Wo die Zeit einen Sprung hat

Blick über Nürnberg - gesehen von Jugendherberge Kaiserstallung

Blick über Nürnberg – gesehen von Jugendherberge Kaiserstallung – Bilder: Anselm Bußhoff

Neee, echt jetzt? Von hier oben ist der mit seinem Pferd gesprungen?“ Die drei Kinder lehnen sich weit über die Sandsteinmauer, blicken in den Abgrund des Burggrabens – und schwanken zwischen grenzenloser Bewunderung und langsam aufkeimender Ungläubigkeit. „Wie soll das denn gehen? Oder war der tot, als er unten aufgekommen ist?“. Der Neunjährige lässt sich so schnell nicht überzeugen. Der Mittlere grübelt still, nur die kleine Schwester ist begeistert: „Bestimmt konnte das Pferd fliegen, so wuuuuuuusch!“

Es ist ein U-förmiger Abdruck in der Burgmauer der Kaiserburg von Nürnberg, der das Interesse der Kinder geweckt hat. Der Raubritter Eppelein soll hier dereinst seiner Hinrichtung durch einen gewagten Sprung mit seinem Pferd über die Sandsteinmauer entkommen sein. Lebend, wohlgemerkt. So lautet die Sage. Als Beweis wird gern der Hufabdruck in der Sandsteinmauer angeführt.

Es ist eine der vielen Geschichten, die unsere drei Kinder Paul (9), Peer (7) und Elisa (4) in den Urlaubstagen in Nürnberg gehört haben. Geschichten aus dem Mittelalter. Geschichten von unter der Erde. Geschichten vom Krieg. Vom Leben in einer anderen Zeit. Nur welcher eigentlich?

Zurück in die Eiszeit

Soll Glück bringen:  Der goldene Ring gehört zu Nürnbergs Touristenattraktionen

Soll Glück bringen: Der goldene Ring gehört zu Nürnbergs Touristenattraktionen

Klar, wir schreiben das Jahr 2013, es ist Frühling. Und wir sind für ein paar Tage in Nürnberg. Soweit könnte alles in Ordnung sein. Ist es aber nicht. Denn allein die Zeitangabe Frühling stimmt schon mal nicht. Wer den Frühling 2013 in Deutschland verbracht hat, weiß: Das war kein Frühling, das war Eiszeit. Eine, die nicht sonnig-süß nach Himbeer oder Schokolade schmeckt, sondern eine mit eisigem Wind, der durch die Gassen fegt; eine, die sich immer und immer wieder pulvrig-weiß auf die Straßen legt. Und so finden wir es zunächst nicht weiter verwunderlich, dass unsere Kinder bereits bei der Ankunft in Nürnberg die Stände auf dem Hauptmarkt in der Innenstadt mit den Worten kommentieren: „Ach, guck mal, da ist ja noch Weihnachtsmarkt!“

Dabei ist es gerade das Klischee vom Christkindlesmarkt, auf das die Nürnberger so ungern reduziert werden. Zwar ist er die – viel beworbene – Touristenattraktion schlechthin, doch auch sonst hat die rund 500 000 Einwohner zählende Stadt mit ihren Gassen, der trutzig thronenden Kaiserburg, zahllosen Museen, Kirchen, dem Fußballstadion und dem Tiergarten weit mehr zu bieten als nur glitzernd-bunte Weihnachtsfolklore.

Design trifft Mittelalter

Durchgestylt: Speise- und Aufenthaltsraum der Jugendherberge Kaiserstallung

Durchgestylt: Speise- und Aufenthaltsraum der Jugendherberge Kaiserstallung

„Mama, haben so die Ritters gelebt?“. Die Vierjährige reißt erstaunt die Augen auf, als wir vor dem eisigen Wind fliehen und mit Koffern und Taschen schwer bepackt durch eine massive Holztür treten. Ritter und Burgfräulein kennt die Tochter aus ihren Büchern, weiß einiges über das Leben im Mittelalter und kann die Lieder des Ritter Rost rauf und runter singen. Aber keiner ihrer papiernen Helden besaß einen derart riesigen Flachbildschirm, wie er im Eingangsbereich der Kaiserstallung steht, da ist sich Elisa sicher. Willkommen in einer der modernsten Jugendherbergen Europas!

