Grüezideutsch im Reich der Steine

Was blüht denn da? Auf Tour am Brienzer Rothorn.

Was blüht denn da? Auf Tour am Brienzer Rothorn. Bilder: Anselm Bußhoff

Wohin schaut das Kind denn nur? Setzt zögernd einen Fuß vor den anderen, den Blick stumm zu Boden gerichtet. Vorsichtig steigt es bergab über Felsbrocken und Geröll, über Grasbüschel und Blümchen, tastend, suchend, murmelt Unverständliches vor sich hin.

Ach, würde es doch nur mal den Blick heben. Es würde die Welt von hier oben mit anderen Augen sehen: Wie sich die grünen und felsigen Berge bis zum Horizont aneinanderreihen, wie mächtig sich die selbst im August noch schneebedeckten Gipfel von Eiger, Mönch und Jungfrau glitzernd in den blauen Himmel recken. Wie sich ein Wölkchen zart an den Berg kuschelt und der winzige rote Zug dampfend den Hang hinauf schnauft. Und es würde entdecken wie der Brienzer See unter uns zwischen den Bergen liegt, hingegossen wie das türkisblau glänzende Ballkleid einer Diva. Schiffe, klein wie Spielzeugboote, hinterlassen weiße Spuren auf dem Wasser, als seien es die raschelnden Falten im Kleid.

Steinreich im Grüeziland.

Steinreich im Grüeziland.

Doch das Kind schaut nicht auf, mustert den Weg, als sei er ein Buch voll spannender Geschichten. „Ich hab’ einen!“, gellt plötzlich jubelnd ein Schrei. Und das Kind blickt zufrieden auf seinen Schatz: „Schaut mal, ich hab’ einen super Käse gefunden!“ In den Händen hält Peer (7) einen dreieckigen, tortenstückförmigen Stein, der in der Tat etwas von einem Käse hat. Seine Geschwister Paul (9) und Elisa (5) nicken anerkennend. Auch ihre Rucksäcke wiegen bereits steinschwer, dabei sind wir noch gar nicht soweit gekommen auf unserer Wanderung vom Brienzer Rothorn hinunter zum Eisee. Ein sportlicher Schweizer läuft die Strecke bergab flott in 40 Minuten. Wir aber sind mit Schauen und Staunen, mit Knipsen und Knirpsen beschäftigt – und der Suche nach ungewöhnlichen Steinen.

Und daran sind wir Eltern auch noch selbst schuld. Wenige Tage zuvor hatten wir unsere Reise in Frankreich begonnen, waren dort in Jougne im Jura gewesen und hatten von unserem Frühstückstisch jeden Tag auf den Mont d’Or geschaut, einen rauen Felsberg. „Der Fleck dort unter dem Gipfel sieht irgendwie aus wie ein Fisch“, hatte ich eines Morgens versonnen vor mich hin gemurmelt. Seitdem ist es mit der Ruhe aus: „Da! Siehst du den Taucher?“, „Ich hab’ ein Hundegesicht entdeckt!“, „Guck mal da, das ist doch ein Hammer, oder?“ So ging es die Tage in Frankreich, so geht es jetzt in Sörenberg in der Schweiz weiter. Waren es anfangs noch Gipfel und Felsen, die ihre Phantasie beflügelten, sind es nun die Steine auf unserem steilen Wanderweg.

Wir Eltern schwanken zwischen Schmunzeln und Ungeduld. „Grüezi!“ tönt es munter bergauf und bergab, bei den Schweizern geht das Wandern zackig voran. „Grüezi!“, und schon sind sie an uns vorbei. Unsere Kinder aber stehen stumm, blicken zu Boden, finden Obelix’ Hinkelstein, sehen Mikrofone, Enten, Polizeikellen – oh, welch wundersames Gestein!

Von unserem Feriendorf in Sörenberg waren wir am späten Vormittag aufgebrochen. Das frühe Aufstehen hatte trotz der munter bimmelnden Kuhligans vor unserem Balkon nicht geklappt, das zügige Loskommen ebenso wenig. Zuviel gab es für unsere Kinder in der Ferienanlage zu entdecken.

