Regen im Kleinwalsertakt

Mittelberg im Kleinwalsertal - Bild: Anselm Bußhoff

Mittelberg im Kleinwalsertal – Bild: Anselm Bußhoff

Es ist der Urlaub, in dem wir uns getrennt haben – und in dem unsere Familie dennoch Zuwachs bekommen sollte. Nicht dass wir das so geplant hätten, es geschah unverhofft. Und wir sind uns auch heute noch nicht sicher, was wir von dem Zwerg halten sollen.

In jener Woche hatte es tagelang geregnet. Nicht nur ein bisschen, es goss aus Kübeln. Zwei Erwachsene und drei Kinder hatten sich monatelang gefreut auf das „s’icke Motel“ (Sprich: schicke Hotel). Und nach gefühlten 800, in Wirklichkeit aber nur 260 Kilometern Fragestrecke („Wann sind wir endlich da?“, „Papa, mir ist schlecht“, „Gibt’s noch Gummelbärle?“) hatten wir endlich das Ziel erreicht: Das österreichische Kleinwalsertal, genauer Mittelberg, inmitten von saftigen Wiesen, hohen Bergen, einem fantastischen Panorama „Was? Wir sind da??!“ Mehr als verdattert guckt der Fünfjährige aus dem Autofenster und reibt sich die Augen. „Aber ihr habt doch gesagt, wir fahren in die Berge?“

Die jedoch hatten sich gründlich versteckt, hinter bleigrauen und regentonnenschweren Wolken. „Morgen sieht es bestimmt schon anders aus“, wird der Nachwuchs vertröstet. Wir konnten ja nicht ahnen, dass das Wetter auch den Rest unserer Ferien nicht besser werden würde.

Normalerweise wäre damit unser Schicksal besiegelt gewesen. Prädikat: katastrophal. Eine freundliche Umschreibung für einen wirklich miesen Urlaub, den man lieber abbricht als bis zum bitteren Ende durchhält. Denn welchen Eltern treibt der Gedanke an acht Regentage mit drei kleinen, quirrligen Kindern in einem Hotelzimmer keinen Angstschweiß auf die Stirn?

DIE TRENNUNG
„Na, wer seid’s ihr denn?“ Eine zierliche, ältere Frau beugt sich freundlich lächelnd zu Paul (5), Peer (3) und Elisa (1) herunter – und bekommt erst einmal keine Antwort. Skeptisch blicken sie sechs Kinderaugen an. Kurze Zeit später werden die Jungs nur noch von „der Traudel“ sprechen. Die Eltern sind abgeschrieben. „Ihr könnt jetzt gehen“, beschließt Paul und schiebt die Eltern zur Tür.

Auch Kinder wollen mal ihre Ruhe haben. Wobei „Ruhe“ es nicht ganz trifft. Der Lärmpegel im Kinderbereich des Hotels Rosenhof ist beträchtlich. Die Kinder stört das wenig. In Hochzeiten tollen, toben, turnen, basteln, backen und batiken hier schon mal zwei Dutzend Kinder und Jugendliche, je nachdem wie viele Familien die Kinderbetreuung in Anspruch nehmen. Wo in manchen Ferienclubs Kinderpartys zwischen Karaoke, Kitsch und Klamauk auf dem Programm stehen, wird hier das eher Einfache großartig. Ein abendlicher Besuch im Ziegenstall. Oder mit dem Koch in der großen Hotelküche Pfannkuchen backen und essen. Bei besserem Wetter gäbe es Kletterkurse. Waldtage. Lagerfeuer. Und Boote aus Baumrinden basteln und Staudämme bauen am Fluss (das geht auch bei Regen, denn nass wird man dabei selbst bei Sonnenschein).

Während die Kinder bei der Traudel und der Nadine sind, gehen auch die Eltern mitunter getrennte Wege. Mama lässt sich bei einer Hot-Stone-Therapie im Wellnessbereich massieren. Papa nutzt den Mittagsschlaf der Kleinen, um mal wieder in Ruhe zu lesen, mehrere Seiten am Stück. Oder selbst ein wenig zu dösen und davon zu träumen, wie es gewesen wäre, in dieser wunderbaren Landschaft, in reiner Gebirgsluft zu joggen Doch es ist das beständige Plätschern vor dem Fenster, das ihn wecken wird.