Was von außen wie ein gut restauriertes Mittelaltergebäude wirkt und das direkt neben der Kaiserburg über der Altstadt Nürnbergs thront, ist ein Mischmasch höchst unterschiedlicher Zeiten. Und jetzt wird’s kompliziert, nicht nur für Kinder: Das mittelalterliche Gebäude wurde beim großen Bombenangriff vom 2. Januar 1945 weitgehend zerstört und 1953 wieder nach altem Vorbild aufgebaut. Ist also aus Erwachsenensicht nicht wirklich alt, wirkt aber so. Aus Kindersicht ist das Gebäude von außen „uralt“ – nur „innen halt irgendwie nicht“.

Und zumindest da trifft sich das langsam aus den Fugen geratende Zeitgefühl von Kindern und Eltern kurzzeitig wieder: Was außen nach Mittelalter aussieht, kommt drinnen topmodern daher. Futuristische Lampen, die wie weiß glimmende Erdnussflips von der Decke hängen, lassen den Speisesaal in loungiger Atmosphäre erstrahlen. Eckige Barhocker, Nischen zum Chillen, eine ufo-blau erleuchtete Bar, an den Wänden riesige QR-Codes zum Einscannen ins Smartphone – das alles hat nur wenig mit dem gemein, wie Jugendherbergen früher waren. Auf den Zimmern sucht man klapprige Rohrstockbetten und graubraune Wolldecken vergebens. Gemeinschaftsduschen und sich endlos aneinanderreihende Waschbecken: Fehlanzeige! Stattdessen ist jedes Zimmer in Weiß, Grau und Knallrot durchgestylt, verfügt über ein eigenes Klo und eine geräumige Dusche.

19 Millionen Euro wurden in die Sanierung gesteckt. Zweieinhalb Jahre dauerte es, um die einst eher dunklen und ehrfurchtgebietenden Räume komplett umzugestalten und ins 21. Jahrhundert zu beamen. Seit der Wiedereröffnung der Jugendherberge Anfang März wurde das Projekt in den Medien derart gehypt, dass die Mitarbeiter an der Rezeption alle Hände voll zu tun haben, um dem Andrang Herr zu werden. Immer wieder müssen sie Besuchergruppen hinauskomplimentieren, die „nur mal eben schnell gucken“ wollten.

Doch das Gucken ist den Gästen vorbehalten. Für uns wird es zu einer Lieblingsbeschäftigung in den Pausen zwischen unseren Ausflügen, Stadtrundgängen, Mahlzeiten und Museumsbesuchen. Von unserem Sechs-Bett-Zimmer aus haben wir einen fantastischen, einen erhabenen Blick über Nürnberg. Wir Eltern erfreuen uns an der unverstellten Sicht auf schmucke Kirchtürme, über Häuserdächer, Straßen und Plätze hinweg – die Kinder schauen sehnsüchtig zu den grellen Lichtern des Stadions, in der die Nationalmannschaft in der WM-Quali gegen Kasachstan spielen wird.

Während draußen der eisige Wind weiter um die dicken Mauern fegt, versuchen wir uns drinnen – trotz W-Lan und Zentralheizung, trotz Fußballspiels auf dem Flachbildschirm und Twitternachrichten auf dem Smartphone – vorzustellen, wie einst das Leben hier gewesen sein muss. Wie vor rund 500 Jahren in der Kaiserstallung Pferde und andere Tiere gehalten wurden. Wie über die steile Getreiderutsche, die man heute noch im Treppenhaus sehen kann, die Tiere mit Futter versorgt wurden. Wie zugig, wie bitterkalt es gewesen sein muss. Der Zeitensprung, er mag uns nicht so recht gelingen.

Kaiserlich

Hoch über Nürnberg: die Burg

Hoch über Nürnberg: die Burg

Greifbarer wird das Leben im Mittelalter, als wir am nächsten Tag mit Hans Joachim Galster, Vorstand der Burgverwaltung Nürnberg, einen Rundgang durch die Kaiserburg machen, uns die unversehrte Doppelkapelle und den Tiefbrunnen anschauen. 50 Meter tief lässt er an einer Seilwinde ein Tablett mit vier Kerzen in die Finsternis hinab, damit wir das Wasser am Boden des Schachtes erkennen können. Die Kinder sind beeindruckt: „Und da mussten die jeden Tag wirklich alles Wasser herholen? Mit nur so einem Eimer? Wie haben die denn geduscht?“

