Junges Gemüse im Alten Land

Große Freiheit: Viel Auslauf und ein bisschen Bullerbü im Alten Land

Große Freiheit: Viel Auslauf und ein bisschen Bullerbü im Alten Land – Bilder: Anselm Bußhoff

Es ist dieser einzigartige Moment, wenn die Zeit kurz still steht, unsere kleine Welt den Atem anhält, wenn drei kleine Kinder andächtig verharren – und etwas Besonderes geschieht. Nüchtern betrachtet ist es eine Fahrt mit dem öffentlichen Nahverkehr, 9,20 Euro das Ticket, übertragbar und fast einen ganzen Tag gültig, zu lösen am Automaten, ein schlichtes Stückchen Papier. Für uns aber ist es das Ticket ins Abenteuer, eine Fahrt zwischen zwei Leben. Zwei Leben, die verschiedener nicht sein könnten – und von dem wir das eine fast vergessen hatten.

Gefangen in unserem Leben im Kleinformat von Wickeltaschen und Sandelkisten, Kindergarten und Krabbelgruppe, dem schönen, anstrengenden Alltag mit kleinen Kindern eben, stehen wir nun auf dem Schiff der Fährlinie 62, die für uns das Alte Land mit Hamburg verbindet, saugen ihn ein, den Geruch von Wasser und Wind, lassen uns einlullen und aufwühlen von den Wellen der Elbe, die gegen den Bug klatschen. Lassen Obstbäume und Wiesen, reetgedeckte Fachwerkhäuser, Ruhe und Vogelgezwitscher hinter uns, blicken gebannt in die Ferne, wo alles so groß und so möglich erscheint.

Containerschiffe aus aller Welt. Das Ballett der riesigen Kräne am Hamburger Hafen, die weitgereiste Waren weiterverschicken. Die bunten Häuserreste der Hafenstraße. Sehen das Traumschiff aus dem Fernsehen, die MS Deutschland, wie sie nach einem Brand repariert wird. Unser Traumschiff ist eine kleine, gelbe Fähre, von den Kindern „Löwenfähre“ genannt, weil sie Werbung macht für das Musical „König der Löwen“.
Wir beginnen die Welt mit den Augen unserer Kinder zu sehen, lassen uns mitreißen von ihrem wortlosen Staunen. Es wird nicht das letzte Mal sein.

Stadt, Land, Fluss

Große Fahrt für kleine Leute: Warten auf die Fähre im Hamburger Hafen

Große Fahrt für kleine Leute: Warten auf die Fähre im Hamburger Hafen

Es war der Urlaub, in dem wir versuchten, sämtliche Bedürfnisse einer fünfköpfigen Familie unter einen Hut zu bringen. „Sand! Wasser! Abenteuer!“, so die Vorlieben unserer drei Kinder, sechs, vier und zwei Jahre alt. „Endlich wieder Großstadt!“, die Mama. „Schöne Joggingstrecken“, der Papa. „Und ganz viel Kinder lüften“, da sind sich die Eltern einig.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Ein großer alter Obsthof in Jork direkt an der Südseite der Elbe, ein ländliches Idyll vor den Toren Hamburgs. Könnten wir einfach hinüberschwimmen über die Elbe, es wären nur einige hundert Meter bis Blankenese, einem schnieken Hamburger Ortsteil. Können wir aber nicht. Stattdessen genießen wir es, nur wenige Meter bis rauf auf den Elbdeich zu klettern und dort im Gras sitzend den vorbeiziehenden Pötten auf ihrem Weg in die große weite Welt hinterherzublicken.

Im Alten Land, dem angeblich größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet Nordeuropas, ist das Leben dörflich, überschaubar, gemütlich. Hier gibt es nicht viel zu erleben außer den kleinen Großigkeiten: einen Sonnenuntergang an der Elbe, das Piepsen einer Maus auf der Terrasse oder eine Kröte, die es gilt, zurück in den Bewässerungsgraben zu begleiten. Die Kinder freunden sich schnell mit Mirja an, der Tochter unserer Vermieter, strolchen durch die Obstplantagen, genießen den Auslauf, die Freiheit, fahren mit Kindertraktoren um die Wette und beobachten begeistert die Arbeit der Großen auf dem Hof. Abends kommen sie hungrig, dreckig, aber glücklich von ihren Entdeckungstouren zurück. Das Leben ist hier ein bisschen wie Bullerbü, ein Bullerbü des 21. Jahrhunderts.