DAS KLEINE ABENTEUER
Nach zwei Tagen haben wir uns eingefunden in die Welt der gemeinsamen und der getrennten Urlaubsstunden. Ist der Kinderbereich geschlossen, stürzen wir uns in die kleinen Abenteuer eines Urlaubs mit Kindern. Zum ersten Mal Seilbahn fahren, zum Beispiel. Dass wir kaum Sicht haben, egal. „Schwankt ja so lustig“, erklärt der Fünfjährige freudestrahlend dem etwas blassen Papa – und hüpft noch einmal in die Luft.

Oder wir genießen das hoteleigene Schwimmbad mit Blick auf Tannen (und ab und an auch auf steile Berge). Die Kinder spritzen, planschen, kichern, kreischen – und kriegen sich nicht mehr ein über die bereitliegenden Schwimmnudeln: „Gibt’s die auch mit Tomatensoße? Werden die erst noch gekocht? Warum heißen die denn so?“

Oder wir machen – vor Nässe triefend – einen kleinen Ausflug in den Ort. Kaufen uns im pure Natur verheißenden „Hoflaada“ Bergkäse, Landjäger und Kaminwurz und hören, wie selbst die Inhaberin stöhnt: „So viel g’regnet an einem Stück hat’s hier schon lang nicht mehr!“

Bei schönem Wetter könnten wir mit dem Kinderwagen immer eben am Hang entlang von Bergbahn zu Bergbahn wandern. Stattdessen entscheiden wir uns für die trockenere, weil überdachte Kutschfahrt. Die Erwachsenen genießen die frische Luft, die Kinder – halb entrüstet, halb begeistert – das lautstarke Gepupse der stattlichen Pferde. Und gemeinsam lauschen wir dem Geklapper der Hufe, lassen uns sanft die Bergsträßchen entlangschaukeln und gucken einfach den Wolken zu, wie sie mal höher, mal tiefer hängen, wie der Regen mal lauter und mal leiser auf das Planwagendach trommelt. Regen im Kleinwalsertakt.

DER MORGEN DANACH
Nach dem Frühstück stürmen die Kinder in unser Appartement, um zu sehen, was das Zimmermädchen wieder aus unseren Betten gemacht hat. Mal sind die Bettdecken kunstvoll gerollt und obendrauf thronen die von zu Hause mitgebrachten Kuscheltiere. Dann wieder hat sie den „Kleinen Raben Socke“ in einem Bettdeckenschiff versteckt. Die Kinder hüpfen begeistert um ihre Betten: „Wieso macht die das? Wie kann die das? Macht die etwa jeden Tag was Neues?“

ABENDS IM KERZENSCHEIN
Wenn die Eltern abends ohne Kinder ihr Menü im gemütlichen Gastraum des Hotels genießen und die Kleinen noch einmal in der Kinderbetreuung weilen, kehrt irgendwann zum Dessert Stille ein. Die Lichter gehen aus, nur die Kerzen brennen noch auf den Tischen. Eltern werfen sich romantische Blicke zu, dann ertönt aus Kinderkehlen, erst von fern, doch bald ganz nah „Der Sandmann ist da“. Und anschließend – oh Wunder! – gehen alle Kinder ganz ohne Diskussionen zu Bett. Müde von all den kleinen und großen Abenteuern. Der Abend gehört den Eltern.

DER FAMILIENZUWACHS
Normalerweise, wenn eine Familie Nachwuchs bekommt, stehen alle drumherum und seufzen: „Ach, wie süß!“, „Diese niedlichen kleinen Händchen!“, „Diese zarten Bäckchen und diese flaumigen Härchen!“ Unser Familienzuwachs löst bei nüchterner Betrachtung zwiespältige Gefühle aus: Klein ist er schon. Süß eher nicht. Seine Haare sind fisselig. Seine Nase knubbelig-dick. Seine Augen ein bisschen glubschig und seine Ohren stehen ab und er trägt eine rote Zipfelmütze. Gestatten: Zwärg Bartli, 356 Jahre alt und das Maskottchen vom Hotel Rosenhof. Und dennoch lieben ihn alle Kinder. Unsere auch.

