Geschickt eingefädelt

Wenn sich der Kindergarten zum Familienzentrum entwickeln will, kommt Freude auf. Werden wir unseren Nachwuchs nicht nur gemeinsam dort hin bringen, sondern ihn künftig auch zusammen wieder abholen und wenn’s sein muss, mal nachmittags vorbeischicken können? Bislang ist all das nicht möglich. Kurz vor 12.30 Uhr eilen wir zur Kita, weil die Zweijährigengruppe unserer Jüngsten schließt, um mit ihr eine Stunde später erneut dorthin zu hasten. Nun endet die verlängerte Öffnungszeit, die ausschließlich von den beiden Älteren besucht werden darf. Nachmittags bleiben alle drei daheim. Für die Zweijährigen findet dann nichts mehr statt und für die Älteren gilt, wer vormittags länger bleibt, darf später nicht mehr kommen.

In einem Familienzentrum, so malen wir uns aus, muss sich unser Alltag nicht mehr an den Kitazeiten ausrichten, sondern der Kindergarten geht auf unsere Bedürfnisse ein. Doch wir ahnen bald, dass unser Kinderhort ein Familienzentrum etwas anders definiert. Neben den Kindern sollen sich hier auch Papa, Mama sowie Opas und Omas ein Stelldichein geben. Während Opa die Botanik pflegt, Schwiegervater die Sandkästen umgräbt und die Omas kochen und backen, bastelt Mama mit den Kleinen und Papa macht im Stuhlkreis den Affen. Begleitet von sinnigen Kinderreimen hoppelt er als Osterhase „durch das Gras, wackelt mit dem Schwänzchen, und das macht viel Spaß“. Widerspruch zwecklos.

Wenn wir uns doch mal erdreisten, anzudeuten, die Betreuungszeiten von gestern könnten heute nicht die von morgen sein, werden wir gnadenlos erinnert: Die Wahl des Kindergartens lag bei uns – für die Entscheidung habe es sicher gute Gründe gegeben. Trennungsangst muss darunter gewesen sein. Denn in Sachen Schließtage ist unsere Kita Spitze. Auf einer nach oben offenen Skala sind es derzeit knapp 40 Tage im Jahr, an denen Opa, Oma, Mama oder Papa daheim auf die Sprösslinge aufpassen dürfen. Aufgaben gibt’s auch hier genug. Zuletzt waren Eier auszublasen. Bemalt wurde zwar im Kinderhort, doch das Einfummeln der Aufhänger erstmals delegiert. Für die Einfädelei, teilten uns die Erzieherinnen bei einem Elternabend mit, sei im Kitaalltag kein Platz mehr. So fädelten wir also selbst – und meinen uns zu erinnern, wieso wir einst diesen Kindergarten gewählt haben. Wir wollten genau das nicht: einfädeln müssen!
Anselm Bußhoff

P.S.: Als launige Beschreibung der Rahmenbedingungen berufstätiger Eltern mit Kindergartenkindern gedacht, ist der Beitrag in unserer Kita einst weniger gut angekommen. Zum einen konfrontierte er uns auf offener Straße mit einem Pfarrherrn, der, das Gotteslob schwingend, mit zum Lobe Gottes kaum geeigneten Worten hinter uns herwütete. Zum anderen brachte er uns die Nachfrage, ob wir unsere Kinder nicht besser aus der Einrichtung nehmen wollen. Diesem Wunsche wollten nicht entsprechen. Auch weil wir von der inhaltlichen Arbeit bis heute überzeugt sind. Geändert hat sich seither dennoch einiges. Zum Familienzentrum hat es unser Kindergarten zwar nicht gebracht, dafür wurde die Zahl der Schließtage deutlich verringert. Auch bei den Öffnungszeiten von Kinderhort und verlängerter Öffnungszeit gab es Entgegenkommen. Zerrüttet blieb allein das Verhältnis zum damaligen Pfarrer. Dieser übt sich inzwischen allerdings andernorts in christlicher Seelsorge.

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