Auf wilder Fahrt den Hang hinab: Bob-Bahn Rischli bei Sörenberg

Auf wilder Fahrt den Hang hinab: Bob-Bahn Rischli bei Sörenberg

Gegen 12 Uhr waren wir endlich in die Gondel gestiegen, „Grüezi!“, um aufs 2350 Meter hohe Brienzer Rothorn zu schweben. Aus dem Fenster sahen wir unser Auto auf dem Parkplatz kleiner und kleiner werden. Wir entdeckten tiefe Rillen im Fels, die aussahen, als ob ein Riese mit seinem Kamm dem Gestein eine neue Frisur verpasst hätte. Und ließen unseren Blick über die Landschaft gleiten, in der wir in den vergangenen Tagen schon so viel unternommen hatten.

Einmal waren wir auf der Rodelbahn juchzend den Berg hinabgesaust, und die Jüngste war ein paar Runden geritten. Ein anderes Mal gondelten wir hoch zur Rossweid, zum höchstgelegenen Moor der Schweiz. Auf dem 1,5 Kilometer langen Sonnentauweg liefen wir durch Wald, Wiesen und Moor, lernten an Erlebnisstationen, was Bulten und Schlenken sind, entdeckten, wie gut man mit Riesenohren hören kann. Und die Kinder sprangen durch den neu eröffneten Moorwasserpark: kletterten, turnten, setzten wieder und wieder mit dem Floß über einen kleinen Teich, angelten Blechschilder und retteten Frösche. Und wir Eltern hatten auf Himmelsliegen gelegen, den Duft des Sommerheus geatmet und waren in der Sonne eingedöst …

Einschlafen könnten wir auch jetzt problemlos. Bei unserer Wanderung vom Brienzer Rothorn zum Eisee. Bei diesem Schneckentempo. Doch keine Himmelsliege weit und breit, nur Gras kauende Kühe, Wanderer, „Grüezi!“, Steine über Steine. Und Steine suchende Kinder.

Wir Eltern aber haben die Uhr im Blick, „macht hinne!“ mahnen wir Paul, Peer und Elisa nun endgültig zur Eile. Bis 15.45 Uhr müssen wir es runter zum Eisee schaffen, um die letzte Fahrt mit dem Sessellift wieder hoch zum Brienzer Rothorn zu erwischen und auf der anderen Bergseite mit der Gondel zurück nach Sörenberg zu kommen.

Das Läuten der Kuhglocken ist auch in den Höhen des Emmentaler Berglandes allgegenwärtig.

Das Läuten der Kuhglocken ist auch in den Höhen des Emmentaler Berglandes allgegenwärtig.

„Sessellift am Eisee“ erweist sich als Zauberwort. „Auf zum Eisee, denn da gibt es Eis, ey!“, singen die drei Kinder. Strammen Schrittes wandern sie nun bergab, grüßen die träge bimmelnden Kühe mit einem munteren „Hallo Kuh, Du“, balancieren und rutschen, stolpern und springen über Steine und Geröll, übersehen vermutlich tausende Hinkelsteine, Mikrofone, Käsestücke und Verkehrskellen. Egal. Die Sonne brennt, der Berg glüht, die Füße dampfen, die Kinder werden müde. Geschafft.

Wir lassen uns auf die Bierbänke plumpsen, streifen die Rucksäcke ab. Okay, Eis für die Kinder, Kaffee für uns, wir haben noch etwas Zeit. Erleichterung macht sich breit. Nach und nach trudeln aus allen Richtungen die Wanderer ein. Manch einer kennt sich, so scheint es, „Ja, grüß euch!“, die Terrasse ist von Geplauder erfüllt. Unter Sonnenschirmen werden Wanderrouten und Gehminuten verglichen, Streckentipps über Kuchenstücken geteilt. Ein Paar gesellt sich schwer bepackt dazu, „Grüezi!“. Drei Tage waren sie am Eisee angeln, 25 Forellen nehmen sie in der Kühltasche mit heim.