In den ersten Tagen genießen wir einfach nur diese Entschleunigung, unternehmen dann und wann kleinere Ausflüge, joggen oder erkunden auf Inlineskates die Umgebung, kaufen bei den Nachbarn im Hofladen selbstgemachte Marmelade, frisch gebackenes Bauernbrot und im Eichenfass gereiften Apfelbrand. Wir schauen uns die Windmühlen an, die einst die Holländer zurückließen, nachdem sie das Olland, das Alte Land, eingedeicht und damit dem Wasser entrissen hatten. Teile des Alten Landes liegen auch heute noch unter Null, also unter dem Meeresspiegel. Schilder an Bushaltestellen erinnern an die Nähe zum Meer: „Sammelpunkt bei Sturmflut“, heißt es da.

Wie nah die Menschen im Alten Land ans Wasser gebaut haben, zeigt sich auch in Stade, einer rund 46000 Einwohner zählenden Hafenstadt mit schmucken Altbauten, Fachwerkhäusern – und dem Spiegelberg, über den sich kleine Gassen erstaunlich abwechslungsreich bergauf, bergab ziehen. Dort, am Rande einer alten Festung, erinnern drei große Kanonen daran, wie früher vor Hochwasser und Sturmflut gewarnt wurde.

Memory Und Reisen bildet

Kinderführung mit dem Pressesprecher der Hamburgischen Bürgerschaft, Ulfert Kaphengst.

Kinderführung mit dem Pressesprecher der Hamburgischen Bürgerschaft, Ulfert Kaphengst.

„Ich hab’ das Mikrofon, ich bin der Bestimmer!“ Energisch ergreift der Vierjährige das Wort, als die Familie sich uneins ist, was sie unternehmen soll. Reisen bildet ja bekanntlich. Aber nicht immer so, wie Eltern sich das vorstellen. Der Besuch im Hamburger Rathaus tags zuvor hat bei den Kindern bleibenden Eindruck hinterlassen. Mehr als eine halbe Stunde lang waren sie zusammen mit Ulfert Kaphengst, dem Pressesprecher der Hamburgischen Bürgerschaft, im Rathaus unterwegs gewesen.

Hatten über tonnenschwere Kronleuchter und geheime Gänge, über Wandgemälde und Schnitzereien gestaunt, waren mit unsichtbaren Fahrstühlen gefahren und hatten erklärt bekommen, wie Demokratie funktioniert. Schnell hatte der Vierjährige kapiert: Der Chef hat den tollsten Sessel und wer am Mikrofon steht, hat gerade das Sagen.
Während die Kleine die Akustik der prunkvollen Hallen begeistert gieksend testete, beschäftigten den Sechsjährigen andere Fragen. Er hatte vom Rathausplatz aus das riesige Gebäude bewundert und sich gefragt, was wohl größer sei – das Hamburger Rathaus oder das derzeit größte Passagierschiff der Welt, die Oasis of the Seas. Die Antwort mussten Eltern wie Pressesprecher schuldig bleiben, doch nur vorerst – bekanntlich bildet Reisen ja.

Und natürlich nicht erst beim Reisen, sondern auch schon vorher. Denn pädagogisch wertvoll hatten wir mit den Kindern schon zu Hause viel über Hamburg gesprochen, schließlich sollte es ihr erster Ausflug in eine echte Großstadt werden. Wir hatten Bilderbücher wie „Komm mit, ich zeig’ dir Hamburg“ gelesen und ihnen vom Hafen, vom Hauptbahnhof, von Hagenbecks Tierpark, vom Rathaus und natürlich von der St.-Michaelis-Kirche erzählt, die von den Hamburgern nur liebevoll Michel genannt wird.

