Kein Typ fürs Digitale

Ging das so? Musikkassette einfach ans Ohr?

Ging das so? Musikkassette einfach ans Ohr?

Wer über mehrere Jahre mit dem gleichen Kollegen zusammenarbeitet, der kommt nicht umhin, ihn näher kennenzulernen. Verbringen wir doch je nach Beschäftigungsverhältnis mehr Zeit im Betrieb als mit den Lieben zu Hause. Nicht umsonst sprechen Experten deshalb auch von eheähnlichen Verhältnissen am Arbeitsplatz. Der Kollege uns gegenüber ist ein Sportler durch und durch, radelt, rennt, fährt Ski, kommt so jugendlich daher, dass man ihm nicht anmerken würde, wie bald schon er das halbe Jahrhundert voll macht. Doch ja, wir kennen ihn inzwischen besser. Schließlich teilen wir uns seit fünf Jahren das gleiche Büro. Nicht nur seitdem hat sich die Zeit stark gewandelt. CDs sind von gestern, Walkman gab’s mal in der Steinzeit, die Telefone sind keine Fernsprecher mehr mit gelben Zellen drumherum, nur drei Fernsehprogramme sind lange schon passé und selbst faxen tut heut kaum einer mehr. Kurzum: Wir leben in einer modernen Welt mit MP3, Smartphone, Twitter, Facebook, Internet.

Der jung gebliebene Kollege aber tut sich schwer. Getwittert hat er noch nie, für Facebook keine Zeit und erst vor wenigen Monaten seinen monströsen Handyknochen gegen ein cooles Smartphone getauscht. Doch irgendwie ging ihm das wohl zu schnell. Das moderne Teil hat er in einer Hülle versteckt, die an die gute alte Zeit erinnert: Es sieht aus wie eine Musikkassette. Nun sollte er vor kurzem ein Telefoninterview führen. Unser Arbeitgeber hat vor einiger Zeit extra eine topmoderne Telefonanlage installieren lassen. Mit digitaler Mitschneidefunktion, bei der das Gespräch direkt im WAV-Format auf dem Computer gespeichert wird. Und was macht der Kollege? Stellt beim Telefonieren auf Lautsprecher und lässt das Diktiergerät mit Bandkassette mitlaufen. Als wir das mit einem Augenrollen quittieren, sagt er nur: „Ich bin halt mehr so der analoge Typ.“ Immerhin müssen wir uns mit ihm nicht über falsch ausgedrückte Zahnpastatuben streiten.
Ronja Vattes

– Erschienen am 26. Juli 2013 in der Rubrik „Anna Loges“ auf der Seite „Digitales Leben“ der „Badischen Zeitung“ http://mehr.bz/vollanalog

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