Die Kinder haben die Steine vergessen, zum Glück, die Müdigkeit auch. Der Sessellift kommt, zu zweit und zu dritt quetschen wir uns hinein. Wir ruckeln bergan, verlieren den Boden unter den Füßen, betrachten von oben den Weg, den wir heute gemeistert haben und genießen die kühler werdende Sonne, den leichten Wind. Durch ein zartes Wölkchen schweben wir dem Gipfel entgegen. Die Jüngste lässt ihre Beine baumeln, guckt verzückt auf Almen, Berge und See, als sähe sie das heute zum ersten Mal. „Oh, ist das nicht schön!“

20130827-154608.jpgViel zu schnell ist die Fahrt zu Ende, Bügel hoch, aussteigen, fix! „Mama, pass auf den Rucksack auf! Das sind unsere Schätze drin! Die wollen wir doch noch anmalen zu Hause!“ Pause. Ich seufze. Schlucke trocken. Sehe daheim schon hunderte steinerne Souvenirs aus der Schweiz auf Fensterbänken und Schränken stehen. Eingestaubt, aber niemalsnienicht wegwerfbar.

Die Kleine ignoriert meine kummervolle Miene, plaudert weiter in einem fort: „Gell, das ist doch toll! So viel Steine haben wir gesammelt. Jetzt sind wir auch mal steinreich! Und bald können wir sogar Grüezideutsch sprechen!“

Unsere Wanderung eilt ihrem Ende entgegen. Die letzte Gondel wartet schon, die Leute drängen hinein, der Bergbahnführer kontrolliert die Billets, „Grüezi miteinand! Steigen Sie ein!“ und los geht’s hinunter ins Tal. Wir schweben und staunen ein letztes Mal.

Wenige Tage später sind die Ferien vorbei, wir wieder zu Hause. Die Rucksäcke sind weggepackt, die Koffer leer, der Alltag hat uns voll erwischt. Wäscheberge statt Alpengipfel. Vor der Waschmaschine kniend, die Wäsche sortierend ertaste ich in der Wanderhose von Elisa etwas Hartes. Als ich die Tasche ausstülpe, fällt mir das Ding in die Hände: ein kleiner grauer Stein, zart glitzernd, in Form eines Herzens. Niemalsnienicht wegwerfbar. Versprochen!
Ronja Vattes

Begleitmusik: Das Rabimmel-Rabammel der Kuhligans

Bergwacht: dauerbimmelnde Kuhligans am Brienzer Rothorn

SÖRENBERG/SCHWEIZ
Sörenberg ist ein Ortsteil der Gemeinde Flühli in der Unesco-Biosphäre Entlebuch.
Anreise: Von Freiburg aus mit Zug und Bus sind es gute 3,5 Stunden oder mit dem Auto 183 Kilometer.
Unterkunft: Die Schweizer Reisekasse Reka ist eine Non-Profit-Organisation und unterhält zwölf familienfreundliche Feriendörfer mit Kinderprogramm, Ausflügen und Schwimmbädern, darunter die neu sanierte Anlage in Sörenberg (Internet: http://www.reka.ch)
Brienzer Rothorn: Von Sörenberg aus mit der Gondel erreichbar, von dort Verbindungen zum Eisee (Sessellift) und zum Brienzer See (Dampfbahn)
Mooraculum und Sonnentauweg: An der Bergstation Rossweid ist das neu eröffnete Mooraculum gelegen, ein kostenlos zugänglicher Moor-Erlebnispark mit Spielstationen, Wasserelementen, Rätselfragen. Dort startet auch der 1,5 Kilometer lange kinderwagentaugliche Sonnentauweg. An 17 Erlebnisstationen erfahren Kinder und Erwachsene, wie Moore entstehen und was sie so schützenswert macht (www.soerenberg.ch)
Kontakt: Schweiz Tourismus, Rossmarkt 23, 60311 Frankfurt, 00800/10020029 (gebührenfrei), Internet: http://www.myswitzerland.com

– Erschienen am 27. September 2013 als Titelgeschichte des „Reise & Freizeit“-Magazins der „Badischen Zeitung“ http://mehr.bz/gruezitour

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s