„Treffen wir denn da auch den Michel aus Lönneberga?“, will der Sechsjährige auf dem Weg zur Kirche wissen. Schließlich ist er von dem blonden Jungen und seinen Streichen aus Astrid Lindgrens Büchern schwer begeistert. Und guckt nun ein wenig enttäuscht, als die Eltern seine Frage verneinen. Der Blick von der Aussichtsplattform des Kirchturms entschädigt ihn aber schnell. „Wo hört die Stadt denn wieder auf?“, staunt er mehr als beeindruckt und ist begeistert wie klein die großen Dinge mit einem Mal sind. „Das Auto ist ja so klein, das könnte ich ja in meine Hosentasche stecken.“

Überhaupt verändert sich unser Blickwinkel auf diese Stadt, in der wir beide schon oft allein gewesen waren, ohne Kinder. Während wir am Jungfernstieg mitten in der City verträumt auf die Außenalster mit der Wasserfontäne, den dahingleitenden Schwänen und vorbeiziehenden Ausflugsbooten schauen, kehren die beiden Jungs dem Gewässer den Rücken zu und zählen stattdessen lieber Alarmanlagen an den Fassaden der teuren Geschäfte. Während wir das pralle Leben in dieser wunderbaren Stadt genießen, am liebsten noch so viele Lieblingsplätze aufsuchen würden, fragt der Sechsjährige irgendwann sichtlich genervt: „Warum sind denn hier sooo viele Menschen?“ Die Mama erklärt ihm umständlich, dass es eben „eine sehr große Stadt ist, in der sehr viele Menschen leben, arbeiten und täglich unterwegs sind“. Da erhellt sich seine Miene bereits wieder und er strahlt: „Gell, aber nicht an Regentagen, da sind nicht so viele unterwegs“

Regen aber sehen wir kaum in diesem Frühsommer. Manchmal ist das Leben eben ein einziges Missverständnis. Da sind wir in den hohen Norden gefahren, weil dort der Wind etwas rauer bläst, die Nächte so schön kühl sind – und die Luft so herrlich frisch ist. Stattdessen scheint ständig die Sonne, während der Süden friert.

Und in der Wärme eines solchen Frühsommertages kehren wir der Großstadt wieder den Rücken, genießen die Fahrt mit der Fähre auf der Elbe, raus aus der Stadt, zurück nach Finkenwerder und weiter mit dem Auto zu unserem Obsthof. Müde von den Eindrücken des Tages murmelt der Vierjährige in seinem Kindersitz: „Papa, ich schwitze! Stell’ die Kläranlage an!“ Auch das werden wir noch klären. Reisen bildet ja bekanntlich.
Ronja Vattes

ALTES LAND BEI HAMBURG
Vom Alten Land nach Hamburg: Am schönsten geht es vom Hafen in Finkenwerder mit der Linie 62 in 25 Minuten auf der Elbe bis zum Hamburger Hafen (Landungsbrücken). Die Fahrt ist im HVV-Tagesticket ab 9 Uhr für 5,40 Euro enthalten (5-Personen-Ticket: 9,20 Euro), http://www.hvv.de
Freizeit: Da das Alte Land topfeben ist, eignen sich die kleinen geteerten Straßen zwischen den Obstplantagen zum Inlineskaten und Radfahren. Eine gute Freizeitkarte mit Tourenvorschlägen gibt es im Carl H. Brütt Verlag „Radeln & Wandern – Altes Land“ (7,80 Euro).
Ausflugstipps: Zum Bummeln: Hafenstadt Stade. Zum Staunen: Ein (kinderwagentauglicher) Ausguckhügel auf das Airbusgelände liegt an der Straße von Cranz nach Finkenwerder, Tafeln erläutern die Flugzeugtypen. Zum Ausruhen in Hamburg: Der Park Planten un Blomen mit großem Spielplatz; Kinderfreundlich: Café Sternchance.
Kontakt: http://www.tourismus-altesland.de, http://www.hamburg.de, http://www.stade.de, http://www.ferienwohnung-altesland.de

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