Kindheitstraum im Reitgepäck

Himmlische Stille und schmerzende Knochen: ein Wanderritt zum Feldberg

Himmlische Stille und schmerzende Knochen:
ein Wanderritt zum Feldberg

Normalerweise würde ich selbstbewusst, ja, beinahe beschwingt Fragen nach meinem Alter beantworten. Heute aber fühle ich jedes einzelne dieser Jahre in meinen Knochen, genauer: jedes dieser Jahre in jedem einzelnen meiner Knochen. In Knochen, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie habe. So sieht er also aus, mein Kindheitstraum.

Er stammt aus Tagen, als ich noch klein und jedes Pferd so groß und soo toll war. Ich muss etwa zehn Jahre alt gewesen sein, jede freie Minute verbrachte ich im Stall. Jedes Stückchen Mähne, jeder Pferdeschweif, jedes noch so entfernte Hufgetrappel elektrisierte mich: Da! Ein Pferd! Wenn ich einmal reiten durfte, fühlte ich mich leicht und frei, trunken vor Glück.

Doch nun bin ich unterwegs mit Klaus und Christian und meiner Kollegin Andrea. Jahre später, völlig untrainiert. Unterwegs auf einer geführten Wanderreittour vom Schauinsland zum Feldberg, unterwegs durch den Schwarzwald, vorbei an plätschernden Bächen, knorpeligen Bäumen, atemberaubenden Aussichtspunkten. Zwei Tage zu Pferde, im Gepäck meinen Traum aus Kindheitstagen. Angekommen in der Realität.

Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen, mit einer kleinen Anzeige in einer Broschüre. Ein Stück helle Mähne, ein Pferdekopf, das hatte gereicht, um meine Aufmerksamkeit zu fesseln. „Es muss nicht immer Kanada sein – Wanderreiten im Schwarzwald“. Da war es wieder, dieses Kribbeln, dieses kindlich-naive Juhuu-Gefühl. Diese Tour musste einfach sein. Andrea ging es ebenso.

Doch jetzt in diesem Moment geht bei uns beiden nichts mehr. Vor uns liegen noch etwa eine gute Stunde Reitzeit bis zur Menzenschwander Hütte nahe der Feldbergpasshöhe. Hinter uns liegen: vier Stunden im Westernsattel. Klaus, unser Führer, und Christian, ein ebenfalls passionierter Reiter, wirken entspannt, leicht und frei. Andrea und ich versuchen krampfhaft entspannt auszusehen. Es gelingt uns nicht, der ganze Körper schmerzt.

Könnte der Schmerz auch nur einen Moment schweigen, würde das Herz sich erinnern und zu erzählen beginnen:

Von unserem Start in Hofsgrund, als wir noch ein wenig steif auf unsere Haflinger stiegen, erwartungsvoll, beklommen, aufgeregt. Wie ging das doch alles gleich? Lenken, bremsen, Trab, Galopp? Wie wir langsam, auf dem Westweg zur Stübenwasener Hütte, lockerer wurden, die Freude an der Bewegung allmählich sich einstellte: Es geht! Wir können das noch!

Und wie wir endlich Zeit hatten, nicht nur die Augen zu öffnen. Wir lauschten dem sanften Flüstern des Mischwaldes, dem Raunen der Tannen am Berg, dem feuchten Schmatzen des Mooses am Bach. Saugten ihn ein, den Geruch nach Leder und Pferd und der dunklen Hitze des Waldes. Wir hörten das Knirschen der Hufe auf Kies, das Klackern auf Teer, das Klopfen im Gras – und hörten, wie die Zeit allmählich das Ticken verlernt.

Dann werden wir jäh herausgerissen aus dem rhythmischen Schaukeln, dem Gleichmaß, der Ruhe zu Pferde. Huch, so muss sich George Clooney fühlen! Am Wegrand stehen Menschen, Kameras klicken, Frauen und Mädchen verfolgen uns mit sehnsüchtigen Blicken. „Mama, schau mal, Pfeeerde!“

Wie viele Mädchen hatte ich einst Bücher gelesen wie „Bille & Zottel“ oder „Reiterhof Dreililien“ und träumte vom Reiten, von Ausritten, und natürlich von einem eigenen Pferd. Besser noch: mit dem eigenen Pferd auf Tour zu gehen, im Galopp durch den Wald, reitend die Gegend, ach was, die Welt zu erobern.

