Mit Zwergen in den Bergen

Autorin: Ronja Vattes - rovline
Gipfelglück mit Kindern: Aaaaameisenscheiße

Gipfelglück mit Kindern: Aaaaameisenscheiiiißeeeee

„Aaaaameisenscheiiißeeeeee!“, schallt es lauthals aus drei Kinderkehlen. Ihr Geschrei übertönt sogar den rauen Wind, der um den schneebedeckten Gipfel braust, an unseren Jacken zerrt, uns mitreißen will in die kalte, weiße, glitzernde Welt eines Sommertages in den Schweizer Alpen. Gezwungenermaßen schreien nun auch wir Eltern lachend mit, lassen dabei die Kamera nicht aus dem Blick. Klick!

Wenige Sekunden zuvor hatten wir noch versucht anzumerken, dass wir ja früher brav „Marmelade“ oder „Cheeeese“ gerufen haben beim Fotografiertwerden. Schnickschnack. Heutzutage heißt das: Ameisenscheiße. Das weiß jedes Kindergartenkind. Und wir jetzt auch. Was tut man nicht alles für ein gelungenes Urlaubsfoto? Für ein Urlaubsfoto, das zeigen soll, wie gelungen der Urlaub war – auch wenn es nicht stets danach aussah.

Mit Kindern ist das Leben anders. Klar. Das Reisen auch. Wie anders, das wurde uns spätestens in diesem, eigentlich unwichtigen, winzigen Moment klar. Klick! Wir hatten so viele Bilder im Kopf und im Herzen von früheren Reisen in die Berge: Mit dem alten Opel Kadett C auf holprigen Pisten über die französischen Alpen. Ohne Plan, aber mit viel Lust auf Abenteuer im Gepäck. Klick! Auf dem Mountainbike die Serpentinen hoch in den Pyrenäen. Klick! Die Eisschicht, die sich in einer überraschend kalten Septembernacht im Schweizer Binntal auf dem Zelt gebildet hatte. Klick! Oder wie wir den Blick über den Vierwaldstätter See zu den in der Hitze flirrenden Bergen gleiten ließen, die Haare noch nass von den letzten Zügen im See. Erinnerungen an eine andere Zeit. Klick!

Wie nur bringen wir unseren Kindern nahe, was Berge so toll macht? Warum es uns in den Füßen kitzelt, wenn wir die felsigen Zacken sehen? Warum wir da unbedingt raufwollen? Trotz Kindern oder gerade deswegen. Klick!

Bislang kannten Paul (8), Peer (6) und Elisa (3) Berge eher im Zwergenformat: Ein bisschen Kaiserstuhl, ein bisschen Schwarzwald, Berge versteckt im Nebel im Allgäu, ein bisschen Kühe treiben im französischen Jura. Jetzt also Schweiz. Richtig Berg. Richtig Gipfel. Richtig hoch.

Doch mit kleinen Kindern geht nichts schnell, erst recht nichts schnell hoch. Weder zu Fuß noch mit dem Auto. Zu unserem idyllisch auf einer Sonnenterrasse gelegenen Feriendorf in Hasliberg führen einige Kurven. Das geht nur langsam, wenn es spuckfrei sein soll. Doch das Gegurke lohnt sich: Während unsere Kinder erst die Ferienwohnung und dann das riesige Außengelände begeistert in Beschlag nehmen, Fußball spielen, sandeln, den Gebirgsbach stauen – schauen wir Eltern verzückt auf Wetterhorn und Schwarzhorn. Stoßen uns gegenseitig in die Rippen, werfen den noch schneebedeckten Gipfeln sehnsüchtige Blicke zu: „Ohgott, wie schön! Da oben, siehst du den kleinen Pfad? Da entlangwandern …“

Wenige Stunden später verdrehen Paul, Peer und Elisa bereits genervt die Augen, können unser Geseufze nicht mehr hören. Das muss ein Ende haben, wir müssen endlich rauf auf so einen Berg! Und zwar schnell.

Fast 3000 Höhenmeter in zweieinhalb Stunden

Auf dem Weg zum Jungfraujoch: Zwischenstation am Eismeer

Auf dem Weg zum Jungfraujoch: Zwischenstation am Eismeer – Bilder: Anselm Bußhoff

Schnell hoch hinauf geht es mit Kindern nur mit technischer Hilfe. Von Interlaken aus starten wir zusammen mit Scharen von Indern, Japanern und Mexikanern mit der Bahn über die Kleine Scheidegg hoch zum Jungfraujoch. Von 568 Metern wird sich der Zug in zweieinhalb Stunden bis auf 3454 Meter hochschrauben. Wer von irgendwoher auf der Welt nach Europa kommt und nicht aufs Geld schaut, macht diese Tour mit: zu Europas höchst gelegener Eisenbahnstation. Mit Kinderwagen oder in Badelatschen. Hightech-gerüstet oder vom Rollator gestützt.

Als sich nach Abfahrt die erste Aufregung übers Zugfahren gelegt hat, die Ohren das ständige Klick! Klick! Klick! um uns auszublenden beginnen, öffnen wir das Abteilfenster, saugen die vom Morgentau noch feuchte Luft ein, den würzigen Geruch nach Gletscherbach und warmem Sommerheu. Schrauben uns Minute um Minute höher. Frösteln. Eine Wolke umarmt den Berg, schmiegt sich wie ein flauschiger Schal um den Gipfel. Der Zug vibriert, rattert, schwankt. Menschen rufen durcheinander, essen Wurstbrote, ein Heidi-Clip wackelt übers Zugdisplay. Wir fühlen uns benebelt. Die Durchsagen gehen in der allgemeinen Volksfeststimmung der Mitreisenden unter. Holzhäuser mit roten Geranien und blauen Fensterläden ziehen vorbei. Glitzernder Schnee. Ein graubrauner Berg wie aus Schokolade, der Wald grün wie Götterspeise und ganz oben hat es Puderzucker draufgeschneit. Elisa, unsere dreijährige Tochter, staunt: „Oh, Mama, gell so schön ist die Welt.“

Oben angekommen, schwanken wir zwischen völliger Begeisterung und totaler Überforderung. Der Gipfel!
Der Schnee! Diese Wunderwelt! Wir kämpfen gegen das irreale Gefühl, das die plötzliche Höhe, das gleißende Licht, die vielen Menschen, der Durst und der unfassbar schöne Blick auf die zum Greifen nahe Jungfrau mit sich bringen. Eine Überdosis Berg.

