Eselei im Kinderhort

Mit Kindern, so heißt es, werden Eltern selbst wieder zum Kind. Da mag was Wahres dran sein. Spielen, Tollen, Raufen und manch Albernheit würde einem Erwachsenen in kinderlosen Tagen wohl nicht in den Sinn kommen. Kaum hat sich Nachwuchs eingestellt, ändert sich das. Papa und Mama lassen fast keinen Blödsinn aus, um die Sprösslinge bei Laune zu halten. Nur die Kindergartenzeit, die haben sie für sich längst abgehakt. Wer rechnet schon damit, vierzig Jahre nachdem er aus dem Hort ins wahre Leben geschickt wurde, nochmals zurückzukehren. Doch unverhofft kommt oft. Weil der Sohn sich vom Papa leichter lösen könne, so hatte die Mama nach den ersten Fehlversuchen entschieden, sei es jetzt an ihm, den Filius zum Kindergarten zu bringen.

Und da stehen sie nun – Vater und Sohn, von Lösen keine Spur: Der Dreijährige hängt wie eine Klette an seinem Papa und wiederholt unter Tränen permanent, „Papa nich gehen! Hier bleiben!“ So findet sich ein Zwei-Meter-Kerl, statt wie geplant am Arbeitsplatz, wenig später in einem Stuhlkreis wieder. Zwanzig Drei- bis Fünfjährige ziehen als Eselchen durchs Rund – ein alter Esel mittendrin. Krabbelt auf allen vieren und wackelt mit dem Hinterteil, grad wie das Liedchen es so will. Dem Sohn, der kurz zuvor noch lauthals lachend festgestellt hatte, „so viele Esel“, gefrieren plötzlich die Gesichtszüge. Angesichts der Eselei seines Vaters verharrt er wie versteinert auf seinem Stühlchen und ruft entsetzt: „Papa, nich machen!“
Anselm Bußhoff

P.S.: Nach dieser Episode war die Eingewöhnung des Sohnes in den Kindergarten geschafft. Papa sollte ihn noch drei Jahre lang fast täglich in den Kindergarten bringen. In den Stuhlkreis ging der Sohn von da an alleine. Papa wurde an der Tür zum Gruppenraum verabschiedet.

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