Geklaute Stunden im Getriebe der Zeit

Tagdiebe unterwegs: Geklaute Stunden am Hünersedel - Bilder: Anselm Bußhoff

Tagdiebe unterwegs: Geklaute Stunden am Hünersedel – Bilder: Anselm Bußhoff

Wie konnten wir das nur tun? Unsere Kinder zum Diebstahl zu verleiten! Statt ihnen zu erklären, was gut und böse, was richtig und falsch ist, haben wir sie im zarten Alter von fünf, sieben und neun Jahren zu Dieben gemacht. Am helllichten Tag. Und nicht nur das. Nach nur drei Stunden in unserer Obhut ist die Liste der Tatbestände bereits lang: Unterschlagung, Mundraub, Ruhestörung und schwerer Diebstahl. Und ließe sich erweitern um Vertuschung, unterlassene Hilfeleistung und Freiheitsberaubung.

Dabei hatte es so harmlos angefangen. Erst gegen 15 Uhr hatten wir unsere Tarnkleidung angezogen, unauffällige Hosen, festes Schuhwerk und uns den Rucksack geschnappt. Ein bisschen Proviant und ein paar scharfe Messer, mehr brauchte es nicht zur Verwirklichung unseres Planes. Das Fluchtfahrzeug stand vollgetankt vor der Tür, alle rein und los. Beherzt die Kurve gekratzt, ein nervöser Blick in den Rückspiegel: Folgt uns auch keiner? Rauf auf den Berg und die Karre auf einem Parkplatz unbeobachtet abgestellt.

Unsere Tarnung: perfekt. Sehen wir doch aus wie harmlose Wandersleut, eine Familie, die einen Spaziergang zum
Hünersedelturm macht – doch wir sind Diebe und zu allem bereit. Wir haben uns hinfortgestohlen an einem Dienstag: ein paar geklaute Stunden im Getriebe der Zeit.

Was hätten wir nicht alles gerade zu tun: Hausaufgaben machen, Staubsaugen, Rechnen üben, Einkaufen, Arbeiten, Texte tippen, telefonieren, Termine über Termine. Stattdessen stehen wir irgendwo auf dem kurzen Weg zwischen den Dürrhöfen und dem Hünersedelturm – und atmen auf. Die Herbstsonne scheint noch einmal mit letzter Kraft, wärmt uns die Haut und taucht die Hügel, die verblassenden Wiesen in ein sanftes, goldenes Licht. Eine Propellermaschine brummelt gemütlich über uns hinweg, Kopf in den Nacken, ein kleiner stählerner Vogel im Blau des Himmels. Weiter drüben hat sich der Wald schon sein buntes Kleid angezogen und auch wir schlendern langsam weiter, schlüpfen einfach in ihn hinein. Die Schönheit, sie nimmt uns gefangen auf unserer Flucht aus der Hektik, dem Alltag, dem üblichen Leben.

Nachgezählt: Genau 126 Stufen gilt es bis zur obersten Plattform des Hünersedelturms zu erklimmen.

Nachgezählt: Genau 126 Stufen gilt es bis zur obersten Plattform des Hünersedelturms zu erklimmen.

Die Kinder laufen behände den Weg entlang, erklimmen kleine Lehmhügel („Mein Mount Everest!“), schleichen durchs Unterholz, klettern, balancieren, betrachten staunend die stattlichen Fliegenpilze am Wegesrand. Zwei Mountainbiker fahren grüßend vorbei und wir gehen weiter, das schlechte Gewissen verblasst. Das Müssen weicht Muße.

Gut gelaunt verführen wir unsere Kinder nun zu weiteren Straftaten. Wir naschen die letzten sauren Brombeeren vom Strauch (Mundraub!), die Kinder fangen Käfer (Freiheitsberaubung!), die Jüngste singt (Ruhestörung!), der Mittlere meckert (Beleidigung!) und der Älteste pflückt Gräser, Heidelbeersträucher, Zweige (schwerer Raub!) – und wir beiden alten Tagdiebe genießen heimlich unsere Anstiftung zum Ungehorsamsein.

Ein letzter steiler Anstieg von der Schranke bis zum Ende des Walds, bald schon haben wir den Turm erreicht: 126 Stufen geht es hinauf. Während der Erste bereits winkend und rufend ganz oben steht, trödeln wir anderen schnaufend hinterher. Wir haben unser kleines Ziel erreicht: Der Blick weitet sich – bis zu den Vogesen, zum Kandel und Feldberg können wir nun schauen. Die Kinder laufen von einer Seite der Aussichtplattform zur anderen, zählen Windräder, deuten auf Hügel und Häuser. Wir vespern und plaudern, ruhen und genießen die Stille, die Freiheit, das Glück. Wie klein der Alltag, wie entfernt unser normales Leben von hier oben doch scheint.

Es wird spät, in die Täler legt sich der Nebel. Die Sonne macht sich bereit, schlafen zu gehen. Auch wir packen unsre Sachen, sammeln rasch die letzten Sonnenstrahlen ein – bald wird es kälter und wieder Alltag sein.
Ronja Vattes

Ausflug zum Hünersedelturm: Vom Parkplatz Dürrhöfe in Freiamt ist der Hünersedelturm bereits sichtbar. Rund einen Kilometer geht es gut beschildert zum Turm. Varianten: Abstecher zur Schutterquelle oder Rundweg über Kreuzmooshütte, Tourentipps: http://www.freiamt.de/wanderrouten.

– Erschienen am 31. Oktober 2013 im „Reise & Freizeit“-Magazin der „Badischen Zeitung“ http://mehr.bz/rovhuenersedel

Ein Gedanke zu “Geklaute Stunden im Getriebe der Zeit

  1. Nicht diese Stunden wurden geklaut. Auf diese habt ihr gut geachtet. Die anderen habt ihr euch leider stehlen lassen, die mit den Hausaufgaben, Terminen und Einkäufen!!! 😉

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