Beeindruckender finden wir Eltern, dass diese herrschaftliche Burg lange Zeit unbewohnt gewesen sein soll. Die Staufer hatten sie zur Machtdemonstration erweitert, waren aber nicht sesshaft, sondern regierten quasi vom Pferde aus. 1356 erließ Karl IV., dass jeder neue Kaiser seinen ersten Reichstag hier abzuhalten habe. „Das heißt, jeder neue Herrscher musste hier mit all seinem Gefolge anrücken und – neudeutsch gesagt – sein erstes Meeting abhalten“, erklärt Galster und fügt schmunzelnd hinzu: „Und alle Möbel mitbringen.“

Die Begeisterung auf den Gesichtern unserer Kinder lässt uns ahnen, mit welchen Möbeln sie in Gedanken gerade die Burg bestücken, während sie quietschend vor Vergnügen durch den schmucken Rittersaal galoppieren und laut „Wir sind jetzt die Ritter!“ singen. Immerhin ein halb gelungener Zeitensprung.

Unterirdisch

Labyrinth unter der Stadt: die historischen Felsengänge

Labyrinth unter der Stadt: die historischen Felsengänge

Mit Kindern ist Zeit relativ. Auch auf Reisen. Kinder trödeln und finden Dinge spannend, an denen wir Erwachsene achtlos vorbeirennen, die wir einfach so akzeptieren. Aber nein, das können Peer und Paul nicht hinnehmen, als sie unsere historisch gewandete Stadtführerin erblicken: Die hat doch Turnschuhe an und eine Armbanduhr! Und behauptet aus dem Mittelalter zu stammen! „Also neeee!“

Eva Hackenberg spielt die Frau eines Bierbrauers und nimmt uns nicht nur mit in ihre Zeit vor rund 600 Jahren – sondern entführt uns auch unter die Erde: in die historischen Felsengänge unter der Altstadt von Nürnberg. Vier Stockwerke tief gruben Menschen in jahrzehntelanger Arbeit von Hand ein weitverzweigtes Gängesystem in den Fels. Die Kinder erfahren, dass dort einst das Hauptnahrungsmittel Bier hergestellt, mit Eis gekühlt und gelagert wurde. „Auch Kinder bekamen damals zum Frühstück Bier, zum Mittag- und zum Abendessen“, erzählt die junge Frau – Kinderaugen blicken sie ungläubig an.

Und wir Eltern beginnen zu sinnieren: Wie sieht das Bild vom Mittelalter wohl inzwischen bei unseren Kindern aus? Eine irre Mischung aus einer nach eigenen Wünschen möblierten Burg, finster-feuchten Gängen, die in loungigen Chill-Nischen enden? Mit Bier zum Frühstück und – wuuuuuuuusch! – gewagten Sprüngen mit fliegenden Pferden über Burgmauern?

Der Gedanke an die zeitliche Verwirrung in den Köpfen unserer Kinder hängt uns auch am nächsten Tag, dem Tag unserer Abreise, noch nach. Unsere Koffer sind gepackt, die Betten abgezogen, das Jugendherbergszimmer geräumt. Als wir ein letztes Mal mit dem Fahrstuhl aus dem sechsten Stock ins Erdgeschoss, durch dieses Gebäude zwischen Mittelalter und Moderne fahren, zählt Paul gedankenverloren mit: „6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1… Erde!“
Ronja Vattes

NÜRNBERG
Anreise: Mit der Bahn in vier bis fünf Stunden von Freiburg mit Umstieg in Karlsruhe nach Nürnberg.
Unterkunft: Die Jugendherberge Kaiserstallung hat 355 Betten (Ein- bis Sechs-Bett-Zimmer), Übernachtung mit Frühstück ab 26,50 Euro für Jugendliche bis 27 Jahre, Erwachsene zahlen einen Zuschlag, Telefon 0911/2309360, http://www.kaiserstallung-nuernberg.de
Kaiserburg: Teile der Burg sind frei zugänglich, Termine für Führungen,
Öffnungszeiten Kaiserburgmuseum unter http://www.kaiserburg-nuernberg.de
Historische Felsengänge: Erwachsenen- und spezielle Kinderführungen, Telefon 0911/23602731, http://www.historische-felsengaenge.de
Nürnberg-Card: Zwei Tage freie Fahrt mit allen öffentlichen Verkehrsmitteln sowie freier Eintritt in alle Museen und Sehenswürdigkeiten, für Erwachsene 23 Euro, Kinder 6 bis 11 Jahre 5 Euro, bis 5 Jahre kostenlos.
Kontakt: Congress- und Tourismuszentrale Nürnberg, Telefon 0911/2336-0, http://www.tourismus.nuernberg.de
Deutsches Jugendherbergswerk: Rund 500 Jugendherbergen in Deutschland unter http://www.jugendherberge.de

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