Anselm Bußhoff

Essen mit Herz: Nürnberger Rostbratwürste - Bild: Anselm Bußhoff

Essen mit Herz: Nürnberger Rostbratwürste
Bild: Anselm Bußhoff

Mehr zu unserem Aufenthalt in Nürnberg: Wo die Zeit einen Sprung hat – http://wp.me/p388fz-8Y

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