Was in anderen Ferienanlagen den Eltern als Marketing-Klimbim sauer aufstoßen würde, ist hier zwar auch eine inzwischen ausgefeilte Werbestrategie, aber sie wirkt herzlicher als anderswo. Und das liegt am Seniorchef des Unternehmens, Gerd Hugger. Denn Hugger ist ein Mann, der gerne Geschichten erzählt. Von sich und seinem Leben, das einst in Offenburg in der Ortenau begann und ihn über Umwege und Schicksalsschläge ins Kleinwalsertal führte, wo er heute mit seiner Tochter die große Hotelanlage führt – und dem Zwärg Bartli Leben einhaucht.

Einmal pro Woche unterhält er sich, im alten Ohrensessel sitzend, mit der Handpuppe Zwärg Bartli. Kinder wie Erwachsene sitzen drum herum und lauschen den Abenteuern des alten Zwergs. Etwa wie er den Frühling aus den Klauen des Riesen befreite oder wie die Sache mit dem Zauberstift ausging. Die Geschichten liegen als kleine Heftle mit handgemalten Bildern auf den Zimmern, der Zwerg sitzt im Foyer. Es gibt ihn auch als Schlüsselanhänger, als Küchenschürze, auf dem Marmeladenglas – und als Plüschtier im hoteleigenen Shop.

Uns reicht er im Kopf unserer Kinder. Von Tag zu Tag macht sich der Zwerg mehr breit in unserem Leben. Es ist, als hätten wir ein viertes Kind bekommen. Egal, was wir unternehmen, der Zwerg ist auch dabei. „Wo wohnt denn der Zwerg Bärtli genau?“, will der Dreijährige nun ständig wissen. Geduldig erklärt Mama zum xten Mal, dass der Typ mit der roten Zipfelmütze „Zwärg Bartli“ und nicht „Zwerg Bärtli“ heißt, dass er in einer Hütte im Tal haust, „ach, irgendwo dahinten eben“.

Gaaanz schlechte Antwort, denn von nun an kommt an jeder Hütte, an jedem Haus die Frage: „Wohnt hier denn nun der Zwärg Bartli?“ Und Häuser und Hütten gibt es viele in Mittelberg, sehr viele.

DAS LEBEN DANACH
Und sollten Sie uns irgendwann mal zu Hause besuchen kommen: Wundern Sie sich nicht! Die Bettdecken unserer Kinder sind aufwendig als Schiff, Rolle oder Smokingfliege drappiert, abends ziehen drei kleine Kinder in lange Badetücher gehüllt mit ernsten Mienen singend durch die Wohnung. „Der Sandmann ist da“. Zwärg Bartli ist eben überall.
Ronja Vattes

Familienferien im Kleinwalsertal
Anreise: Von Freiburg am Bodensee entlang über Immenstadt und Oberstdorf nach Mittelberg (260 Kilometer, 5 Std.)
Wanderungen: Im Kleinwalsertal gibt es zahlreiche Strecken, die für Kinderwagen und Mountainbikes geeignet sind, z.B. auf dem „Oberen Höhenweg“ vom Heuberglift zum Zafernalift.
Falls es mal wieder regnet: Ausflug in die wildromantische Breitachklamm, wo es ein Informationszentrum gibt, in dem Filme, Wassermodelle und vieles mehr gezeigt werden (täglich geöffnet 8 bis 17 Uhr), http://www.breitachklamm.com
Familienferien: Vamos-Reisen bietet seit rund 25 Jahren Familienreisen unter dem Motto „Zeit für dich – Zeit für mich“, auch mit qualifizierter Kinderbetreuung an: http://www.vamos-reisen.de
Kontakt: Allgemeines zum Kleinwalsertal – http://www.kleinwalsertal.com;
Hotel Rosenhof – http://www.rosenhof.com

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