Zu Fuss den Zwergen nach

Zwerge in den Bergen: Immer langsam voran.

Zwerge in den Bergen: Immer langsam voran.

„Papa, wieso sprechen die hier so komisch? Was ist denn z’Nüni? Und was ist Tan-nen-zap-fen-tröch-ni?“, will Paul, unser Ältester, wissen, als wir am nächsten Tag auf dem Weg zu unserer ersten echten Bergwanderung sind und er den Plan des Zwergenweges studiert. Wir haben beschlossen, nicht völlig naiv darauf zu vertrauen, dass unsere Kinder Berge schon toll finden, nur weil es Berge sind. Und dass sie das Wandern lieben werden, nur weil man keuchend einen Fuß vor den anderen setzt. Deshalb stehen heute auf dem Programm: Eine Gondelfahrt von Bidmi zur Mägisalp und von dort auf dem Muggestutzweg zurück zur Talstation. Muggestutz, so heißt der Zwerg, dessen Geschichte entlang des Weges mit Spielstationen erzählt wird. Was Tannenzapfentröchni ist, haben die Kinder schnell begriffen: An einer der Stationen gilt es Tannenzapfen zu sammeln, mit einer Korbseilwinde nach oben zu hieven – und durch eine Holzröhre wieder nach unten zu schicken. Auch andere Familien sind auf dem fünf Kilometer langen Bergerlebnispfad unterwegs, die Kinder sind voll Eifer in ihr gemeinsames Spiel vertieft, könnten stundenlang so weitermachen. Wir nicht. Denn wir haben gerade erst schlappe 800 Meter des Weges geschafft. Der Berg ruft! Himmel, warum nur hören ihn unsere Kinder nicht?

So geht es von Station zu Station. Irgendwann zügeln wir unsere Ungeduld, lassen uns ein auf die Entdeckungen am Wegesrand, trödeln mit. Und die Kinder halten durch, finden ihr Tempo, werden neugierig auf die nächste Wegbiegung, kraxeln über Felsen und Baumwurzeln, erobern sich Schritt für Schritt die Steigungen und das Gefälle. Trinken Quellwasser, bestaunen Enzian, entdecken Käfer. Wir genießen die Sonne, es geht langsam voran, aber als wir das Strahlen in den Augen unserer Kinder sehen, nachdem sie die Strecke gemeistert haben, ahnen wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Mit der Gondel zum Gipfelglück

Der Berg ruft! Irgendwann hören auch die Kinder sein Rufen.

Der Berg ruft! Irgendwann hören ihn auch die Kinder.

Das Große geschieht oft in den kleinen, den zarten Momenten. Unser Höhenrausch, unser Gipfelglück, unser Fast-so-wie-früher-aber-heute-auch-viel-schöner-Gefühl stellt sich in einem Moment ein, der so nicht geplant war. Wir sind mit der Gondel hoch auf den Planplatten zum Alpen Tower gefahren, weil wir noch mehr Berg wollen. Nochmal hoch.

Als wir die Gondel verlassen, packt uns ein stürmischer, kalter Wind. Der Himmel ist zerrissen, nicht werbeblau, nicht himmelweit. Wolken jagen über uns hinweg. Und unsere Kinder ihnen hinterher. Sind hin- und hergerissen zwischen vor Kälte jammernd und glückselig in den letzten Schneefetzen herumtollend. Wir sind beinahe allein. Dieser Gipfelmoment gehört uns. Erinnerungen an früher: An das euphorische, das erhabene, fast heilig-stille Gefühl, nach einer anstrengenden Wanderung den Gipfel, das Ziel endlich erreicht zu haben. Dem Himmel nah zu sein. Jetzt ist es wieder da. Es muss der Wind sein, der uns die Tränen in die Augen treibt. Wir rücken alle dicht zusammen, lachen, rufen glückstrunken: „Aaaaameisenscheißeee!“ Es hat Klick gemacht. Und wir sind uns sicher: Auch bei unseren Kindern.

FERIEN IN HASLIBERG UND DER JUNGFRAUREGION
Anreise: Von Freiburg aus sind es rund 210 Kilometer bis Hasliberg oder rund 220 Kilometer bis Interlaken.
Unterkunft: Die Schweizer Reisekasse Reka unterhält rund 3000 Ferienwohnungen, Mobilehomes, Zelte, Hotels und 13 Feriendörfer mit familienfreundlichen Angeboten (Internet: http://www.reka.ch)
Bergerlebnispfad Muggestutzweg: Mit der Gondel von Hasliberg bis zur Mägisalp. Rund fünf Kilometer geht es mit Zwischenanstiegen bergab zur Mittelstation in Bidmi. Nicht kinderwagengeeignet (www.meiringen-hasliberg.ch)
Jungfraubahn: 0041/338287233, http://www.jungfrau.ch
Kontakt: Schweiz Tourismus, Rossmarkt 23, 60311 Frankfurt, 00800/10020029 (gebührenfrei), Internet: http://www.myswitzerland.com

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