Nur Bares ist Wahres?

Dass wir für unsere Familienkutsche Reifen eines französischen Herstellers gewählt haben, brachte uns ein kleines Plastikkärtchen ein. Dabei handelt es sich aber keineswegs um eine weitere Kundenkarte, die die Sammlung in den Steckfächern des Geldbeutels erweitert, sondern eine Prepaid-Karte. Nicht mit einem Guthaben fürs mobile Telefonieren, dafür eines zum Tanken bei einer Markentankstelle. So steuerten wir beim nächsten Tankstopp eine entsprechende Zapfsäule an.

Nachdem der Durst unseres Fahrzeugs gestillt war, legten wir dem Tankwart gleich drei Plastikkärtchen auf die Theke: die Mitgliedskarte unseres Automobilclubs, die die Tankrechnung um einen Cent pro Liter reduzierte, die Prepaid-Karte zum Verrechnen unseres Guthabens, sowie die Kreditkarte für die Begleichung des Restbetrages. Als habe es ihm die Sprache verschlagen, zog der Tankstellenpächter die Kartensammlung durch seine Kasse. Mit Übergabe der Quittung war er wieder bei Stimme. Wortgewaltig schimpfte er plötzlich über das „Plastikzeug“, das alles komplizierter mache und viel Zeit koste. Mit Bargeld sei früher alles viel schneller gegangen.

Damit meinte er wohl jene Zeiten, als die Spritpreise eher selten kletterten, dafür aber die Tankstellenbesitzer gleich mit. Hoch oben auf der Leiter aktualisierten sie ihre Preistafeln. Kein Gedanke daran, dass sie den Benzinpreis einmal per Tastendruck um satte drei Cent nach oben schnellen lassen könnten, während wir vor der Zapfsäule mal eben versuchen, eine defekte Birne aus dem Frontscheinwerfer zu fummeln.

Dies, so erzählten noch unsere Väter, erledigte einst der Tankwart für sie, füllte nebenher den Tank und putzte die Scheiben. Zum Begleichen der Tankrechnung mussten sie ihrer Geldbörse dennoch nur einen Bruchteil dessen entnehmen, was der Durchschnittsbürger gemeinhin an Bargeld mit sich führte. Heute reicht hierzu selbst der Inhalt unseres Sparstrumpfes nicht mehr. Doch wenn der Tankwart so unter dem digitalen Zahlungsverkehr leidet, bieten wir ihm künftig gern wieder Bares. Er sollte dann aber auch unsere Scheiben putzen, die Beleuchtung in Ordnung bringen, Ölstand sowie Reifendruck messen und sich am Ende – wie einst bei unseren Vätern – mit dem begnügen, was wir im Geldbeutel haben.
Anselm Bußhoff

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