Der Bummelzug der Erinnerung

Einsteigen, bitte! Die Bimmelbahn im Europapark

Einsteigen, bitte! Die Bimmelbahn im Europapark

Pling, pling, pling. Es ist dieses Geräusch, das Verheißungen weckt. Verheißungen auf Nervenkitzel und Popcorn, auf ein wenig Gegrusel und viel Gekicher. Pling, pling, pling. Es ist das Geräusch, das nur wenige Schritte nach dem Eintritt in den Europa-Park erklingt. Unbemerkt, ungehört von vielen. Die Massen drängen sich lärmend, schwatzend, suchend und rufend in den Park, vorwärts, da entlang, nein, hier, das ist kürzer, komm schnell!

Sie alle wollen Erster sein an der Silverstar und der Euro-Mir, bei Bluefire, Poseidon, Wodan oder der Schweizer Bobbahn. Alle wollen rasch die schnellsten Bahnen erreichen, die steilsten Kurven, den verrücktesten Looping, um ja nichts zu verpassen, um endlich in den Rausch der Geschwindigkeit zu geraten, der Lust, der Angst, der Verzückung im Bauch.

Während die Menschen weiterdrängen, weite Wege noch vor sich haben, bin ich bereits am Ziel: pling, pling, pling. Gemütlich zuckelt die Panoramabahn des Europa-Parks über die Schienen und fährt in den Bahnhof ein. Nur vereinzelt warten Menschen unter dem Bahnhofsdach. Die Bimmelbahn wird an diesem Morgen wenig beachtet. Sie kann nicht konkurrieren mit der Eleganz der schnittigen Achterbahnen, mit der technischen Ausgefeiltheit der gepolsterten Sitze und Sicherungsbügel, die einen bewahren sollen vor der gewaltigen Macht der Fliehkräfte. Die Panoramabahn aber macht: nichts. Nichts Spektakuläres jedenfalls. Sie transportiert auf schlichten Holzbänken die Besucher mit gemächlichen zwölf Stundenkilometern durch den Park, immer wieder die gleiche Runde, immer wieder ertönt dieses zarte: pling, pling, pling.

Pling, pling, pling: Bummelzug auf Sightseeingtour

Pling, pling, pling: Bummelzug auf Sightseeingtour

Rückblick: Es ist das Geräusch aus hellen Kindheitstagen, als ein Besuch im Europa-Park der Höhepunkt des Jahres war, lange ersehnt. Als ein Tag im Europa-Park noch ewig währte, Stunden voller Glück, mit Sommersonne auf der Haut, dem Geschmack von Erdbeereis auf den Lippen und dem ständigen Drang in den Füßen, diesen Park im Hüpfelschritt zu erkunden. Diesen Park, der damals vergleichsweise noch leer und winzig war und doch so riesig und aufregend erschien.

Während der Park sich über die Jahre hinweg wandelte, erweiterte, ausdehnte, raffinierter und zum Event wurde, blieb die Bimmelbahn, wie sie war. Mal ein neuer Anstrich, mal ein neues Dächle, Gittertüren statt Absperrketten, umbenannt, Panoramabahn statt Westernbahn. Schnickschnack. Sie ist und bleibt das ruhige Bindeglied zwischen den Aufgeregtheiten und Sensationen, zwischen dem Gestern und Heute. Die Bahn braucht keine Erklärung auf Englisch, Deutsch oder Französisch. Sie fährt einfach, pling, pling, pling, hält an, einsteigen, aussteigen. Mit ihr scheint das Leben wieder so einfach zu sein. Den Alltag, das Alter, hinter sich lassen, dem Abenteuer entgegen – die Wege, sie führen nur grade aus. Einsteigen, bitte!
Ronja Vattes

– Erschienen am 19. Juli 2013 in der „Reise & Freizeit“-Beilage der „Badischen Zeitung“ http://mehr.bz/pling

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