Das mit dem Reiten hat damals geklappt, der Rest nicht. Doch die Sehnsucht blieb.

Es ist Abend geworden auf unserer Tour. Wir haben unser Ziel an diesem Tag doch noch erreicht. Müde und aufgekratzt, hungrig, aber die Seele satt und zufrieden, sitzen wir in der rustikalen Menzenschwander Hütte zusammen. Zwei Hunde liegen dösend unterm Tisch, unser Muskelkater stört sie nicht. Hausgemachte Spätzle mit Rahmgeschnetzeltem und Pfifferlingen, ein gutes Glas Wein, die Gruppe wird redselig. Außer uns Vieren sitzen auch unsere Geschichten und unsere Träume am Tisch. Klaus „haben Pferde schon immer fasziniert“, doch erst mit Mitte zwanzig begann er zu reiten. Heute genießt er das Leben mit seiner Familie und den fünf Pferden. Im Alltag führt er eine Sägerei, aber abends und am Wochenende zieht es ihn in den Wald, auf den Berg: „Das Handy aus, einfach weg sein und immer wieder die Natur neu entdecken.“

Christian wollte „schon als kleiner Junge Cowboy werden“. Den Traum hat er sich erfüllt. Seit 20 Jahren fliegt er jedes Jahr für sechs Wochen an den Rand der Rocky Mountains, um auf einer Farm zu arbeiten. 5000 Rinder, zwölf Stunden schuften Tag für Tag. Da heißt es Zähne zusammenbeißen und die Einsamkeit genießen lernen. „Cowboy ist eine Lebenseinstellung.“

Andrea, meine Kollegin, fand Pferde auch „schon immer toll“. Doch oft fehlte die Zeit, der richtige Ort. Am Ende, nach unserer Tour wird sie sagen: „Mensch, lass uns das öfter machen, einfach samstags mal reiten gehen, einen Ausritt machen…“

Weit nach Mitternacht kriechen wir in unsere Schlafsäcke, es wird eine sternklare, traumlose Nacht, 8 Grad mitten im Sommer. Vor uns ein weiterer Tagesritt, zurück nach Hofsgrund, die Knochen schwer, beinahe wund. Die Sonne wird scheinen.

Jetzt, Tage später, da der Schmerz verklungen ist, der Alltag uns längst wieder gefangen hat, die Augen müde auf Bildschirm, gehetzt auf Uhr, Termine, Kalender und Listen starren, kehren die Gedanken von Zeit zu Zeit zurück zu unserem Ritt…

Das Herz würde innehalten und von dem Moment an der Baldenweger Hütte erzählen, als wir auf schlichten Holzbänken in der Sonne saßen, die Wangen rosig, der Bauch friedlich gestimmt mit Kartoffelsuppe und Schwarzwälder Kirschtorte, die Pferde auf der Wiese grasend… und wir einen Steinadler sahen, wie er majestätisch am blauen Himmel flog, seine großen Kreise über dem Tal, umgeben von Schwarzwaldhöhen zog.

Leicht und frei.
Ronja Vattes

Wanderreiten im Schwarzwald
Ausritte, Tagestouren und mehrtägige Wanderreittouren sind buchbar bei Klaus und Andrea Steiger in Hofsgrund, 07602/551 oder per E-Mail: K-Steiger@web.de,
http://www.wanderreiten-schwarzwald.de
Die Wanderritte werden nur für geübte Reiter angeboten.
Wer sich mit eigenen Pferden auf Tour begeben will, findet eine Übersicht pferdefreundlicher Hütten und Wanderreitstationen unter:
http://www.wanderreiten-im-naturpark-suedschwarzwald.de

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